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Das Land stiehlt sich aus der Verantwortung

Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf Das Land stiehlt sich aus der Verantwortung

Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (Teltow-Fläming) leidet seit Jahren unter Geldmangel. Dabei könnte es ein Prestige-Projekt für das Land Brandenburg sein. Das findet Peter Hahn, in den 90er-Jahren Gründungsdirektor der Einrichtung. Doch das Land habe sich von Anfang an aus seiner Verantwortung gestohlen, meint Hahn in seinem MAZ-Beitrag.

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Schloss Wiepersdorf

Quelle: privat

Wiepersdorf. Es ist wieder einmal so weit und wieder einmal drückt sich das Land Brandenburg vor der Verantwortung. Nicht die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ ist für die Zukunft des ehemaligen Arnimschen Wohnsitzes in Wiepersdorf „zuständig“ zu machen, sondern allein das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Der Autor

Peter Hahn wurde 1941 im thüringischen Sonneberg geboren und floh 1973 nach West-Berlin.

Von 1974 bis 1979 arbeitete Hahn als Programmgestalter der Berliner Festspiele, danach bis 1986 als Direktor des Theaters am Turm in Frankfurt am Main.

Von 1992 bis 1993 war Hahn Gründungsdirektor des Künstlerhauses ­Wiepersdorf.

Hahn lebt als Autor in Berlin. Er hat ­Bücher über den Südwestkirchhof Stahnsdorf (2003), den Teltowkanal (2006 und 2014 ) und Berliner Fried­höfe in Stahnsdorf (2010) publiziert.

Die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ setzt sich für bedrohte Baudenkmale ein. Das trifft auf das Herrenhaus in Wiepersdorf nicht zu. Es ist daher nicht Aufgabe dieser Stiftung als Betreiber des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf aufzutreten und damit dem Land Brandenburg als Feigenblatt zu dienen.

Da ich das Glück hatte, nach der „Wende“ zum Gründungsdirektor des „Künstlerhauses“ berufen zu werden, bekam ich Einblick in Strukturen und Machtspiele der Ministerialbürokratie der neuen Bundesländer.

Um Wiepersdorf zu verstehen, muss die Geschichte bemüht werden. Am 10. Mai 1980 wurde das Wiepersdorfer Gut den Künstlerverbänden als „Arbeits- und Erholungsstätte“ zur Verfügung gestellt. Rechtsträger war der „Kulturfonds der DDR“, gespeist durch die bei Kulturveranstaltungen auf den Eintrittspreis erhobene Kulturabgabe von 0,05 M bzw. 0,10 M. Als dann am 24. September 1990 die „Stiftung Kulturfonds“ gegründet wurde, stand ein Stiftungskapital von 92 Millionen DM zur Verfügung – und die Immobilien der Künstlerheime von Ahrenshoop und Wiepersdorf.

Aus dem Direktor des „Kulturfonds der DDR“ Wolfgang Patig wurde der Generaldirektor der „Stiftung Kulturfonds“ Wolfgang Patig – mein Vorgesetzter. Er hatte den richtigen Riecher, hatte Überblick, hatte Einblick. Die aus dem Westen herbeigeeilten Ministerialen, die auf dem Weg von Bonn nach Potsdam nichts Wichtigeres zu tun hatten, als von B2 auf B6 gleich mehrere Besoldungsgruppen zu überspringen, brauchten ihn. Er brauchte sie.

Er wollte retten, was zu retten war. So war eine Zusammenarbeit zwischen der „Stiftung Kulturfonds“ der (neuen) Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin und der „Kulturstiftung der (alten) Länder“ vorgesehen – auch im Hinblick auf Wiepersdorf. Ein frommer Wunsch schon damals.

Die wesentlichen „Player“ im Stiftungsrat waren neben den Staatssekretären Eckhard Noack (Sachsen) und Dr. Thomas de Maizière (Mecklenburg-Vorpommern), dem es nur um das Künstlerheim Ahrenshoop ging, auf Brandenburger Seite Staatssekretär Prof. Dr. Jürgen Dittberner, sein Ministerialdirigent Dr. Wilhelm Neufeldt und dessen stets willfähriger Zuarbeiter Dr. Ralf Kretschmann. Sie gingen schon damals recht arrogant davon aus, dass es reicht, wenn das „Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf“ in Brandenburg liegt.

Sie haben sich verrechnet. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ging es von Anfang an nicht um den Erhalt von Wiepersdorf, sondern um den Erhalt ihres Anteils vom Stiftungsgeld.

Patig wusste, dass die „Arbeits- und Erholungsstätte“ in ihrem damaligen Zustand als deutsch-deutsches Künstlerhaus auf Dauer nicht bestehen würde. Das kiefernholzgetäfelte Bierlokal im barocken Raum, der mit Jagdambiente ausgestattete Saal, die spartanisch ­eingerichteten Zimmer, die Sanitäranlagen für alle auf der Etage – Malaise allüberall – Schloss, Wirtschaftsgebäude, Orangerie, Gartenparterre, Teich, Kapelle und eine Anlage mit dem Schild „Kein öffentlicher Park! Besichtigung nur mit Genehmigung der Heimleitung“.

