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Kultur Experte Chris Boos fürchtet keine KI
Nachrichten Kultur Experte Chris Boos fürchtet keine KI
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17:29 12.10.2018
KI-Experte Chris Boos auf dem 43. Mediengipfel im Potsdamer Nikolaisaal. Foto: André Wunstorf Quelle: André Wunstorf
Potsdam

Wenn Chris Boos überhaupt etwas Nerdiges an sich hat, dann sind es seine schlohweißen lockigen Haare und sein schwarzes T-Shirt mit einer physikalischen Formel als Aufdruck. Ansonsten mag man dem Gründer und Geschäftsführer der in Frankfurt am Main ansässigen Firma Arago nicht so recht glauben, dass er quasi sein ganzes Jugendleben mit dem Computer im Keller verbracht hat. Wer so klug über Politik, Gesellschaft und Kultur redet, wer mühelos auf die Entstehungsbedingungen von Händels Messias verweisen oder Vergleiche zwischen dem Abwassersystem der alten Römer und dem Dreck mittelalterlicher Städte anstellen kann, zugleich die Fragen der Radiomoderatorin Bettina Rust mit so charmanter Ironie pariert, dessen Horizont ist wahrhaft breiter als die 17 Zoll seines Laptops. Vielleicht ist Boos nur deshalb zum deutschen Pionier der Künstlichen Intelligenz (KI) geworden, weil er sich seinen Humor, seine Menschlichkeit und Weltoffenheit bewahrt hat.

Der Begriff KI ist schon 60 Jahre alt

Über das neue Verhältnis von „Mensch und Maschine“ im Zeitalter der durchgreifenden Digitalisierung sollte Boos am Donnerstag im Nikolaisaal bei 43. Mediengipfel Rede und Antwort stehen. Doch der 1972 in Konstanz geborene Computerwissenschaftler machte schon zu Beginn der Unterredung klar, dass das, was sich der Normalsterbliche unter KI vorstellt und schreckliche Ängste evoziert, im Wesentlichen Marketing geschuldet ist. Der Begriff KI sei tatsächlich schon im Jahre 1954 von der Georgetown Universität anlässlich ihrer Experimente mit einem automatischen Übersetzungssystem geprägt worden. Die Forscher hätten das vermeintlich einfache Prinzip einer automatischen Übersetzung auch nach 60 Jahren noch nicht abgeschlossen. Insofern handele es sich dabei „um ein ganz klassisches IT-Projekt“.

Ganz einfach ist demnach auch Boos eigene Definition von Künstlicher Intelligenz: „Es heißt nur KI solange es nicht funktioniert.“ Sobald es funktioniere, nenne man es zum Beispiel „Autofokus“ oder „Mailbox“. Funktionen, die heute weder bei Fotografen noch bei Handynutzer ungläubiges Staunen hervorrufen. Doch das Meiste, weswegen sich die Menschen vor KI fürchteten, sei einfach nur Projektion. „Maschinen verstehen gar nichts“, sagt Boos. Und: „KI und Gehirne haben nichts miteinander zu tun.“ Während ein Gehirn durchschnittlich auf 84 Milliarden neuronale Knoten komme, komme die beste KI auf vielleicht eine Milliarde Knoten. Und über eine eigene Chemie wie das Gehirn verfüge der Rechner schon gar nicht. Gerade Letztere mache die unendlichen Variationen im Denken und Erleben aus. Und Bewusstsein erklären könne man schon gar nicht.

Ja, aber das sogenannte tiefe Lernen, kontert Moderatorin Rust. Das habe immerhin dazu geführt, dass sogar ein Meister im Spiel Go von einer Maschine geschlagen worden sei. Und dieses Spiel erfordere viel Intuition, die Boos den Maschinen abspricht. Boos stimmt zu: „Die Maschine hat einen Zug gemacht, die der Mensch nie gemacht hätte.“ Das liege aber nur daran, dass Maschinen Muster erkennen können. „Die Maschine hat gelernt, auf bestimmte Muster zu reagieren und hat neue Muster gelernt, die der Mensch nicht kennt. Das ist nicht magisch aber cool.“ Auf eine völlig neue Idee komme aber auch ein Computer mit Deep Learning nicht. Man könne einen Computer zwar so programmieren, dass er Bilder im Stile Rembrandts male, aber anders als ein menschlicher Künstler käme er nie auf die Idee: „Hey, ich male jetzt nur noch blaue Rembrandtbilder.“

Was aber ist mit der menschlichen Arbeit, will Rust wissen. Sie erzählt von einem Zahnarztbesuch, bei dem ihr Gebiss vom Arzt nur noch abgefilmt wurde. Zwanzig Minuten später kam vermutlich ausgedruckt von einem 3-D-Drucker das perfekte Inlay aus einem anderen Raum. Was, fragt Rust, wird aus den vermutlich 49000 Zahntechniker, die derzeit noch diese Arbeit machen? „Welche Jobs es in zehn Jahren gibt, weiß ich nicht“, sagt Boos. Aber wirklich arbeitslos wären wir nur, wenn es nichts mehr zu tun gäbe. Das würde nie geschehen. Zum Beispiel wären sicher 49000 Menschen nötig, um mal ausgiebig mit Rechten zu diskutieren.

Reden und universelle Bildung

Das Miteinander Reden und die universelle Bildung sieht Boos sowieso als die großen Zukunftsaufgaben, die nach der totalen Automatisierung bleiben. Auch deshalb sei er in den Digitalrat der Bundesregierung eingetreten. Er habe die Hoffnung, dass dort überparteilich etwas bewegt werde. Das Reden sei auch deshalb so wichtig, weil man nur so den Wert anderer und ihrer Arbeit erkennen würde. „Man muss Respekt haben vor den Fähigkeiten anderer“, sagt Boos. „Ich denke, dass jeder Mensch etwas kann.“ Außerdem brauchen wir mehr Zeit. Zeit sei die einzige Ressource, die man nicht wiederbekomme. Mehr Zeit verschaffe uns aber die Automatisierung. „Was kann man tun, damit Menschen mehr Respekt vor der Zeit und vor der Arbeit anderer haben? Das ist der einzige Grund, weswegen wir KI brauchen.“

Boos ist ein Optimist und das ist auch gut so. Dunkle Seiten der IT gerieten an diesem sehr gelösten Abend denn auch aus dem Blick. Denn weder erläuterte Boos, wer genau nun die 49000 arbeitslos gewordenen Zahntechniker bezahlen soll, wenn sie sich erst einmal so herrlich sozial engagieren, noch nimmt man anstandslos ab, Facebook sei einfach nur eine technische Form des Gerüchts, also gar nicht so neu und schlimm. Donald Trump zum Beispiel arbeitet auch viel mit Gerüchten, aber was seinen Stimmenanteil im November 2016 zu drehen vermochte, waren nicht bloß Gerüchte. Es waren Facebook-Daten, die Cambridge Analytica erbeutet hatte und für zielgenaue Wahlwerbung mittels Algorithmen nutzte. Es war letztendlich auch KI, die einen unberechenbaren Populisten mit an die Macht brachte.

Von Rüdiger Braun

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