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Kultur Serdar Somuncu: Gegen Pegida hilft keine Satire
Nachrichten Kultur Serdar Somuncu: Gegen Pegida hilft keine Satire
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10:59 05.04.2016
Serdar Somuncu (47), deutscher Schriftsteller und Kabarettist türkischer Herkunft. Quelle: Michael Palm
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Potsdam

Vor seinem Auftritt am Mittwoch im Waschhaus in Potsdam spricht Serdar Somuncu über die AfD, eine „Mein Kampf“-Lesung vor KZ-Überlebenden und einen Auftritt mit kugelsicherer Weste

MAZ: Ihr Publikum wird gerne von Ihnen beschimpft. Haben Sie schon eine Beleidigung für die Potsdamer parat?

Serdar Somuncu: Nein, Potsdam ist doch eine nette Stadt.

Naja, ein Mal mussten Sie mit kugelsicherer Weste auftreten.

Somuncu: Das war nicht der Stadt geschuldet, sondern dem Tag, an dem ich aufgetreten bin. Der 30. Januar, der Tag der Machtergreifung Adolf Hitlers. Das wollten die Nazis feiern und ich wurde zur Zielscheibe.

Es war einer der Auftritte, bei denen Sie aus „Mein Kampf“ vorlasen und sich über Hitler lustig machten. Dieselbe Tour führte sie auch ausgerechnet nach Sachsenhausen, zum ehemaligen KZ.

Somuncu: Mir reichte es nicht, sechs Jahre aus dem Buch zu lesen. Ich habe zur Geschichte geforscht und mehrere Gedenkstätten besucht. Die Bibliotheksleiterin in Sachsenhausen hatte mich eingeladen. In einem ehemaligen KZ aus „Mein Kampf“ vorzulesen, fand selbst ich heikel.

Mit Band in Potsdam

Serdar Somuncu ist 47 Jahre alt. Er wurde in Istanbul geboren, kam aber als kleines Kind mit seiner Familie nach Deutschland.

Der Comedian, Regisseur, Schauspieler und Musiker verarbeitet einen Teil seiner Erfahrungen als türkischstämmiger Bürger in Deutschland in seinem vor kurzer Zeit erschienenen Buch „Der Adolf in mir“. So sollte er zum Beispiel in der Schule nur wegen seines Aussehens eine „Ausländerklasse“ besuchen. Zwischenzeitlich war Somuncu obdachlos und erzielte erst nach mehreren Jahren in der Kulturszene erste Erfolge.

Die Lesungen aus „Mein Kampf“ von Adolf Hitler machten Somuncu bekannt. Dabei veralberte er das Buch und seine Thesen und deckte innere Widersprüche von Hitlers wirrer Argumentation auf. Später trug er auch Auszüge aus der Sportpalastrede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels vor und rezitierte die jeweils aktuelle Ausgabe der „Bild“-Zeitung.

1500 Auftritte und mehr hatte er mit der Lesung von „Mein Kampf“ vor mehr als 250 000 Zuschauern in sechs Jahren. Er trat auch in Schulen und in ehemaligen Konzentrationslagern auf.

Nach Morddrohungen musste der Comedian mit kugelsicherer Weste auftreten und tourte mit Polizeischutz. Bei einem Auftritt im sächsischen Dippoldiswalde stürmten mehr als 20 teils vermummte Neonazis die Bühne.

In den vergangenen fünf Jahren trat Somuncu in seiner Rolle als Hassprediger in der meist ausverkauften Show „H2 Universe – Die Machtergreifung“ auf. Außerdem ist er regelmäßiger Gast der „heute-Show“ im ZDF.

Im Potsdamer Waschhaus tritt Somuncu am Mittwoch mit seiner Band auf und bietet eine Mischung aus Musik und Comedy. Der Auftritt beginnt um 20 Uhr, die Karten kosten im Vorverkauf 26 Euro plus Gebühren.

Wie reagierte das Publikum?

Somuncu: Denen gefiel, dass auf diese unkonventionelle Art die Aufmerksamkeit für das Thema am Leben bleibt. Nach Sachsenhausen hatte ich noch einige Lesungen in Gedenkstätten.

Im Publikum waren KZ-Überlebende. Konnten die über Hitler lachen?

