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Kultur Lautstärke ist Trumpf
Nachrichten Kultur Lautstärke ist Trumpf
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14:30 09.09.2018
Die 54-jährigen Potsdamerin Annette Sell und ihrer 15-jährigen Tochter Alessa stehen auf Deutsch-Rap. Quelle: Tiziana Saab
Berlin

„Es ist uns eine Ehre, auf so einem großen Festival vor so vielen Menschen zu spielen“, ruft Filippo Bonamici, Frontmann der Berliner Band Fil Bo Riva, ins Publikum. Obwohl sein gitarrenbetonter Alternativ-Pop bisher noch nicht einmal für ein Debütalbum gereicht hat und die Bass-Drum noch mit der Hand bemalt wurde, hat sich vor seiner Bühne eine Fangemeinde eingefunden, die die englischen Texte sogar mitsingen kann. Wer vom Megafestival Lollapalooza engagiert wird, fühlt sich auf der Siegerstraße.

Marteria, Casper und David Guetta – Zehntausende Musikfans haben am Samstag beim Musikfestival Lollapalooza in Berlin gefeiert.

So sehr, dass der Deutsch-Rapper Casper mit seiner überhitzten Stimme nur immer wieder „Lollapalooza“ ins Mikro brüllt. Wie Rumpelstilzchen tobt er über die Mainstage 1 und kehrt den Animateur heraus. Die vielen tausend Besucher sollen auch ganz hinten und an den Rändern die Arme hoch reißen oder in die Hocke gehen. Er und auch die Menschen wollen ein Glücksgefühl verspüren und das Bad in der Menge genießen.

Die Fans feiern Casper

Bei der 54-jährigen Potsdamerin Annette Sell und ihrer 15-jährigen Tochter Alessa kommt Casper gut an. Vor allem die Mutter stößt immer wieder zustimmende Urschreie aus. Sie haben sich wegen der Deutsch-Rapper im Programm für 74 Euro zwei Tagestickets geleistet. Raf Camora & Bonez MC waren einfach Hammer!“, schwärmt die Mutter und bedauert, dass ihr Mann und ihr Sohn nicht mitgekommen sind.

Solche generationenübergreifenden Konstellationen sind aber die Ausnahme. Fast alle 70.000 Besucher bewegen sich in Peer Groups übers Festival-Gelände. Es werden viele Sprachen gesprochen. Man sieht viel Glitzer im Gesicht und geflochtene Kränze aus Mistelzweigen auf den Köpfen. Das Gelände um das Olympiastadion eignet sich wunderbar als Kulisse. Während Casper im brachialen Vierviertel-Takt „Alles ist erleuchtet“ krächzt, merken die meisten gar nicht, was die Sonne für ein herrliches Abendlicht zaubert. Das weite Panorama unter dem feundlich gestimmten Himmel mit Uhrentürmen, einem Riesenrad, figürlichen Granitskulpturen und dem Corbusierhaus bereichert die Festivalatmosphäre.

Akustischer Terror ist angesagt

Die Veranstalter haben sich viel Mühe gegeben, mit Flower-Power-Deko die strenge Nazi-Ästhetik des Ortes zu durchkreuzen. Der gepflegte, saftig grüne Rasen auf dem Maifeld lädt zum Chillen ein. Und beim Konzert von Ben Howard auf der zweiten Hauptbühne geben sich auch viele Besucher im Sitzen und Liegen dem durchgereiften, einschmeichelnden Moll-Sound des Londoner Sängers hin. Am Samstag bleibt er die einzige musikalische Entdeckung.

Denn in der Hauptsache ist einfach nur akustischer Terror angesagt. Viele der Lieder, die man zu Hause in der Stereoanlage hört, sind live gar nicht wieder zu erkennen. Denn die Boxentürme kennen keine Gnade. Ihre Schallwellen, vor allem die Bässe, bringen alle inneren Organe zum Vibrieren. Wer dieses Live-Erlebnis als Genuss bezeichnet, nimmt gesundheitsschädigende Kräfte in Kauf. Auf dem Festival-Flyer ist ausdrücklich vermerkt: „Bitte schütze Deine Ohren und halte Abstand zu den Boxen. Wir empfehlen, Ohrenstöpsel zu benutzen.“ Doch das ist offenbar uncool.

Der größte Andrang herrschte dort, wo das Soundgewitter am martialischsten kesselt: im Olympiastadion. Die Bühne hier ist allein den DJs vorbehalten. Während die Zuschauerränge am Samstag gesperrt sind, darf die Masse sich unten auf dem Spielfeld austoben. An den Zugängen zum Stadion bilden sich lange Schlangen und viele sind frustriert, weil sie zu Armin van Buuren oder David Guetta nicht mehr reinkommen.

„Gegen Rassismus, gegen Faschismus und gegen Ausgrenzung“

Die drei Rapper von K.I.Z. setzen ebenfalls auf volle Dröhnung. Sie stimmen auch ihr provokantes „Ich bin Adolf Hitler“-Lied an und beziehen es ausdrücklich auf den Ort, der 1936 auf Geheiß des Führers entstanden ist. Doch da die Satiriker bekennende Linke sind und letzte Woche in Chemnitz auch bei dem „Anti-Rassismus-Konzert #wirsindmehr“ mitgewirkt haben, sind sie über jeden Verdacht erhaben. Auch andere Bands warten beim Lollapalooza mit Bekenntnissen auf. „Gegen Rassismus, gegen Faschismus und gegen Ausgrenzung will ich eure Mittelfinger oben sehen!“, ruft Casper zu den Konzertbesuchern. Tausende recken daraufhin ihre Finger in die Höhe. Auch die Berliner Newcomer-Band Von Wegen Lisbeth, die von vielen Fans enthusiastisch begrüßt wurde, ergänzte ihre fröhlichen Lieder mit einer entsprechenden Zwischenansage.

Die Veranstalter werden wahrscheinlich eine positive Bilanz ziehen können. Denn nach Stationen auf dem Tempelhofer Feld, im Treptower Park und auf der Galopprennbahn Hoppegarten hat das Festival nun einen recht optimalen Ort in Berlin gefunden. Die An- und Abreise der jeweils 70.000 Besucher verlief am Samstag weitgehend problemlos. Nur das Schlangestehen auf dem Festivalgelände ist immer noch ein Ärgernis. Vor den Damentoiletten bildeten sich immer wieder Trauben. Und um den Bezahlchip aufzuladen, mussten die Besucher bis zu 40 Minuten Wartezeit in Kauf nehmen.

Aus der Nachbarschaft des Olympiastadion gibt es zahlreiche Beschwerden, weil es einfach zu laut ist. Der Veranstalter täte – nicht zuletzt auch im Interesse der Gesundheit der Besucher – gut daran, die Obergrenzen für die Lautstärke deutlich zu senken. Auch um allen zu vergegenwärtigen, dass Livemusik eigentlich etwas sehr Feines ist.

Von Karim Saab

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