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Cinéma privé: Lutz Seiler präsentiert Kaurismäki

Kino-Reihe in Potsdam Cinéma privé: Lutz Seiler präsentiert Kaurismäki

Wie man sich einrichtet, in der Aussichtslosigkeit. Das fasziniert den Schriftsteller Lutz Seiler. Ziemlich aussichtslos ist die Lage auf Hiddensee in seinem preisgekrönten Roman „Kruso“. Und so auch bei Aki Kaurismäkis Melodram „Wolken ziehen vorüber“. Seilers Lieblingsfilm. Am Freitag zeigt er ihn im in Potsdam.

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Lutz Seilers Lieblingsfilm: „Wolken ziehen vorüber“ von Aki Kaurismäki mit Kati Outinen und Kari Väänänen.

Quelle: Verleih

Wilhelmshorst. Lutz Seiler spannt den Körper und erinnert sich an jene Zeit, als er auf Aki Kaurismäki stieß, den Finnen, der nicht viel sprechen lässt in seinen Filmen – doch der die Bilder anhält, bis der Winter wie von selbst aus ihnen weicht. „Nach der Wende war das, als ich seine Stücke sah. Ich habe in Berlin gekellnert, in der Assel, einer Kneipe, angesehene Gegend, Monbijouplatz.“ Seiler ist kein Mann, der sich Sentimentalität erlaubt, nüchtern spricht er über diese Jahre, auch von der Assel, die – das sagt der Name schon – ein wenig Widerstand in diese gut gefegte Gegend brachte. „Vor ungefähr drei Jahren wurde sie geschlossen, sie haben das Haus umgebaut, es sieht jetzt wie ein Raumschiff aus, Möbel im Fenster, ohne Preisschild. Das weiß man gleich, kann man sich eh nicht leisten.“

Kaurismäki oder Jim Jarmusch

Lutz Seiler zeigt am Freitag Aki Kaurismäkis „Wolken ziehen vorüber“ im Filmmuseum Potsdam, als Teil der Reihe „Cinéma Privé“ – veranstaltet von radioeins und der Märkischen Allgemeinen. Es ist sein Lieblingsfilm – „obwohl ich auch einen von Jim Jarmusch hätte wählen können.“ Kaurismäki oder Jarmusch, das sind die Helden aus den frühen 90ern, die immer mit den Außenseitern fühlten. Es war die Zeit, als Seiler in der Assel kellnerte.

An „Wolken ziehen vorüber“ mag Seiler den Dreiklang „Wende, Neustart, Aufbruch“. Der Filme lebe von einem „stillen, melancholischen, wunderbaren Humor“, das sei ein „Mutmachfilm“. Mann und Frau verlieren ihre Jobs, und trotzdem schaffen sie es. Eigensinnig. Erfolgreich. Doch zu den eigenen Bedingungen.

Lutz Seiler

Lutz Seiler

Quelle: dpa

„Mir stand ein Grinsen im Gesicht nach diesem Stück, ich glaubte: Ey, man kriegt es hin im Leben, trotz Schwierigkeiten“, erinnert sich Seiler. Dann wieder dachte er: „Im Kino können sie alles. Und was kannst du mit deinen begrenzten Mitteln als Schriftsteller?“

Für „Kruso“ erhielt er den Deutschen Buchpreis

So spricht er, Seiler, der 2014 den Deutschen Buchpreis bekommen hat für seinen Roman „Kruso“, der auf Hiddensee spielt und über einen Fluchtversuch zu DDR-Zeiten berichtet. Er wohnt im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst (Potsdam-Mittelmark), leitet dort das literarische Programm. Doch Seiler liebt nicht nur die Bücher. Filme spielen immer wieder rein in seinen Alltag.

Cinema privé von MAZ und radioeins

In der Reihe Cinéma privé zeigt ein Prominenter seinen Lieblingsfilm und redet darüber. Präsentiert werden die Veranstaltungen von MAZ und radioeins.

Lutz Seiler ist an diesem Freitag zu Gast. Er wurde 1963 in Gera geboren, erhielt 2014 den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Kruso“, in dem von einem Fluchtversuch auf Hiddensee zu DDR-Zeiten erzählt wird.

„Wolken ziehen vorüber“ vom finnischen Regisseur Aki Kaurismäki ist von Lutz Seiler ausgesucht worden, das Stück wurde 1996 gedreht.

Cinéma Privé, 27.5., 19 Uhr im Filmmuseum Potsdam, Marstall am Lustgarten. Karten unter 0331/2718112.

„Wenn ich ins Bett sollte, schalte ich noch mal den Fernseher ein“, erzählt er. Manchmal sitze er vor irgendeiner zweiten Halbzeit eines Fußballspiels, sagt Seiler, und frage sich, was er da eigentlich mache. Ein Spiel, das sich zum Ende quält, sinnlos, torlos, am Leben gehalten von der Hoffnung, vielleicht passiere doch noch was Historisches. Und manchmal schreibt ein Spiel wirklich Geschichte. „Fußball kann ästhetischer und spannender als jeder Film sein.“ Früher habe er mit Freunden selbst gespielt. „Jetzt nur noch Badminton. Die Knochen tun weh.“ Er lächelt.

Ein Fan von Dynamo Dresden

Als man ihn zur Verleihung des Buchpreises im Radio fragte, ob er sich jetzt als Bayern München der Literaten fühle, sagte Lutz Seiler, der Thüringer aus Gera: „Nein, ich wäre lieber Dynamo Dresden.“ Die Dresdener kriegten das mit, luden ihn zu einem Spiel ein, erzählten in der Stadionzeitschrift ausführlich von Seilers Liebe zu Dynamo. Seiler, der jetzt ein Held war. Noch heute sagt er: „Diese Geschichte im Stadionheft ist mir genau so wichtig wie der Deutsche Buchpreis.“ Ja, räumt er ein, er könne „fußballverrückt“ sein.

Wenn er kein Fußball guckt, dann gerne „Tatort“. Alle zwei Wochen fliegt er nach Stockholm, zu seiner Frau, sie ist Schwedin. „Dort machen wir sonntags den Laptop an und ziehen uns den Tatort auf den Fernseher. Wenn das technisch nicht klappt, werden wir sauer.“ Die Filme seien „ganz selten gut“, und doch sei das ein Ritual, am Sonntagabend auf dem Sofa zu sitzen, „mit einem guten Getränk.“

„Ich gucke viel Mist“, räumt Seiler ein. Doch es gibt eine Notbremse. Im Regal stehen die Filme von Aki Kaurismäki. Das ist eine Art Lebensversicherung. Denn sich dem Fernsehen vollkommen auszuliefern, das schafft einer wie Seiler nicht. Den Finnen Kaurismäki nimmt er als Gewährsmann. Als letzte Patrone. Als Schatz aus einer Zeit, als man die Arbeitslosigkeit und lange Winter noch mit einem Kinofilm bezwingen konnte.

Von Lars Grote

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