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Kultur Chronistin mit der „Leica"
Nachrichten Kultur Chronistin mit der „Leica"
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17:39 16.10.2017
Der Schauspieler Hans Albers (v.) 1931 mit dem Dramatiker Franz Molnár bei Proben zum Theaterstück „Liliom“. Quelle: Käthe Augenstein
Berlin

Faltig, von Adern durchzogen und mit lauter Altersflecken: zwei Hände, die rechte gerade mit dem Bleistift skizzierend. Ganz nah aufgenommen. Es sind die Hände Max Liebermanns, da muss er etwa 82 gewesen sein. „Wir haben das Foto im Jahr 2000 bei einer Auktion erworben“, erzählt Lucy Wasensteiner, „wir wussten, dass es von Käthe Augenstein ist und sie Pressefotografin war. Aber sonst sagte uns ihr Name wenig. Dann haben wir geforscht und fanden heraus, dass es einen Nachlass im Stadtarchiv Bonn gibt.“ Es ist ein fotografischer Schatz, der vor einigen Jahren aufgearbeitet wurde.

Martin Faass, Direktor der Berliner Liebermann-Villa hörte damals, dass dieses Bild mit den alten Händen des Malers Teil einer kleinen Serie über Liebermann ist. Dies war der Anstoß für die sehenswerte Ausstellung „Käthe Augenstein. Fotografien“, die jetzt dort gezeigt wird und von ihm und Wasensteiner kuratiert wurde. Mit 60 Aufnahmen, allesamt in Schwarz-Weiß, überwiegend Originale, Augenstein hat sie im Vintage-Silbergelatine-Verfahren aufs Fotopapier gebracht.

Von Bonn nach Berlin und zurück

Geboren wurde Käthe Augenstein am 20. Dezember 1899 in Bonn. Sie war die dritte und jüngste Tochter einer katholischen großbürgerlichen Familie. Vater Joseph war Biergroßhändler. Käthe besuchte das Mädchen-Lyzeum, schon als Teenager zog sie mit ihrer Plattenkamera herum, es folgte eine fotografische Grundausbildung.

Als Freiwillige war sie ab November 1917 beim Postüberwachungsdienst an der Westfront in Frankreich. Von dort verschickte sie Postkarten mit selbst aufgenommenen Motiven. Nach dem Luftangriff auf Bonn Ende Oktober 1918 kehrte sie zurück, hatte Kontakte zur dortigen Kunstszene, war u. a. befreundet mit dem expressionistischen Maler Hans Thuar und Helmuth Macke, Cousin von Maler August Macke.

1926 zog sie nach Berlin, ab 1927 absolvierte sie den Meisterkurs der Fotografischen Lehranstalt des Lette-Vereins in Schöneberg. Sie war ab 1930 für „Dephot“ (Deutscher Photodienst) tätig, der den Ullstein-Verlag belieferte. Ihre Fotoreportagen erschienen in Illustrierten wie „Tempo“, „Berliner Illustrirte Zeitung“ oder „Querschnitt“. Nach Schließung dieser Agentur durch die Nationalsozialisten im Oktober 1933 wurde sie beim Ullstein Verlag angestellt. Sie war eine der bedeutendsten Pressefotografinnen der Weimarer Republik. Von ihr stammen viele Aufnahmen von Persönlichkeiten dieser Zeit.

Als im Frühjahr 1945 Wohnung und Atelier samt Ausrüstung in Wilmersdorf nach einem Bombenangriff abgebrannt waren, kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt. Dort dokumentierte sie den Wiederaufbau. Noch als 72-Jährige war sie als freie Fotografin tätig. Wegen eines Augenleidens musste sie 1972 ihr Bonner Fotostudio aufgeben. Am 29. Dezember 1981 starb sie in Bonn.

info „Käthe Augenstein. Fotografien“, bis 12. Februar 2018, Liebermann-Villa, Colomierstraße 3, Berlin-Wannsee, täglich außer dienstags 11-17 Uhr

Käthe Augenstein (1899-1981) hatte den Impressionisten im Atelier des Dachgeschosses seines Palais’ am Pariser Platz aufgesucht. Da war er schon Präsident der Preußischen Akademie der Künste. Und sie, die bereits als Teenagerin mit der Plattenkamera umherzog und ab 1927 in Berlin im Meisterkurs der Fotografischen Lehranstalt des Lette-Vereins ihr Handwerk erlernt hatte und dann für die renommierte Agentur „Dephot“ arbeitete, die den Ullstein-Verlag belieferte, auf dem Weg zu einer der anerkanntesten Pressefotografinnen der Weimarer Republik. Die junge, sympathische, hübsche Augenstein, gut vernetzt in der Künstlerszene und der Typ der „Neuen Frau“ mit Bubikopf und dunklen Klamotten – es muss für den hochbetagten Liebermann ein Vergnügen mit ihr gewesen sein.

