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Das Beste aus Natur und Müll

Tony Cragg in der Villa Schöningen Das Beste aus Natur und Müll

Skulpturen und Zeichnungen des britischen Künstlers Tony Cragg sind derzeit in der Potsdamer Villa Schöningen zu sehen. Mitunter gehen die Skizzen als Vorstudien zur plastischen Arbeit durch – oft aber stehen sie für sich. Imposant sind die Skulpturen, denen es glückt, leichte Form in Ewigkeit zu übersetzen. Und ist da gar ein Kuss zu sehen?

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Sieht aus wie Schokolade, die hinabfließt und sich von Zeit zu Zeit verdickt – oder? Tony Cragg kann leichte Formen in Ewigkeit übersetzen.

Quelle: Lars Grote

Berliner Vorstadt. Da ist ein Paar, das sich verlegen küsst. Man spürt, wie Frau und Mann zum Körperlichen streben und etwas unzufrieden sind mit dem Papier, auf dem sie leben – jetzt eine dritte Dimension, das wäre was! Die Hände hätten mehr zu tasten, die Münder mehr zu schmecken. Doch sie sind nur hingeworfen auf den Bogen, den Tony Cragg gegriffen hat, um sie zu zeichnen. Dieses Paar, so viel steht fest, wäre gerne eine Skulptur. Weil die Skulptur dem Leben endlich Platz, Raum und Körper gibt. All dies sind Grundzutaten für eine erfüllte Liebe, die das Keusche überwunden hat und sich im Fleischlichen zu Hause fühlt.

Die Villa Schöningen hat eben dies zu bieten: Platz, Raum und Körper. So gesehen ist sie das perfekte Liebesnest. Selbst wenn aktuell die Liebe nicht ganz oben steht beim Künstler Tony Cragg, der hier derzeit ausstellt. Cragg ist ein Bildhauer, aber auch ein Maler, und wenn er malt, dann meist im Sinne eines „visuellen Denkens“. Seine Malerei ist eine Form der Überlegung, eigentlich ist sie ein kühner Schritt in Richtung Statur, die aus dem Bild auf Dauer wachsen könnte. Cragg, 68 Jahre, schafft auf den Bildern eine Form von Strudel und Bewegung, die Ungeduld verkörpert, wie auch bei den zwei Liebenden, die er aufs Blatt Papier geworfen hat.

Das Papier ist nur ein Durchgangsstadium, doch manchmal bleibt es unerlöst. Nicht aus jedem Strich oder Entwurf formt Gregg, geboren im englischen Liverpool, eine Skulptur. Und wenn er doch zur dritten Dimension in seiner Arbeit greift, dann ist von Liebe nicht mehr viel zu sehen. Dann wird der Brite streng in seiner Arbeit, kein Kuss, kein Streicheln, nirgends Zärtlichkeit.

Commander und Turner-Preisträger

Sir Tony Cragg , eigentlich Anthony Douglas Cragg wurde am 9. April 1949 in Liverpool geboren. Er arbeitet als bildender Künstler, seit Ende der 80er Jahre widmet er sich neben der Bildhauerei auch der Zeichnung, oft Vorstudien zur plastischen Arbeit.

In den 80er Jahren war Cragg auf vielen bedeutenden internationalen Ausstellungen vertreten. Zum Beispiel auf der „documenta 7“ und „documenta 8“ in Kassel und auf fünf Biennalen, die in Venedig, Sao Paulo und Sydney stattfanden.

Den renommierten britischen Turner-Preis erhielt er 1988.

Zum Commander of the British Empire wurde er 2002 erhoben.

Markus Lüpertz folgte er im Jahr 2009 als Rektor der Kunstakademie Düsseldorf, dieses Amt behielt er bis 2013.

Die Villa Schöningen zeigt Craggs Arbeiten Mi bis So 12-18 Uhr. Bis 3. September. Berliner Straße 86, Potsdam. www.villa-schoeningen.de

Die Skulpturen, die Cragg in Potsdam zeigt, sind in den letzten sechs Jahren entstanden, sie sind mannshoch, mitunter weit darüber hinaus. Aus behandeltem Holz, gegossener Bronze und mundgeblasenem Murangoglas bestehen sie, die Maserung des Holzes ist betörend. Immer offensichtlicher hat Cragg seine Skulpturen in den letzten Jahren reduziert. Hatten Arbeiten wie „Wirbelsäule“ (1996) und „Ferryman“ (übersetzt: Fährmann, 1997) noch eine konkrete Formsprache, denen man den Fährmann und die Wirbelsäule ansah, sind die Werke in der Villa Schöningen vor allem geometrisch zwanglos – falls man sie erklären will mit den Vergleichen aus dem Alltag, käme man auf die Idee von Schokolade, die hinabläuft und sich hier und da verdickt. Andere Werke wirken wie ein Maiskolben oder Tannenzapfen.

Cragg sagt, jede seiner Skulpturen sei eine Weiterentwicklung der vorherigen, manche scheinen miteinander zu sprechen, wie die beiden Arbeiten „Woman’s Head“ (Frauenkopf) aus Bronze und „Contradiction“ (Widerspruch) aus Holz.

Tony Cragg ist weltweit einer der führenden Bildhauer, von 2009 bis 2013 war er Rektor der Kunstakademie Düsseldorf, auf diesem Posten folgte er Markus Lüpertz. Heute wohnt und arbeitet er in Wuppertal.

Kabbelnde Michelin-Männchen

Auf seinen Erkundungsreisen durch die freie Natur und auf Deponien sammelte Cragg Gegenstände, die ihm als Material und Anregung für neue Arbeiten dienten. „Zivilisationsmüll triff auf natürliche Materialien“, nennt er das. Mit diesem Ansatz schaffte er es bis zum renommierten britischen Turner-Preis.

Seine Potsdamer Ausstellung in der Villa Schöningen zeigt die Weiterentwicklung seines Ansatzes, es geht nicht mehr in erster Linie um die Pole von Natur und Müll der Zivilisation, sondern um die Schwelle, die genommen werden muss, um die zweite Dimension zu wecken uns ins Plastische zu führen. In der Zeichnung kann Tony Cragg Neuland entdecken, manchmal genügen diese Zeichnungen sich selbst, dann sind es „sculpture on the page“, Skulpturen auf dem Blatt Papier.

Der Stil der Malerei ist vielfältig – wenn schon vom Kuss die Rede war, der sich nach Raum und Freiheit sehnt, ist dieses Streben letztlich permanent zu spüren. Überall scheint ein Impuls in diesen Zeichnungen zu liegen, der den Rahmen sprengt und oft wie animiert daherkommt: Kegel, die ein menschliches Gesicht entwickeln, Michelin-Männchen, die sich kabbeln. Striche, wie geboren aus der Fantasie von irrsinnigen Verkehrsplanern. Es sind die Zeugnisse einer Geburt: Manchmal mündet dieser leichte Flow in steingehauener Ewigkeit.

Von Lars Grote

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