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Darum fehlt dem RBB die Identität

Vor der Intendanten-Wahl am Donnerstag Darum fehlt dem RBB die Identität

Im Juni geht RBB-Intendantin Dagmar Reim von Bord. Am Donnerstag wird ihr Nachfolger gewählt. Zwei Kandidaten gehen ins Rennen. Wir erklären, welche Aufgaben ab Juli auf den Nachfolger von Reim warten. Eine kurze Analyse über Stärken und Schwächen des RBB.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Die Fotowand ist schon da. Sie wird als Hintergrund dienen für das erste offizielle Pressebild. Im Foyer des Sendezentrums in der Potsdamer Marlene-Dietrich-Allee wird sie am Donnerstag aufgestellt. Weiß ist sie, rot prangt darauf das Logo des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Aber wer wird sich vor der Wand aufstellen, an der Seite der Theologin Friederike von Kirchbach, die zuvor im Konferenzraum 311 die entscheidende Sitzung des Rundfunkrats leiten wird: ein Mann oder eine Frau? Theo Koll oder Patricia Schlesinger? 29 Rundfunkräte, 29 Stimmen werden darüber entscheiden, wer von den beiden am 1. Juli Intendantin Dagmar Reim an die Spitze der Zwei-Länder-Anstalt folgt.

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Die möglichen Nachfolger im Porträt

Dreizehn Jahre wird die 64-Jährige den RBB dann geführt haben. Im November kündigte sie ihren vorzeitigen Abschied aus privaten Gründen an. Sie war die erste Frau überhaupt an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Den RBB gab es bis dahin gar nicht. Er ging im Mai 2003 aus der Fusion des Senders Freies Berlin (SFB) und dem nach der Wende gegründeten Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) hervor.

Der Intendanten-Job

Der Intendant oder die Intendantin leitet und vertritt den RBB nach innen und außen.

Die Amtszeit beträgt fünf Jahre. Eine Wiederwahl ist möglich. Er oder sie hat bei der Wahl der Direktoren ein Vorschlagsrecht und bestimmt einen von ihnen zum Stellvertreter.

J
äh rlich sind ein Wirtschaftsplan, der Jahresabschluss und der Geschäftsbericht vorzulegen. Beim Programm ist darauf zu achten, dass der öffentlich-rechtliche Auftrag erfüllt wird. Dazu gehören Information und Bildung, Beratung und Unterhaltung. Auch Berlins und Brandenburgs gesellschaftliche und regionale Vielfalt sollen sich widerspiegeln.

Beide waren wirtschaftlich angeschlagen, und es war nicht ausgemacht, dass aus zwei Kranken durch Fusion etwas Gesundes entstehen würde. Finanziell steht der RBB inzwischen solide da. Auch hat er sich der Zeit angepasst. Die Strukturen sind nicht mehr getrennt in Fernsehen und Radio. Es wird multimedial gearbeitet und gesendet. Anfällig ist er aber geblieben, der RBB. Er kränkelt, hier und da. Wer auch immer von den beiden Kandidaten Reim folgen wird: Es wartet Arbeit. Viel Arbeit.

Der jährliche RBB kann auf einen Etat von 470 Millionen Euro verfügen

Da sind nicht nur die 1900 Festangestellten, verteilt auf zwei Standorte, Berlin und Potsdam. Es gilt auch einen Etat von rund 470 Millionen Euro jährlich so zu verwenden, dass möglichst wenig in Strukturen und Pensionsrückstellungen versickert und möglichst viel für das Programm bleibt. Sechs Hörfunksender gehören zum RBB, allen voran das in der Region meistgehörte Antenne Brandenburg, dazu das in Maßen erfolgreiche RadioBerlin, das für seinen intelligenten Mix aus Musik und Wort geliebte Radioeins, die Jugendwelle Fritz, das Inforadio, das werbefreie Kulturradio. Und dann ist da noch das RBB Fernsehen.