Somuncu: Erstaunlicherweise ja. Gerade die, die am stärksten von der NS-Ideologie betroffen waren, haben den lockersten Umgang damit. Verkrampfter reagieren diejenigen, die so eine Art Stellvertreter-Gewissen haben.

Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, dass in unserem Innersten ein Nazi schlummert.

Somuncu: Ideologien verschieben sich, aber die Grausamkeit bleibt. Es geht immer darum, dass jemand meint, mehr wert zu sein als ein anderer. Ob das Islamisten sind oder Pegida-Mitläufer, die „Wir sind das Volk“ rufen. Als ich anfing aus „Mein Kampf“ zu lesen, dominierten materielle Sorgen, heute sind es diffuse Ängste, etwa vor der Unterwanderung durch den Islamismus.

Sollten Sie denen nicht wieder aus „Mein Kampf“ vorlesen?

Somuncu: Das wäre zu oberflächlich. Satire reicht nicht mehr, um Pegida und Co. zu bekämpfen. Mit denen muss man sich inhaltlich auseinandersetzen.

Mit welchen Argumenten?

Somuncu: Die AfD betont zum Beispiel den heiligen Schutz der Ehe. Da frage ich mich, warum die Bundesvorsitzende Frauke Petry und ihr Partner in wilder Ehe leben und acht Kinder diesem Schutz entziehen.

Sie haben mal gesagt, dass jeder Mensch ein Recht auf Diskriminierung hat. Wie reagieren die von ihnen beleidigten Minderheiten?

Somuncu: Gewundert habe ich mich, wie militant Veganer ihren Lebensstil verteidigen. Mir hat ein Veganer mit dem Tode gedroht, weil ich Witze über ihn gemacht habe. Solange er mich nicht isst, ist das wahrscheinlich ok. Noch so eine Gruppe sind die Leute aus dem Fitness-Studio.

Was machen die?

Somuncu: Wenn man denen sagt, wie dämlich man dieses ganze Muskel-Gepumpe findet, kriegt man etliche Hassattacken. Zum Glück ist der Hass der Beleidigten nicht berechenbar. Sonst würde ich mich vielleicht doch auf manche Gruppen kaprizieren. Ich will lieber flächendeckend beleidigen.

Sind Sie nicht müde vom Hass?

Somuncu: Doch, deshalb bin ich zurzeit zum letzten Mal in meiner Hassprediger-Rolle auf Tour.

Im Waschhaus treten Sie nicht mit der Solo-Show, sondern mit Ihrer Band auf. Taugt Musik, um vom Hass wegzukommen?

Somuncu: Absolut, aber es wird eine Mischung aus Musik und Comedy, die die Leute wach rütteln soll. Ich bin kein Freund von Gefälligkeitscomedy. Das Interesse an Leuten wie Mario Barth, Kaya Yanar und Bülent Ceylan scheint zum Glück zurückzugehen. Diese Form von Comedy ist nicht meine, da fehlt das Nachdenkliche und die Überraschung.

Apropos Überraschung, warum sagt ein gebildeter Mensch wie Sie auf der Bühne so gerne „Fotze“, „Arsch“ und „Wichser“?

Somuncu: Als ich noch aus „Mein Kampf“ vorgelesen habe, musste ich vor Schülern referieren, die keine Lust auf mich hatten. Ich wollte auf Augenhöhe mit denen reden. Die sollten mich nicht für einen Lehrer halten. So bin ich auf die Fäkalsprache gekommen. Es wirkt anders, wenn ich sage, Hitler ist ein „Wichser“, „Idiot“ oder „Honk“ als wenn man ewig erklärt, warum die Ideologie nicht funktioniert. Dann kam der Reiz, vor erwachsenen, gebildeten Zuschauern auch so zu reden. Sprache kann wie eine Waffe wirken.

Das sieht man am „Extra 3“-Song über den türkischen Präsidenten Recep Erdogan?

Somuncu: Erdogans Blamage ist wirklich erstaunlich, zumal er vor einigen Tagen noch deutschen Konsulatsmitarbeitern vorgeworfen hat, sich in türkische Angelegenheiten zu mischen. Widersprüchlicher geht’s nicht.

Von Maurice Wojach

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