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Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst widmet sich der Waffenbrüderschaft in der DDR

Ausstellung Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst widmet sich der Waffenbrüderschaft in der DDR

Im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst kann man sich die Ausstellung „Waffenbrüderschaft in der DDR – Konstruktion einer Tradition“ ansehen. Sie widmet sich u. a. dem Großmanöver „Waffenbrüderschaft“ vom Oktober 1970. Und beleuchtet den Ärger der Bevölkerung, wenn sowjetische Panzer zum Beispiel in Jamlitz zerfahrene Straßen hinterließen.

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Ein selbstgemaltes Verbotsschild: Ein Einwohner aus Jamlitz (Dahme-Spreewald) stellte es als stillen Protest in den 1980ern an der Dorfstraße auf.

Quelle: Privat

Potsdam. Sie hatten es satt. Jemand von den Jamlitzern malte in den 1980ern kurzerhand ein Verbotsschild und stellte es an die Dorfstraße. Darauf stand auf Russisch und Deutsch: „Keine Durchfahrt für Ketten-Fahrzeuge“. Pure Selbsthilfe. Fünf Kilometer weiter war in Lieberose (Dahme-Spreewald) einer der größten Truppenübungsplätze der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). In Jamlitz kamen die Waffen- und Truppentransporte an. Soldaten verewigten dort Namen, Heimatort in den Mauerziegeln des Bahnhofs. Auch in Jamlitz und Lieberose passierte, woran man sich anderswo entsinnt: Mal kriegte ein Panzer die Kurve nicht und rammelte gegen eine Hauswand. Straßen waren völlig zerfahren.

Ein Jamlitzer dokumentierte die Schäden

In der Sonderausstellung „Waffenbrüderschaft in der DDR – Konstruktion einer Tradition“ im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst kann man Fotos aus den ’70ern anschauen, auf denen ein Jamlitzer Schäden dokumentierte. Zum ramponierten Zaun hat er vermerkt: Einheit unbekannt. Auch die Wege im Ort – wie ein Schlachtfeld.

Jörg Morré, Direktor des Museums, der mit Andreas Weigelt, beide Historiker, die Schau kuratierte, erzählt: „Manchmal gab der sowjetische Kommandant dann den Befehl, über die Wiese zu fahren. Schickte ein paar Soldaten und der Zaun wurde repariert.“ Aber sonst? Man ärgerte sich über die Kolonnen, den Geschütz- und Fluglärm der „Freunde“. Darüber, dass die staatlichen Stellen nichts unternahmen. „Die Bevölkerung musste das aushalten“, sagt Morré. „Es gab keine Protestmärsche, keine Straßenblockade.“ Der 52-Jährige erzählt: „Die Stasi versuchte engmaschig zu überwachen, ob geschimpft wurde. Aber es gab quasi für sie nichts zu tun, weil die Einheimischen selten offen aufmuckten.“

Freundschaftsmärsche und Militärkapellen

Das Manöver „Waffenbrüderschaft“ fand zwischen dem 12. und 18. Oktober 1970 auf DDR-Gebiet statt. Erstmals führten alle sieben Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes – Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, Tschechoslowakei, Sowjetunion und Ungarn – gemeinsam ein Manöver durch. Beteiligt waren Panzerregimente, Luftlandetruppen, Jagdflieger, Seestreitkräfte. Militärkapellen traten öffentlich auf. In Eisenhüttenstadt zogen am 16. Oktober sowjetische und deutsche Soldaten mit militärischem Gerät durch die Stadt. Diese „Freundschaftsmärsche“ sollten die gute Verbindung zwischen Militär und Zivilbevölkerung beweisen.

Manöver-Auftakt war abends am 12. Oktober auf dem Cottbuser Altmarkt. Auf der Tribüne standen die gesamte Staats- und Parteispitze der DDR, die Verteidigungsminister aller Bündnispartner samt ihren ranghöchsten Generälen. Selbst Kuba, Vietnam und die Mongolei hatten Vertreter entsandt. Von 1970 bis 1989 fand dann jährlich zwischen dem 23. Februar und 1. März die „Woche der Waffenbrüderschaft“ statt.

Ein zweites Großmanöver „Waffenbrüderschaft“ gab’s vom 4. bis 12. September 1980. Bereits 1963 und 1965 übten beim Manöver „Quartett“ sowie „Oktobersturm“ deutsche, polnische, sowjetische und tschechoslowakische Soldaten in der DDR.


Der sowjetische Truppenübungsplatz in Lieberose (Dahme-Spreewald) war einer der größten auf DDR-Gebiet. Hier konnten fast alle Waffengattungen üben: Panzer, Artillerie, Infanterie, Flugabwehr, Raketeneinheiten, Boden-, Luftlande- und Nachrichtentruppen sowie Einheiten zur Abwehr atomarer, bakteriologischer und chemischer Angriffe. Schon 1958 waren dort atomwaffenfähige Kurzstreckenraketen stationiert worden. Ab 1980 wurden hier Soldaten der GSSD für den Einsatz im Afghanistankrieg ausgebildet.

