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Clara Mosch im Dieselkraftwerk Cottbus

Zeitgenössische Kunst in der DDR Clara Mosch im Dieselkraftwerk Cottbus

Sie wollten sich von der Leipziger Schule absetzten – aber vor allem von der Doktrin des Sozialistischen Realismus. Die fünf Künstler um die Galerie Clara Mosch im damaligen Karl-Marx-Stadt suchten in den späten 70er-Jahren mit Happenings, Landart-Aktionen und Performances nach einen neue Kunstbegriff.

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Ralf-Rainer Wasse fotografierte 1979 die Baumbesteigung: Michael Morgner, Gregor-Torsten Schade und Wolfgang Biedermann (v.l.).

Quelle: Foto: Lindenau-museum Altenburg

Cottbus. Leipzig war der Gegner. Nicht nur bei den Fußballspielen, in denen Künstlermannschaften bei Ausstellungseröffnungen gegeneinander kickten. Der figurative Malstil, für den die Leipziger Schule stand, war auch genau das, wogegen die Mitglieder der Künstlergruppe Clara Mosch antraten. Fast alle hatten sie bei den großen Leipziger Meistern, wie Tübke oder Mattheuer gelernt und alle hatten sich schließlich auf eine Abkehr von der Farbe, hin zu Grafik und Druck besonnen. So war die Eröffnung der Galerie Clara Mosch am 30. Mai 1977 in Karl-Marx-Stadt auch ein Statement gegen die Stars der offiziellen DDR-Kunst und die Ankündigung eine neuen Kunstbegriffes. Im Dieselkraftwerk in Cottbus sind die Werke der Gruppe derzeit zu sehen.

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Sie waren subversiv und haben immerhin fünf Jahre durchgehalten: Das Künstlerkollektiv betrieb von 1977 bis 1982 im damaligen Karl-Marx-Stadt eine Galerie und veranstaltete gemeinsame Kunstaktionen. Hier eine kleine Auswahl ihrer Arbeiten.

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Clara Mosch warb für einen Neuanfang – für die Auflehnung gegen eine als verstaubt empfunden Staatskunst. Schon der Name des Kollektivs hatte etwas Artifizielles, setzte er sich doch aus Namensteilen der beteiligten Künstler Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade, der allerdings später Kozik hieß, zusammen. Und der Gedanke, in den späten 70er-Jahren eine unabhängige Galerie zu eröffnen, um Künstlern alternative Ausstellungsmöglichkeiten zu bieten, war an sich schon subversiv.

Kunst in der DDR zwischen Repression und Selbstbehauptung

Die Künstlergruppe Clara Mosch gründete sich 1977 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz.

Mitglieder der Gruppe, die bis 1982 bestand, waren Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade (später Kozik).

Eine Außenseiterrolle nahm der deutlich ältere, 1998 verstorbene Carlfriedrich Claus ein, der sich vor allem mit dem Verhältnis von Bewusstsein und Sprache künstlerisch auseinandersetzte.

Größere Ausstellungen zu Clara Mosch gab es seit 1989 in Deutschland bislang nur zwei: 1990 Stiftung in Wesseling (Nordrhein-Westfalen) und 2014 in Frankfurt am Main.


„Clara Mosch. 1977-1982. Kunst in der DDR zwischen Repression und Selbstbestimmung ist eine Übernahme aus dem Kunstmuseum Albstadt (Baden-Württemberg).

Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus . Am Amtsteich 15, Di-So, 10-18 Uhr. Eintritt: 4 Euro. Bis 3. Juli.

Aus der Eröffnung der bescheidenen 25 Quadratmeter Ausstellungsfläche wäre damals auch fast nichts geworden. Erst als die fünf Künstler bereit waren, den Beirat der Galerie paritätisch mit zwei Clara-Mosch-Mitgliedern und zwei Kulturbundvertretern zu besetzen, gab es eine Genehmigung. Immerhin fünf Jahre existierte das Experiment, bis die Truppe zermürbt – am Ende saßen acht Funktionäre im Beirat – und von der Stasi unterwandert, entnervt aufgab. Doch Clara Mosch hatte viel bewegt. Überall in der Republik schossen ähnliche Projekte aus dem Boden. Und: Clara Mosch hatte zumindest in bestimmten Kreisen für ein neues Kunstverständnis gesorgt.

Vor allem die Pleinair-Aktionen verlangten den Kunstinteressierten einiges ab. Die Künstler zogen dabei allerdings nicht, wie deren Pioniere im 19. Jahrhundert mit Staffelei und Pinsel in die Natur, um dort gemeinsam zu malen, sondern versuchten gemeinsam, an dieses Ambiente angepasste neue Kunstformen zu entwickeln. Spektakulär etwa die von Ralf-Rainer Wasse – der übrigens später als Stasi-Spitzel enttarnt wurde – mit der Kamera festgehaltene Baumbesteigung beim Pleinair 1979, in Ahrenshoop: Drei Männer eignen sich auf symbolische Weise die Landschaft der DDR an.

„Landart oder Performance nennt man so etwas heute“, sagt der Kustos des Cottbuser Dieselkraftwerk, Jörg Sperling. In einem Land wie der DDR, in dem der Sozialistische Realismus das Maß aller Dinge war, war das nicht nur neu, sondern zugleich eine Provokation. Genauso wie die sogenannte Leussow-Recycling-Aktion von 1977, als die Gruppe in der Nähe von Ludwigslust auf einem gerodeten Waldstück eine spontane Aktion veranstaltete, die mit einer Super-8-Kamera festgehalten wurde. Aus Holzresten wurden Skulpturen, die schließlich am Ende in Brand gesetzt und deren Asche in kleinen Glasröhren gefüllt wurden. Diese wiederum wurden zusammen mit kleineren Kunstwerken und Fotos der Aktion in einen Koffer gepackt, der nun in Cottbus ausgestellt ist.

Die Schau zeigt Druckgrafiken, Fotografien und Alltagskunst von Clara Mosch. Objekte, die erahnen lassen, warum die Staatsmacht von dem Treiben der Karl-Marx-Städter alles andere als begeistert war. Selbst staatliche Auftragsarbeiten hintertrieb die Gruppe. Die Dokumentation der Arbeit in der Gießerei Rudolf Harlaß zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem nichts als Qualm zu sehen ist. Kein klassenbewusster, heroischer Arbeiter weit und breit – nur ein riesiger Hammer ist zu erkennen. Arbeitsbedingungen wie zu Karl Marx’ Zeiten, sagt Kustos Jörg Sperling. Gregor-Torsten Kozik und Ralf-Rainer Wasse zeigten 1983 die Rückseite des Sozialistischen Realismus.

Von Mathias Richter

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