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Daniel Kehlmann bei Lit:Potsdam

Literatur-Festival Daniel Kehlmann bei Lit:Potsdam

Das Festival Lit:Potsdam vereint wieder große Namen – in tragender Funktion tritt Bestseller-Autor Daniel Kehlmann auf („Die Vermessung der Welt“), der am Freitag mit dem RBB-Journalisten Jörg Thadeusz auftritt, am Samstag dann mit Regisseur Volker Schlöndorff. Daniel Kehlmann spricht im Interview über Brecht, Österreich, die FPÖ und seine Kontakte nach Potsdam.

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Daniel Kehlmann sagt, in Potsdam spüre er gleichermaßen Aufklärung und Militärtradition .

Quelle: DPA

Potsdam. Daniel Kehlmann, 41 Jahre alt, ist international berühmt geworden durch seinen Roman „Die Vermessung der Welt“, in dem er fiktiv das Leben des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt gegeneinanderstellte. Das Buch hat sich bisher weltweit etwa sechs Millionen Mal verkauft und zählt zu den größten Erfolgen der deutschen Nachkriegsliteratur.

Herr Kehlmann, Sie haben als Ort für dieses Gespräch das Restaurant „Brecht“ neben dem Berliner Ensemble gewählt. Es gibt Artikel über Sie, in denen steht, Sie könnten mit dem belehrenden, politischen Autoren Brecht nichts anfangen …

Daniel Kehlmann: Das ist überhaupt nicht wahr. Ich kann mehr als ein Dutzend Gedichte von Brecht auswendig, ich halte ihn für einen der größten Schriftsteller deutscher Sprache. Auf der Eröffnung eines Brecht-Festivals habe ich einmal gesagt, wie betroffen es einen machen kann, dass ausgerechnet dieser Mann auf der Seite der Diktatur stand und gegen die Freiheit. Aus irgendeinem Grund wirft man mir das seither vor. Wenn Uwe Kolbe oder Herta Müller genau das gleiche sagen, stört es keinen. Herta Müller hatte sogar das gleiche ein Jahr vorher am gleichen Ort gesagt, was ich gar nicht wusste, und niemand hatte sich darüber geärgert.

Es gibt Menschen, die lieben Brechts Lyrik, können aber mit den politischen Dramen nichts anfangen. Geht es Ihnen auch so?

Kehlmann: Manche der Dramen sind lehrhaft und starr, fast veraltet. Aber „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ ist das beste Klassenkampfstück aller Zeiten. Auch der „Kaukasische Kreidekreis“ ist großartig. Und „Das Leben des Galilei“ – die unglaubliche Szene, in der sich die Inquisitoren weigern, durch Galileos Fernglas zu schauen!

Sie sind in München geboren, haben aber dank Ihrer österreichischen Mutter neben dem deutschen auch einen Pass aus Österreich. Da muss die aktuelle Frage kommen: Gefällt Ihnen Österreich, bei aller Stärke der FPÖ, noch so sehr wie früher?

Kehlmann: Es ist schon bitter, dass solche bedrohlichen Szenarien immer wieder aus Österreich kommen. Nun wird die Präsidentenwahl, die zunächst ganz knapp einen guten Ausgang nahm, auch noch wiederholt.

Sie sind ein Freund von Spukgeschichten. Erlebt man in Österreich gerade eine Spukgeschichte?

Kehlmann: Dafür ist all das politisch zu trist. Aber das Merkwürdigste ist, dass man davon im Alltagsleben gar nichts bemerkt. In Österreich gibt es diese vollkommen verdorbene politische Klasse, aber darunter arbeitet eine ungeheuer solide mittelständische Wirtschaft. Die sorgt dafür, dass man das Gefühl hat, in einem sehr angenehmen, freundlichen Land zu sein, wo die Bahn zum Beispiel immer ordentlich ist und zur rechten Zeit kommt. Die Luft ist sauber, das Wasser ist gut, das Essen ist großartig, die Leute haben Humor. Man kann es nicht mit dem Österreich der Schlagzeilen zusammenbringen. Ich bin ja in letzter Zeit nicht mehr so oft wie früher dort. Das ist wahrscheinlich eine andere Eigenschaft der Republik: Je seltener man im Land ist, desto besser gefällt es einem.

Gibt es dort eine Wohlstandverwahrlosung?

Kehlmann: Nein, es ist etwas Seltsameres. Eine Art tiefe Fäulnis und Korruption, gespeist aus der geistig-politischen Tradition des Landes. Mein Freund, der Autor Thomas Glavinic, hat ja dazu aufgerufen, dem Erfolg der FPÖ mit Ruhe und Besonnenheit zu begegnen. Er hat schon recht, aber mir will das nicht gelingen. Wenn ich diese Leute im Fernsehen sehe, habe ich eine heftige innere Abwehrreaktion, gegen die ich machtlos bin. Aber dann tritt man vor die Tür, und schon kommt einem Wien wieder ganz und gar angenehm vor. Im Grunde ist Österreich wohl doch eine Spukgeschichte!

