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Darf’s ein bisschen mehr Fontane sein?

Kunst in Neuruppin Darf’s ein bisschen mehr Fontane sein?

Im langen Gehrock, mit auf dem Rücken verschränkten Armen und festem Schuhwerk: So könnte Theodor Fontane als Wanderer einst Brandenburg erkundet haben. Eine Kunstaktion will den preußischen Schriftsteller in Erinnerung rufen. Künstler Ottmar Hörl stellt 400 Fontane-Skulpturen in Neuruppin, der Heimatstadt des Dichters, auf.

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Der Künstler Ottmar Hörl mit zwei gelben Exemplaren seiner Fontane-Serie.

Quelle: Julian Stähle

Neuruppin.

Der Großvater hat ihm die Welt geöffnet, Hörl ist Künstler geworden, Professor und ein Star, der jetzt in Neuruppin ausstellt. 400 Statuen von Fontane sieht man von diesem Sonntag an vor den Toren der Kulturkirche. Die einen gelb. Die anderen grau. „Es muss zwei Farben geben. Eine Farbe sagt dir: So, wie es ist, ist es perfekt. Aber die Kunst kennt keine Perfektion. Es muss immer eine Gegenthese geben. Oder eben eine zweite Farbe“, findet der Künstler.

Fontane mal 400

Fontane mal 400.

Quelle: Julian Stähle

Auch Hörl, 65 Jahre alt, mit ausgeruhtem hessischen Akzent, der seine klaren Haltungen stets in das Spielerische kippt, trägt eine zweite Farbe. Seine Garderobe schwarz, die Turnschuhe indessen leuchten rot. Hörl wurde berühmt auf eine Weise, die nicht vorgesehen war. Die belgische Regierung bat ihn, Skulpturen zu bauen, mit denen man ein Zeichen gegen Nazis setzt. „Die wollten was gegen Rechtsradikale haben, weil die im Land Probleme machten“, sagt Hörl. Er schuf Gartenzwerge, die ihre rechte Hand zum Hitlergruß ausstreckten. „Das hätte ich in Deutschland nicht gemacht. Diesen Humor, die Herrenrasse als Gartenzwerge darzustellen, erlaubt unsere Geschichte nicht“, findet Hörl. In Belgien habe das jeder verstanden, doch irgendwann tauchte einer der Zwerge in einer Nürnberger Galerie auf. Ein Passant hat im Jahr 2009 Klage eingereicht. Schnell wurde das Verfahren eingestellt. Hörl war fassungslos: „Für diese Zwerge wäre ich 1942 ins KZ gekommen, es ist mir unerklärlich, wie jemand glauben kann, dass sowas Propaganda für Nazis sei.“ Es habe ihm freilich „zehn Millionen Euro Werbekosten“ gespart, denn selbst die „New York Times“ hatte auf einer Doppelseite darüber berichtet.

Nicht ganz in Gelb

Nicht ganz in Gelb: Es gibt auch graue Fontanefiguren.

Quelle: Stähle

Nach Neuruppin kam Hörl auf Einladung. Der Veranstaltungskaufmann Andreas Vockrodt fand seine Arbeit interessant, die immer plastisch und seriell ist, 7000 Dürer-Hasen in Nürnberg oder 10 000 Einheitsmännchen in Berlin. „Ich möchte die Kunst von ihrem elitären Charakter erlösen, durch die Menge und den Witz werden auch Leute angesprochen, die sonst aus guten Gründen keine Lust haben, sich bildende Kunst anzuschauen, weil dort so viele Windbeutel regieren“, erläutert Hörl den eigenen Ansatz.

Vor einem Jahr kam er nach Neuruppin, ließ sich von Vockrodt die Stadt zeigen, war begeistert, „so etwas hatte ich noch nie gesehen, die vielen Plätze, dieser Raum zum Atmen, der durch den Brand der Stadt ermöglicht wurde“ – Hörl überlegte, wie er die Stadt bespielen könnte. Er dachte an Schinkel, den Architekten. „Nein, Schinkel war mir zu humorlos“, schloss Hörl. Und kam auf Fontane, der die einfachen Leute beobachtete, der aus einfachen Verhältnissen gekommen ist und einen Draht zum Volk behalten hat.

400-mal Fontane vor der Kulturkirche in Neuruppin

400-mal Fontane vor der Kulturkirche in Neuruppin.

Quelle: dpa-Zentralbild

Von diesem Sonntag an stehen 400 Fontane-Figuren im Hof der Kulturkirche. Man kann sie kaufen. 300 Euro kostet ein Fontane. Wenn Hörl ihn signiert, steigt der Preis auf 500 Euro. Liegt das Augenmerk also auf dem Kommerz, nicht zwingend auf der Kunst? Ottmar Hörl kann solche Fragen mit dem Charme des Weltmannes parieren: „Ich muss wie ein Kaufmann kalkulieren, sonst lassen sich diese großen Projekte nicht verwirklichen. Ein Drittel der Erlöse bekommt der Händler, ein Drittel der Hersteller und ein Drittel ich

Im Inneren der Kulturkirche ist eine Ausstellung mit Fotos von Ottmar Hörl zu sehen: Er schraubte eine Kamera vor eine Bohrmaschine, die Maschine drehte sich, die Kamera nahm laufend Bilder auf. Bilder aus der Drehung, immer stand die Mark Brandenburg im Fokus. Wege, auf denen Fontane gewandert ist. „Das soll den Willen zum Tempo illustrieren, den Fontane auf seinen Wegen durchaus hatte“, erklärt Hörl. In diesem Punkt aber haben sich Fontane und der Opa von Hörl unterschieden. Beide trugen die Hände auf dem Rücken. Doch Hörls Großvater war ein gemütlicher Mann. Im Gegensatz zum eiligen Fontane.

Von Lars Grote

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