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Darum spielen wir Shakespeare

400. Todestag von William Shakespeare Darum spielen wir Shakespeare

William Shakespeare, der vor vier Jahrhunderten starb, ist immer noch das Maß aller Dinge. Was macht sein Werk so brisant und aktuell, dass er immer noch der beliebteste Dramatiker ist? Die MAZ hat sich unter vier Brandenburger Theatermachern umgehört.

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Bei Mario Holetzeck, Reinhard Simon (oben, von links), Tobias Wellemeyer und Igor Holland-Moritz (unten, von links) sind immer wieder Shakespeare-Stücke zu sehen.

Quelle: MAZ

Potsdam. Der heutige Welttag des Buches wurde absichtsvoll auf den Todestag von William Shakespeare, den 23. April, gelegt. Aber wer liest schon Stücke? Die 154 Shakespeare-Sonette sind zwischen zwei Buchdeckeln bestens aufgehoben. Aber lebendig geblieben ist Shakespeare nur, weil Theaterleute sein Werk immer wieder aufführen. Und unzählige Wissenschaftler Bücher über ihn verfassen und Komponisten und Rockgruppen Texte vertonen und und und.

Shakespeare, der Sohn eines Handschuhmachers, wurde 1564 getauft. Mit 18 heiratete er die Bauerntochter Anne Hathaway. Mit ihr hatte er drei Kinder.

Um 1590 verließ er seine Heimatstadt Stratford-upon-Avon, gehörte in London als Schauspieler, Stückeschreiber und Teilhaber zur Schauspieltruppe „Lord Chamberlain’s Men“, die später zur königlichen Truppe „King’s Men“ wurde.

Nicht weit entfernt vom Rose-Theater, der ersten Wirkungsstätte des Dichters, wurde 1599 das „Globe-Theatre“ gebaut. Shakespeare war dessen Mitbesitzer und stand in dem Haus am Themse-Ufer wohl auch selbst auf der Bühne.

Seine Stücke waren von Beginn an sehr erfolgreich. Das weiß man, weil der Besitzer des Rose-Theaters, Philip Henslowe, akribisch Buch darüber führte, welchen Umsatz die einzelnen Stücke einspielten und was auf dem Spielplan stand.

Es kursieren die wildesten Gerüchte über mögliche Ghostwriter

Vier Jahrhunderte nach Shakespeares Tod lässt sich nicht mehr klären, ob er es alleine war, der sich die genialen Plots und Figuren, Konflikte und Redewendungen ausgedacht hat. Es kursieren die wildesten Hypothesen. Etwa 70 andere Namen haben als Co-Autoren oder Ghostwriter schon die Runde gemacht. Der Weltmarke, dem Label Shakespeare, tut das aber keinen Abbruch.

Erst sieben Jahre nach Shakespeares Tod erschien eine Gesamtausgabe

Shakespeare hat das Theater als Geschäftsmodell entdeckt. Unter Zeitdruck und unter erheblichen ökonomischen Zwängen gelang es diesem feinfühligen Berserker, wirklich nennenswerte Kunst zu schaffen. Was Shakespeare mit seinen Schauspielerfreunden in nur zwei Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat, wäre aber ohne Jäger und Sammler verloren gegangen. Erst 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod, erschien eine erste Gesamtausgabe. Und siehe da: Es war eine beispiellose Juwelensammlung der Weltliteratur.

Das sagen Brandenburgs Theatermacher

Shakespeares Werk ist deshalb so relevant geblieben, weil die Erfindung der Dampfmaschine und des Internets das Panoptikum der menschlichen Gefühle und Charaktere nicht aufheben konnte. Doch lassen wir die Fachleute zu Wort kommen! Wir haben die vier Theater in Brandenburg gefragt, warum sie immer noch und immer wieder Shakespeare spielen.

Mario Holetzeck, Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus:

„Shakespeare. Ein Star in ruheloser Zeit. Ein Genie? Das Wunder einer dauerhaften Lebendigkeit? Shakespeare ist der Wahnsinn. Ist die Rache. Ist der Verrat. Der Mord. Ist die Spionage. Ist der Hass. Der Zweifler. Verachtung. Wut. Intrige. Die reine absolute Liebe.

Er ist anders! Er stellt uns ständig vor Überraschungen. Wir können nicht aufhören, Neues in ihm zu entdecken, weil sein Drama uns immer wieder von einer neuen Seite her packt und uns dazu zwingt, nach anderen Antworten zu suchen. Wir tauchen in eine Welt der Vergangenheit ein und sind konfrontiert mit einer Welt der Gegenwart. Mit Shakespeare, der im 21. Jahrhundert angekommen ist. Obwohl sich sein 400. Todestag jährt, ist er aktueller denn je. Er hält uns einen Spiegel vor, in dem wir Eigenes wiedererkennen. Eine gute Shakespeare-Aufführung geht an keinem spurlos vorüber. Hamlet – an dem wir gerade arbeiten – ist eine Theatererfahrung wert!“ Letzte Shakespeare-Premiere: „Was ihr wollt“, 2014.

Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto-Theaters in Potsdam:

„Shakespeare hat wie kein anderer das Theater geprägt: Ohne ihn kein Goethe, kein Schiller, kein Brecht. Schauen Sie in unseren Spielplan, auch Huxleys „Schöne neue Welt“ kommt nicht ohne Shakespeare aus. Wie kein anderer hat er poetisch, geistvoll und komplex die Abgründe des Menschen beschrieben. Gnadenlos zeigt er das Ringen des Einzelnen um Glück und seine Verstrickung in Machtmechanismen. Er zeigt Despoten im Aufstieg und Fall, menschliche Verkommenheit, schwache Helden, starke Frauen, dunkle Clowns. Mit seinen einzigartigen Beschreibungen der Liebe ist uns Shakespeare auch heute ganz nah: Qual und Genuss, Begehren, Eifersucht und Hass – all diese Facetten hat er in seinen Stücken und Sonetten meisterhaft ausgeleuchtet. Schöner und drastischer hat das vielleicht keiner nach ihm geschafft. Was Bach für die Musik bedeutet oder Michelangelo für die bildende Kunst, ist Shakespeare für Theater und Dichtkunst.

Mit „Ein Sommernachtstraum“ bringen wir im Juni eine seiner großen Komödien auf die Bühne: als Open-Air-Produktion. Mit der denkwürdigen Aufführung 1843 in Potsdam begann Shakespeares Erfolg auf den deutschen Bühnen.“ Letze Shakespeare-Premiere: „Was ihr wollt“, 2014.

Reinhard Simon, Intendant der Uckermärkischen Bühnen Schwedt:

„Die Texte William Shakespeares – zu denen ja nicht nur die Theaterstücke gehören – sind nach wie vor von ungeheurer poetischer und rhetorischer Kraft. Insbesondere die Theaterstücke sind für ein breites Publikum geschrieben, das seine Kritik gewohnt war, sofort und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen: Die Tragödie birgt mitunter brachial humoristische Szenen, wie die Komödie tieftragische Momente enthält. Shakespeare gelingt es dadurch, jedem etwas zu bieten und dabei noch Figuren von großer Komplexität zu zeichnen, die in ihrer Zuspitzung auch für unsere Gegenwart noch interessant sind und Diskussionsstoff bieten. Dadurch bleiben seine Stücke in jeder Epoche aufs Neue prägnant und aktuell. Sie unterscheiden nicht, trennen nicht, sondern bilden zugespitzt Leben ab – in seiner ganzen komplexen Farbigkeit. Und sie rühren an unser Innerstes, denn dass es Shakespeare gelingt, nur mit Worten sämtliche Gefühle zu evozieren, ist der Kern seines Geheimnisses, denke ich.“ Letzte Shakespeare-Premiere: „König Lear“, 2013.

Igor Holland-Moritz, Dramaturg an der Neuen Bühne Senftenberg:

„400 Jahre nach William Shakespeares Tod sind aus seiner Feder 38 Stücke und sechs Versdichtungen überliefert, darunter die berühmten 154 Sonette. Diese schiere Menge allein lässt schon ahnen: Man kommt einfach nicht an ihm vorbei. Shakespeare wurde in über 100 Sprachen übersetzt – schon sehr früh ins Deutsche und über die Jahre immer wieder neu – vom Romantiker Schlegel über Frank Günther und Thomas Brasch bis, jüngst sehr prominent, Feridun Zaimoglu. Es scheint, jede Zeit hat ihre Shakespeareübersetzung. Dabei ist der Dichter in seiner Beschreibung des Menschlichen zeitlos. Es bleibt wohl so, dass weiterhin er unsere Geschichten schreibt.

Nicht ohne Grund haben wir uns in Manuel Soubeyrands erster Spielzeit als Intendant in Senftenberg gleich „Romeo und Julia“ vorgenommen. Dieser energiegeladene Sturm der Gefühle ist ja nicht nur eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt. Mitreißend und verführerisch wie der Gedanke, dass Liebe stärker als der Tod ist, verkörpert das Stück auch das Wechselhafte und das überernsthafte Pathos der Jugend und mithin unser nach Jugendlichkeit, großen Erlebnissen und Sensationen gierendes Heute.“ Letzte Shakespeare-Premiere: „Julia und Romeo“, 2015

Von Karim Saab

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