Wer wählt die FPÖ, die ja nahe Kontakte zur AfD pflegt?

Kehlmann: Jemand hat mal über den Sänger Barry Manilow gesagt: „Keiner, den ich kenne, hört Barry Manilow – aber alle, die ich nicht kenne, hören ihn.“ So ist es in Österreich mit den FPÖ-Wählern. Ich kenne keine. Aber offenbar wählen alle, die ich nicht kenne, FPÖ.

Wenn Sie mit Österreich Schwierigkeiten haben, wie steht es mit Preußen? Sie sind auf dem Festival Lit:Potsdam „Writer In Residence“ – denken Sie bei Preußen an Soldatentum oder Aufklärung?

Kehlmann: Beides. In Preußen gab es eine Aufklärung, die sehr geprägt war vom Soldatentum. Friedrich der Große hat ein großes Erbe geistiger Freiheit hinterlassen, aber zur gleichen Zeit hat schon Lessing gesagt, man könne hier jede Sottise auf die Religion häufen, aber ein Satz über den Staat, und man komme ins Gefängnis. Ein Land mit hässlicher militärischer Tradition, sie gipfelt in Wilhelm II., dem inkompetentesten Kaiser, den man sich vorstellen kann, dessen völlige Idiotie den Ersten Weltkrieg verursacht hat. Das ist mir sehr präsent, wenn ich nach Preußen komme. Wenn ich in Potsdam bin, fühle ich mich doch wieder als Österreicher – da rückt mir die österreichische Kultur und Tradition plötzlich wieder sehr nahe, gleichsam als Gegenreaktion.

Programm des Potsdamer Literaturfestivals

Karen Duve und Hans Joachim Schellnhuber treffen sich zum Auftakt des Festivals unter dem Titel „Klima, Macht, Wandel“ zu Lesung und Gespräch im Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Donnerstag, 18.30 Uhr.

Daniel Kehlmann , für die Zeit des Festivals „Writer in Residence“, spricht mit dem RBB-Journalisten Jörg Thadeusz über sein Werk und liest aus seinen Romanen im Park der Villa Jacobs. Freitag, 19 Uhr.

Eva Gritzmann und Denis Scheck treffen sich zu Lesung und Gespräch mit anschließendem Lunch im Palais Lichtenau. Samstag, 13 Uhr.

Kirsten Boie liest unter dem Titel „Bestimmt wird alles gut – eine Geschichte über Flucht und Heimat“ in der Alten Brauerei. Samstag, 17 Uhr.

Julia Franck, Uwe-Carsten Heye und Najem Wali treffen sich zu Lesung und Gespräch in der Landesbibliothek. Samstag, 17 Uhr.

Das komplette Programm vom 7. bis 10. Juli unter www.litpotsdam.de. Tel. Karten zu allen Veranstaltungen gibt es in der MAZ-Ticketeria unter Tel: 0331/2840 284.

Haben Sie Freunde in Potsdam?

Kehlmann: Ja, mit einem Freund, dem Regisseur Volker Schlöndorff, werde ich auch zusammen auftreten. Wir reden über die Verfilmung meines Romanes „Ich und Kaminski“. Außerdem wohnt dort der Autor Helmut Krausser. Er hat mir mehr als jeder andere diesen Ort nahe gebracht. Helmut hat mich schon vor Jahren durch Potsdam geführt, er ist mein Tor zur Stadt.

Sie haben in Potsdam als „Writer in Residence“ ein öffentliches Amt inne, mögen Sie es, Ihre Literatur zu repräsentieren, oder arbeiten Sie lieber im Stillen?

Kehlmann: Im Grunde kann man seine Literatur nicht repräsentieren. Man hat seinen Büchern ja letztlich nichts hinzuzufügen. Ich sehe es aber auch gar nicht als Amt. Es ist ein Literaturfestival und ich bin dort eben Gast. Sagen wir es so: In einer idealen Welt würde ein Autor nur Bücher veröffentlichen, weil alles weitere unnötig wäre. Aber in vieler Hinsicht haben wir keine ideale Welt, und wenn man freundlich eingeladen wird, dann macht man es immer wieder gerne.

Die beiden letzten Buchpreise in Frankfurt und Leipzig haben 1000 Seiten schwere Bücher von Frank Witzel und Guntram Vesper ausgezeichnet. Wird es auch von Ihnen bald so ein Werk geben?

Kehlmann: Ich widerstehe dem Trend, von mir kommt bald ein ganz dünnes Buch heraus. Kein historischer Stoff wie bei „Vermessung der Welt“, sondern aus der Gegenwart.

Von Lars Grote

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