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Da wackelt der Dom

Ausstellung „stattbekannt“ in Brandenburg/Havel Da wackelt der Dom

Von der Romantik bis heute: Im Stadtmuseum von Brandenburg/Havel wird noch bis zum 31. Januar 2016 die großartige Kunstschau „stattbekannt – 150 Jahre Brandenburg in Bildern“ gezeigt. Wahre Schätze sind dort zu sehen, die das Kuratorenpaar Undine und Wulf Holtmann zusammentrug. Darunter auch Arnold Topps expressionistische Dom-Bilder.

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Kubistisch: Arnold Topps Bild „Der Dom zu Brandenburg“ (1918).

Quelle: Katalog

Brandenburg/Havel. Manches braucht eben den Zufall. Eines Tages, Anfang 2012, wurden Undine und Wulf Holtmann vom Besitzer des „Café Rosenhag“ in Brandenburg/Havel gefragt, ob sie wüssten, wem das Atelier auf jenem Bauhaus-Komplex, das er gerade sanierte, eigentlich mal gehörte. „Wir fingen an zu recherchieren“, erzählt die 52-jährige Grafikerin. „Und dann sind wir auf Arnold Topp gestoßen, waren fasziniert von seinen Bildern. 1928/29 ist das Atelier extra für ihn draufgesetzt worden.“ Hoch oben unterm Dach, Am Rosenhag 3, malte Topp, der 1913 als Kunstlehrer ans Saldern-Gymnasium der Havelstadt gekommen und Mitglied der Berliner „Sturm“-Galerie war, seine expressionistischen Werke.

Das Kuratorenpaar

Das Kuratorenpaar: Wulf und Undine Holtmann.

Quelle: Hartmut Hilgenfeldt

Arnold Topp war der Anstoß, noch mehr nachzuforschen. „Wir haben dann viele interessante Maler gefunden, die hier lebten oder auch nur ihre Werke schufen.“ Und die Idee für die großartige Kunstschau „stattbekannt – 150 Jahre Brandenburg in Bildern“ ward geboren, die man sich noch bis zum 31. Januar 2016 im Stadtmuseum im Frey-Haus ansehen kann. Auf zwei Stockwerken werden dort 161 Bilder von mehr als 40 Brandenburger Malerinnen und Malern gezeigt. Von der Romantik über die klassische Moderne, vom sozialistischen Realismus und deutschen Informel bis hin zur aktuellen Malerei ist alles dabei. 104 Leihgaben sind darunter.

Drei Jahre Arbeit für die Holtmanns. Das Kuratorenpaar trug wahre Schätze zusammen. „Als die Bilder endlich ankamen und wir sie auspackten aus den Klimakisten, klopfte uns das Herz. Wir hatten sie ja vorher bloß auf Fotos gesehen“, erzählt der 59-jährige Wulf Holtmann, der Historiker und Archäologe ist. Allein ein Jahr haben sie gebraucht, um den Besitzer von Topps „Der rote Beter“ in Erfahrung zu bringen. Sie hatten sich an das Auktionshaus Sotheby’s in London gewandt. Kamen aber nicht weiter. „Dann wechselte dort eine Mitarbeiterin und es traf plötzlich eine Mail von einer Lucy ein, die fragte, was sie für uns tun könne“, erinnert sich Undine Holtmann und schmunzelt. Schöner Zufall. Diese Lucy stellte nun den Kontakt zu dem Moskauer Sammler Sergey Litvin her. „Es war das letzte Bild aus der Dom-Serie von 1918, bei dem klar war, dass es herkommt.“

Im neuen Ambiente

Für die aktuelle Ausstellung im Stadtmuseum im Frey-Haus von Brandenburg/Havel, einem barocken Palais von 1723, wurden die Wände grau gestrichen und die Vitrinen mit den Exponaten der alten Dauerausstellung zur Stadtgeschichte kamen raus.