Der RBB hat Stars, aber spielt bei der ARD keine große Rolle

Bisweilen stemmt es Beachtliches, etwa bei Projekten wie „24 Stunden Berlin“ oder „20 x Brandenburg“. Es hat ein paar Stars: den ewig flirtenden Gastgeber Jörg Thadeusz, den polarisierenden Reporter Ulli Zelle, den Sympathieträger Michael Kessler oder den Wahl-Brandenburger Max Moor. Im Ersten gibt es den Berliner „Tatort“, den „Satiregipfel“ mit Dieter Nuhr, „Kontraste“. Vor allem aber ist der RBB „Brandenburg aktuell“ für die einen und die „Abendschau“ für die anderen, je nach dem, ob man Brandenburger fragt oder Berliner. Jeder kennt die Nachrichtensendung, jeder Vierte in der Region schaltet sie täglich ein. Und sonst? Unterm Strich hat es sich das RBB Fernsehen mit weniger als sechs Prozent Marktanteil hinter den anderen ARD-Dritten auf dem letzten Platz eingerichtet. Der RBB ist zu sehr Berlin, sagen die Brandenburger. Der RBB ist zu sehr Brandenburg, sagen die Berliner.

Mit diesem Dilemma wird auch der nächste Intendant, die nächste Intendantin konfrontiert sein. Theo Koll wie Patricia Schlesinger haben ihre beruflichen Wurzeln beim NDR, der mit seiner Zuständigkeit für den Stadtstaat Hamburg, die ländlich geprägten Regionen Niedersachsen und Schleswig-Holstein und dem nach der Wende hinzugekommenen Mecklenburg-Vorpommern sogar eine Vier-Länderanstalt ist. Trotzdem ist der NDR für seine Zuschauer identitätsstiftend. Nicht so der RBB, der die Hauptstadtregion versorgen soll, innerhalb der ARD aber dem WDR überlässt, den Chef des Hauptstadtstudios vorzuschlagen, und mittendrin liegt zwischen Prignitz und Uckermark, polnischer Grenze, Lausitz und Havelland.

Der neue RBB-Intendant muss Rahmenbedingungen für Ideen schaffen

Welche Lösung haben Koll und Schlesinger dafür? Je eine Stunde werden sie Zeit haben, dem Rundfunkrat am Donnerstag Rede und Antwort zu stehen. Im Anschluss wird gewählt. Wer auch immer die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhält: Er oder sie wird im RBB mit dem auskommen müssen, was da ist, finanziell wie personell.

Umso wichtiger ist, dass sich die künftige RBB-Spitze als Möglichmacher versteht, mit dem Willen, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Mitarbeiter Ideen entwickeln und die besten auch umgesetzt werden. Auf diesem Gebiet liegt beim RBB einiges brach.

Fatal wirkte sich auf die Stimmung aus, dass von den internen Bewerbern kein einziger wenigstens die Chance zum Vorsprechen hatte. Auch nicht die Programmchefin, Claudia Nothelle, die zwar die Quotenschwäche des RBB maßgeblich verantwortet, aber auf dem Posten nicht wäre, hätte Reim sie damals nicht vom MDR geholt und sie dem Rundfunkrat für eine Vertragsverlängerung um fünf weitere Jahre vorgeschlagen.

Nun drängt die Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: aus dem RBB einen Sender zu machen, der nicht nur ein solide ausgestattetes und multimedial vernetztes Unternehmen ist, der nicht nur in Berlin und in Brandenburg identitätsstiftend wirkt, sondern über publizistische Strahlkraft verfügt, auch in die ARD hinein.

Und das sind die beiden Kandidaten

Patricia Schlesinger: Durchsetzungsstark, meinungsfreudig, direkt. Die drei Begriffe fallen am häufigsten, erkundigt man sich beim NDR nach Patricia Schlesinger. Fast genau so oft wird die Anekdote erzählt, dass „Extra-3“-Moderator Hans-Jürgen Börner einmal vor versammelter Mannschaft über sie sagte, unter all den Männern beim NDR sei Patricia Schlesinger der einzige Kerl. Es war zweifellos ein großes Kompliment.