Nach Abzug der sowjetischen Truppen Anfang der 1990er Jahre wurden auf Übungsplätzen der GSSD rund 50 versteckte Bunkeranlagen entdeckt.

info: Ausstellung „Waffenbrüderschaft in der DDR – Konstruktion einer Tradition“, bis 6.11., Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Zwieseler Straße 4, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, 030/50150810

Auch vor und während des fünftägigen Großmanövers „Waffenbrüderschaft“ im Oktober 1970 kaum. Die Stasi hatte extra einen „zentralen Operativstab“ gebildet. Die DDR-Oberen erwarteten Widerstand. In einem Bericht aus dem Bezirk Cottbus vom vierten Manövertag wird eine Stimme aus der Bevölkerung zitiert: „Die Angehörigen der Bruderarmeen kaufen uns alles weg. Die Geschäfte sind voll mit ausländischen Offizieren. Es sei kaum noch Kinderwäsche, Kosmetikartikel, Kaffeeersatz und billiger Bohnenkaffee zu haben.“


Parade durch Eisenhüttenstadt  am 16

Parade durch Eisenhüttenstadt am 16. Oktober 1970. Sowjetische und deutsche Soldaten zogen nach Abschluss der militärischen Übungen mit ihren Fahrzeugen und Waffen durch die Stadt. Diese als „Freundschaftsmärsche“ organisierten Veranstaltungen sollten die gute Verbindung zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung beweisen.

Quelle: BStU

Es war das erste Mal, dass alle sieben Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes gemeinsam ein Manöver durchführten. Mit 73 670 Soldaten, davon allein 44 500 aus der DDR. 1150 Schützenpanzerwagen, 850 Panzer, 500 Flugzeuge, 500 Geschütze, 140 Schiffe, 110 Hubschrauber waren im Einsatz. Karten zeigen, dass es an mehreren Orten stattfand. Als Grenze zum Gegner wurde eine Linie zwischen Rostock, Eberswalde, Beeskow, Weißwasser und Bautzen erdacht. Etwa ein Drittel der DDR-Fläche war betroffen. Zeitgleich gab’s das Nato-Manöver „Reforger II“.

Walter Ulbricht sah sich vom Beobachtungshügel die Gefechte an

Walter Ulbricht guckte sich von einem der zwei Beobachtungshügel in Lieberose – der größte war die „Warschauer Höhe“ – die Gefechte an. Auf einem Bild steht der „Spitzbart“ mit pelzbesetztem Mantel inmitten von Marschall Iwan Jakubowski, Oberkommandierender der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes, und DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Gastgeber war die NVA.

Die beiden Kuratoren haben für die Ausstellung mit den 22 Tafeln und historischen Dokumenten ein halbes Jahr lang recherchiert: im Militärarchiv Freiburg, in der BStU-Behörde, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv. Jörg Morré sagt: „Erstaunlich ist, dass es zu diesem Manöver wenig Literatur gibt.“ Und er erklärt: „Als der Warschauer Pakt 1955 gegründet wurde, gab es noch keine Nationale Volksarmee. Die NVA wuchs als Juniorpartner da rein und war 1970, zur einer anerkannten, schlagkräftigen Armee geworden. In diesem Manöver hat sie es geschafft, sich auf Augenhöhe hochzuarbeiten. Es fand in der DDR statt, weil dies der potenzielle Kriegsschauplatz gewesen wäre, an der Nahtstelle zwischen beiden Blöcken.“

Von der EKO-Kampfgruppe hatte man sich mehr versprochen

Auch 500 Männer der Kampfgruppe des Eisenhüttenkombinates Ost in Eisenhüttenstadt waren bei Lieberose mit von der Partie. Manfred Pusch, Jahrgang 1930 – damals in der Buchhaltung des EKO – als Zugführer. Er legte sich ein Erinnerungs-Album an. Elf Fotos sind in der Schau. Betitelt hat Pusch sie mit „Beim Marsch ins Manövergelände“ oder „Gen. Gusovius meint: Eine Bratwurst schmeckt besser.“ Da wird grad eine Wurst am Stock überm Feuer gegrillt.

„Die Männer der Kampfgruppe haben militärisch nicht das gebracht, was man sich erhofft hatte“, erzählt Morré. „Sie waren älter als die Soldaten, nicht so fit wie sie und technisch schlechter ausgestattet.“

Die sehenswerte Ausstellung spannt den Bogen von den Ursprüngen der ostdeutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft bis hin zur Selbstauflösung des Warschauer Paktes 1991. Sie beleuchtet auch die jährliche „Woche der Waffenbrüderschaft“, Truppenteile der NVA übernahmen Patenschaften. Ein Foto zeigt, wie Jungs grad mit einem ferngesteuerten Panzer und anderem militärischen Gerät im Spielzeug-Format hantieren. Aber auch der von den Sowjets nach dem Abzug zurückgelassene Waffenschrott und Berge rostiger Munition im Grase eines Birkenwäldchens sind abgelichtet.

Von Angelika Stürmer

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