Unter den Malerinnen und Malern , deren Werke nun hier gezeigt werden, sind beispielsweise auch Günter Schulz-Ihlefeldt, Emil Spiess, Konrad Knebel, Gertrud Körner, Jürgen Lutzens, Hubert Globisch, Walter Garski, Lucie sowie Hertha Bielefeld und Viktor Stricker.

1915 gab es in der Annenstraße der Havelstadt eine Expressionisten-Ausstellung der Berliner Galerie „Der Sturm“. Organisiert hatte sie Maler Arnold Topp gemeinsam mit Herwarth Walden, dem Chef des „Sturm“. Man konnte dort Bilder u. a. von Franz Marc und Marc Chagall sehen.

„stattbekannt – 150 Jahre Brandenburg in Bildern“, bis 31. Januar 2016, Stadtmuseum, Ritterstraße 96, Brandenburg/H., Di-So 11 bis 18 Uhr

Überhaupt: Diese vier Dom-Bilder von Arnold Topp – Highlight der Schau. Welch Farbenpracht! Und wie wunderbar expressionistisch. Bei „Der Dom zu Brandenburg“ ist der Bau noch am deutlichsten erkennbar, bei „Rot und Gelb“ immer mehr wackelnde Kuben, bei „Der Turm“ und „Der rote Beter“ sackt er fast in sich zusammen. Der Dom als Symbol für den Zusammenbruch des alten christlichen Europa am Ende des Ersten Weltkrieges. Und der „Rote Beter“ hält ein Kreuz hoch und klagt gen Himmel. Eine Ohnmachtsgeste. „Der Kaiser hatte abgedankt und die Leute wussten nicht, wo’s hingeht“, sagt Wulf Holtmann.

Die Ausstellung lädt quasi zur kunstvollen Stadtbesichtigung ein – einer im Wandel der Zeiten. Da sind auf Gemälden auch Rathenower-, Plauer-, Steintor- und Mühlentorturm, Brennabor-Werke, Nicolaiplatz, Vorstadtschleuse oder Gassen wie jene namens „Kommunikation“ zu sehen. Oder Eduard Gaertners romantische Katharinenkirche im Doppelpack, von 1870 und 1872.

Und der einstige Pauliwinkel ist gleich elf Mal von Künstlern für die Ewigkeit festgehalten worden. „Eine Idylle, die man sich übers Sofa hängte und damals gut zu verkaufen war“, sagt Undine Holtmann. Auch Curt Ehrhardt, der am Saldern-Gymnasium Schüler bei Topp war, hat ihn auf die Leinwand gebracht. Ehrhardt und Topp haben zuweilen mit ihren Bildern bezahlt. So beim Brandenburger Kohlehändler Schmitsdorf. Zwei von Ehrhardt sind jetzt wieder zu betrachten: „Des Mondes Nacktheit“ (1921) mit einer entkleideten Dame samt Hut und einem großen Vollmond, sein Markenzeichen. Sowie sein „Preußen-Geist in Brandenburg“ von 1922, auf dem ein Rieseninsekt mit langen Fingern die einstige Bismarckwarte umklammert und nach Leuten greift. Als Synonym für den aufkeimenden Nationalsozialismus nach Kapp-Putsch und Rathenau-Mord.

Von Theodor Hosemann, der Heinrich Zille das Zeichnen beibrachte, stammt das älteste Bild, sein „Blick über die Havel auf das winterliche Brandenburg“ (1838) in unglaublichem Licht. Und der Potsdamer Peter Rohn, der 1957 im Zuge des „Bitterfelder Weges“ nach Brandenburg gezogen und in der Produktion des Walzwerkes Kirchmöser tätig war, steuerte etliche der neueren Arbeiten bei. So schuf er in satten Tönen sein „Stilleben vor der Walze“. Vorn eine leere Bierflasche. Doch eine „sozialistische Arbeiterpersönlichkeit“ ist bloß klitzeklein in Umrissen zu erkennen. Wohl kein Zufall.

Von Angelika Stürmer

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