Der Maler Max Liebermann – ganz seriös

Sie lichtete ihn im Profil samt Palette beim Anrühren der Farben für sein Gemälde mit Gattin Martha im Lehnstuhl ab. Augenstein hat ihn dazu gebracht, die Staffelei mit dem Werk nach unten zu stellen. Das Ganze wirkt nun wie ein Doppelporträt. Und dann hat sie bloß seinen Kopf fotografiert. Wie sinnierend er da aussieht, seine Augen beinahe stieren. Augenstein versuchte stets auch das Wesen des Porträtierten zu ergründen, wollte Authentisches. Liebermann hätte freundlicher dreinschauen können. Die Fotografin mit ihrer „Leica“ hat ihn aber nicht zum Lachen gebracht – sie wollte einen seriösen Porträtkopf. Auf jenem Foto hingegen, auf dem er mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt, wirkt er in sich zusammengesackt. Und da ist er ebenso lesend unter der Wandlampe am Kamin. Wurden die Fotos jemals in einer der Illustrierten wie „Tempo“ oder der „Berliner Illustrirten Zeitung“ gedruckt? „Wir haben danach gesucht“, sagt Wasensteiner, „aber bisher noch nichts gefunden.“

Der Maler Max Liebermann in seinem Atelier am Pariser Platz in Berlin, um 1929. Quelle: Käthe Augenstein

In der Schau hängen auch Porträts vom Wissenschaftler Max Planck, den Schriftstellern Thomas Mann und Rudolf Hagelstange, den Bildhauerinnen Milly Steger und Renée Sintenis oder des Verlegers Gustav Kiepenheuer. Zumeist mit ernstem, mitunter grimmigem Gesichtsausdruck. Hans Albers hat sie mit dem Dramatiker Franz Molnár bei Proben zu „Liliom“ verewigt. Beide sehr entspannt. Wie auch der junge, lächelnde Maximilian Schell auf einem Tisch.

Der Maler Otto Dix in seinem Atelier vor dem unvollendeten Gemälde „Melancholie“, Dresden, 1930 Quelle: Käthe Augenstein

Vor Otto Dix, zu dem sie nach Dresden gefahren war, verweilt man lange. Er schaut mürrisch, argwöhnisch drein. Auf einem anderen Foto wirkt er im weißen Kittel und mit dem langen Pinsel vor seinem unvollendeten Gemälde „Melancholie“ irgendwie entrückt.

Es waren auch Ereignisse, die die Pressefotografin dokumentierte. So den dereinst berühmten Ball, der jedes Jahr an der Reimann-Kunstschule in Schöneberg stattfand, um Geld für arme Studenten zu sammeln. Sie war ebenso beim „Gotteslästerungsprozess“ gegen George Grosz dabei. Dieser hatte 1928 Bühnenbilder für die Inszenierung des Theaterstücks „Der gute Soldat Schwejk“ gemalt. Jesus am Kreuz stellte er abgemagert wie ein Skelett dar – und mit Gasmaske. Er benutzte die Christus-Figur, um Kritik am Ersten Weltkrieg zu üben und hatte einen dreijährigen Prozess am Hals. Verleger Wieland Herzfelde, der die Motive als Mappe veröffentlicht hatte, war mitangeklagt. Und 1939 fotografierte Augenstein in Moskau den Handschlag Josef Stalins und Joachim von Ribbentrops, als diese den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnet hatten.

Strandleben in Berlin-Wannsee, um 1930. Quelle: Käthe Augenstein

Sie zeigte das Strandleben am Wannsee, Modefotos stammen auch von ihr. Und es gibt einen Blick in ihre Atelierwohnung in der Bamberger Straße. Dieses Foto ist offenbar mit Selbstauslöser geknipst. Darauf sie selbst mit Gästen sowie Lebensgefährte Werner Scholz. Der Maler hatte im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren, seine Werke wurden später als „entartet“ diffamiert.

Als ihre Bleibe und das Atelier samt Ausrüstung im Frühjahr 1945 nach einem Bombenangriff ausgebrannt waren, ging Käthe Augenstein zurück nach Bonn und eröffnete ein Fotostudio. Ihre „Leica“ hatte sie retten können, nutzte zudem eine Mittelformatkamera. Aus dieser Zeit stammen Fotos vom SPD-Politiker Carlo Schmid – sich eine dicke Zigarre anzündend – oder der CDU-Abgeordneten des Parlamentarischen Rates, Helene Weber. Auch den Wiederaufbau hielt sie fest, so der Hohenzollernbrücke in Köln.

Fotos vom Leben im düsteren Bonner Studentenbunker

Im Sommer 1949 war sie für eine Reportage im legendären fensterlosen Studentenbunker im Bonner Stadtteil Poppelsdorf. Einem Wohnheim für männliche Studenten im einstigen Luftschutzbunker. Es war schwierig, dort zu fotografieren. Die Gänge schmal., die Räume spärlich beleuchtet. Sie nahm eine Handlampe zur Hilfe. Da wurde „einem der Arm lahm“, äußerte sie sich. Leicht war‘s auch für die Studenten im engen, düsteren Bunker nicht. Immerhin: Sie hatten was Eigenes. Auf den Fotos sehen sie ganz glücklich aus.

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