Patricia Schlesinger

Patricia Schlesinger

Quelle: NDR

Fernsehzuschauer kennen die Frau mit den leuchtend roten Haaren aus der Zeit, als sie aus Washington und Singapur berichtet hat, vor allem aber als Moderatorin des Politmagazins „Panorama“, für das sie nach der Wende viel in Berlin und Ostdeutschland unterwegs war. Ihr Großvater war der DDR-Politiker Artur Schlesinger. Als Kind eines Republikflüchtlings fuhr sie häufig von Niedersachsen, wo sie aufwuchs, zu den Großeltern nach Görlitz.

Politisch ist die 54-Jährige links von der Mitte zu verorten. Mitglied einer Partei ist sie so wenig wie sie einer Kirche angehört. In ihrer Familie finden sich jüdische, katholische und protestantische Wurzeln.

Beruflich wirkte die Mutter einer Tochter und Frau des frisch verrenteten „Spiegel“-Redakteurs Gerhard Spörl in den vergangenen Jahren als Führungskraft im Hintergrund. Beim NDR, wo sie nach ihrem Studium der Wirtschaftsgeographie 1988 volontierte, war sie verantwortlich für Ausland und Aktuelles. Seit 2007 leitet sie den Programmbereich Kultur und Dokumentation, den sie zu neuem Leben erweckt hat. Gezielt förderte sie junge Kollegen und Frauen, umgab sich mit Mitarbeitern, die ihr Paroli bieten, und engagierte mit Hubert Seipel, Stephan Lamby oder Eric Friedler einige der besten Dokumentarfilmer. Damit erstreckte sich ihr Gestaltungswille auch aufs Erste Programm. Der von ihr betreute Film „Citizenfour“ über Edward Snowden gewann 2015 den Oscar.

Theo Koll: Er wirkt immer etwas zugeknöpft, britisch, auf geradezu eitle Art seriös. Bekannt geworden ist er vor allem als Journalist, verdient hat er sich seine Meriten aber auch als Führungskraft. 2010 war Theo Koll beim ZDF dafür verantwortlich, die Inlands- und die Auslandsredaktion zur riesigen Hauptabteilung „Politik und Zeitgeschehen“ zusammenzulegen. Obwohl dabei Mentalitäten und Kulturen aufeinanderprallten, verlief die Fusion auf dem Mainzer Lerchenberg einigermaßen geräuschlos.

Theo Koll

Theo Koll

Quelle: dpa

Seine Berufung schien der gebürtige Rheinländer als langjähriger London-Korrespondent gefunden zu haben. 2001 wurde er Moderator von „Frontal 21“, dessen stellvertretender Redaktionsleiter er parallel war. Auch das „auslandsjournal“, das „Politbarometer“, diverse Sonder- und Wahl-Sendungen im ZDF sowie das Theatermagazin „Foyer“ bei 3sat hat Theo Koll moderiert.

Seit Sommer 2014 ist der 58-Jährige wieder in der Welt unterwegs. Ausgestattet mit einem Fünfjahres-Vertrag leitet er das ZDF-Studio in Paris, dessen Zuständigkeit sich auf Spanien, Portugal und Nordafrika erstreckt. Seine Weltgewandtheit hat ihn nicht gehindert zu erkennen, dass das Regionale in Zeiten der Globalisierung das Mittel ist, um beim Zuschauer Nähe und Vertrautheit herzustellen. Seit seiner Zeit bei „Frontal 21“ in Berlin besitzt Koll eine Wohnung in Charlottenburg.

Wie Patricia Schlesinger ist auch er ein NDR-Gewächs. Er hat dort 1985 volontiert. Studiert hatte der blondschopfige Brillenträger zuvor Politik, Geschichte, Soziologie und Staatsrecht. Zum ZDF wechselte er 1990. Dort gilt er zwar als jemand, der auf dem „CDU-Ticket unterwegs“ sei. Parteimitglied ist er nicht. Auch fiele es schwer, dem unter anderem mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichneten Journalisten eine wie auch immer geartete parteipolitische Färbung nachzuweisen.

Von Ulrike Simon

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