Patig gab mir ziemlich freie Hand. Das Haus sollte schnellstens wieder an die Öffentlichkeit. So setzte ich mich über manche einzelne Budgetbegrenzung hinweg. Die Zeit war günstig. Wer am Anfang nicht richtig zulangt, wird danach nie mehr richtig zulangen können. Nach einem unglaublichen Kraftakt wurde das „Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf“ am 7. August 1992 eröffnet.

Noch in der Amtszeit von Ministerialdirigent Neufeldt trat die von mir schon 1991 befürchtete Kata­strophe ein: 1997 kündigte Sachsen den Vertrag und ließ sich aus dem Stiftungsvermögen rund 30 Prozent seines Anteils überweisen. Damit verminderte sich das Kapital auf 78 Millionen DM. 2004 folgten Sachsen-Anhalt und Thüringen und zogen die Gelder ab. Die „Stiftung Kulturfonds“ ging in Liquidation, den Beschäftigten wurde gekündigt, die Stipendiaten mussten das Haus verlassen.

Potsdam drückte sich

Das Potsdamer Ministerium war offensichtlich darauf nicht vorbereitet. So viel an Kultureinrichtungen finanziert das Land nun mal nicht, um auf Wiepersdorf verzichten zu können. Aber wieder drückte sich Potsdam vor der Verantwortung. Der Plan, das Unternehmen Wiepersdorf in die Zuständigkeit des Bundes zu bringen, misslang. In altbekannter Manier gelang es dem nun in der Zentralabteilung des Ministeriums agierenden Referatsleiter für Bau, Liegenschaften und EU-Strukturfonds, Dr. Ralf retsch­mann, im Jahr 2005, die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ und ihren Geschäftsführer Dr. Roland Knüppel „zu überzeugen“.

Das Land Brandenburg übertrug der Stiftung die Immobilie und trat obendrein bis 2018 den Zinsertrag aus dem noch vorhandenen Kapital von 7,5 Millionen Euro ab. Seither unterhält die Stiftung Haus, Park und laufenden Betrieb. Das Kulturministerium wollte die Zukunft des Künstlerhauses sichern – in der Realität aber wieder Verantwortung abschieben.

Am 1. Juli 2006 konnte das Künstlerhaus wieder geöffnet werden. Inzwischen hatte die gemeinnützige „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ neue Geschäftsführer und eindeutige steuerrechtliche Grundsätze. Zwei Probleme kamen zusammen: Da die Zinsen von 7,5 Millionen Euro kaum noch etwas abwarfen, muss die „Stiftung Denkmalschutz“ für Liegenschaft und Personal Geld zuschießen – gegen die Grundsätze der Stiftung. Zum anderen kann Wiepersdorf immer wieder Einnahmen erzielen, Museum, Übernachtungen, Kaffee und Kuchen in der Orangerie – was nach dem Stiftungsrecht nicht zulässig ist. Da das von der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ betriebene Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf weder Geld einnehmen noch dafür Rechnungen ausstellen kann, kam es, dass die Orangerie aus steuerrechtlichen Gründen geschlossen wurde und Übernachtungen nicht mehr möglich sind.

Wenn die „Märkische Allgemeine Zeitung“ schreibt, dass es in Deutschland eine ganze Reihe von Künstlerhäusern gibt, doch Wiepersdorf besonders begehrt ist, dann entspricht das nicht mehr der Realität. Es war eine andere Zeit, als Anna Seghers, Christa Wolf, Sarah Kirsch, Maxi Wander oder Irmtraud Morgner in das abgelegene Dorf im Fläming kamen. Denkmale, und um ein solches geht es, „sollten sich heute, wie wir alle, etwas mehr anstrengen! Ruhig am Wege stehen und sich Blicke schenken lassen, könnte jeder; wir dürfen heute von einem Monument mehr verlangen“. Das galt schon 1926 bei Robert Musil, das galt auch für den Neubeginn im August 1992.

Überregionale Aufmerksamkeit

Während meines Bewerbungsgesprächs im Stiftungsrat hatte ich erklärt, wenn es mir nicht gelingt, im nächsten Jahr Marcel Reich-Ranicki zu den „Wiepersdorfer Gesprächen“ hierher zu bekommen, dann habe ich nicht gut gearbeitet. Mir war in dieser schlichten Gegend, in der es keinen See und nur Felder und Wälder gibt, schnell klar, dass Wiepersdorf, wenn es denn überleben will, überregionale Aufmerksamkeit braucht. Dazu gehören Künstler mit denen das Künstlerhaus „wuchern“ kann.

Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde am 27. November 1992 die Stipendiaten-Auswahl für das Jahr 1993 einer Jury übertragen. Dazu gehörten Sarah Kirsch, Hans Joachim Schädlich, Friedrich Dieckmann, Matthias Flügge, Wieland Förster, Michael Krüger, Christian Meier und Frank Schirrmacher. Damit konnte eine gewisse Qualität bei der Auswahl vorausgesetzt werden.

Heute entscheidet eine namentlich nicht bekannte Jury über die Auswahl. Wer als Brandenburger gute Beziehungen zum Ministerium unterhält, darf durchaus mehrmals nach Wiepersdorf – auch wenn da höchst fragwürdige ­Voraussetzungen gegeben sind. Berlin, die Stadt mit dem größten kreativen künstlerischen Potenzial, entsendet keine Stipendiaten. Wer sich als Berliner für Wiepersdorf bewerben möchte, muss das in Potsdam tun – zu den Potsdamer Regularien.

Brandenburgs Verantwortung

Es ist nicht richtig, dass „es im Kern darum geht, wer ab 2019 jährlich etwa 250 000 Euro für die Bewirtschaftung aufbringt“, wie in der „Märkische Allgemeine Zeitung“ berichtet. Gegenwärtig sind in Wiepersdorf neun Mitarbeiter beschäftigt. Aus meinen Erfahrungen mit „Haus und Hof“ frage ich mich, wie das überhaupt gehen soll.

In der Potsdamer Verwaltung kann man sich nicht mehr vorstellen, dass man da draußen in die nicht beneidenswerte Rolle des Gutsherren Achim von Arnim schlüpfen muss, um alles rund um die Uhr in Gang zu halten. Wiepersdorf wird mit Wissen des Kulturministeriums seit Jahren in verantwortungsloser Weise auf Verschleiß gefahren. Es lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten wesentlich von jenen Investitionen der Jahre 1991/92.

Nach der Wende Hochbetrieb

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands war das Künstlerhaus ganzjährig in Betrieb. Damals kamen pro Jahr 70 Stipendiaten. Heute ist das Haus nur noch von April bis Oktober geöffnet. Für das Jahr 2015 bewilligte Potsdam eine Förderung für 18 Stipendiaten. Sie erhielten bei einem Aufenthalt von 2 bis 6 Monaten ein monatliches Stipendium in Höhe von 820 Euro und einmalig einen geringfügigen Sachkostenzuschuss für Verbrauchsmaterialien. Darüber hinaus zahlte das Ministerium pro Stipendiat und Monat 385 Euro für Unterkunft und Vollverpflegung direkt an das Künstlerhaus.

Wer der „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ jetzt den Vorwurf macht, „unflexibel zu agieren, keine spezielle Trägerschaft entwickelt zu haben, die es ermöglichen würde, durch Vermietungen oder Gastronomie zusätzlich Eigeneinnahmen zu erzielen“, macht sich zum Sprachrohr der brandenburgischen Ministerialbürokratie. Schon während meiner Zeit war der „Hotelbetrieb“ höchst problematisch. Wer bei Arnims absteigen wollte, wollte nicht im Seitenflügel, sondern im Herrenhaus übernachten, wollte die Betten gemacht, wollte bedient werden. Das braucht aber Personal.

Forderung an Ministerin Münch

Seit dem 9. März 2016 gibt es eine neue Kulturministerin: Dr. Martina Münch. Diesen Job erledigte sie schon von 2009 bis 2011 – ohne besondere Auffälligkeiten. Da sie der SPD angehört, die im Landtag die Mehrheit hat, sollte sie Mut beweisen und Wiepersdorf zu ihrem Fall machen. Dafür hat sie zwei Jahre Zeit.

Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf muss, wie schon ab 1993 geplant, endlich in eine eigenständige GmbH überführt werden, muss für mindestens eine Legislaturperiode von fünf Jahren ein jährlicher Minimal-Zuschuss – für die von Brandenburg entsandten Stipendiaten – zugesichert werden. Das sind: für Liegenschaft 130 000 Euro, für Personal (14 Mitarbeiter, unter dem geht es nicht!) 600 000 Euro, für Unterkunft/Verpflegung bei 385 Euro pro Monat und 18 Stipendiaten 70 000 Euro, für Veranstaltungen, Museum und Öffentlichkeitsarbeit, Veröffentlichungen 60 000 Euro, für Stipendien bei 820 Euro Satz und zwei mal fünf Monate 160 000 Euro – alles in allem bedeutet das einen jährlichen Zuschuss von 1,02 Millionen Euro.

Ministerin Münch sollte sich an den von der Bundesrepublik erlassenen Vorgaben für die Villa Massimo orientieren. Das heißt nicht, dass Wiepersdorf zu einer Villa Massimo im Märkischen werden soll und kann. Doch der ehemalige Wohnsitz von Bettina und Ludwig Achim von Arnim hat das Zeug, ein Aushängeschild für Brandenburg zu werden, ein Ort des Geistes und ein Künstlerhaus von nationaler Bedeutung.

Doch dafür braucht es Mut, Entschlossenheit und eine kluge Kulturpolitik.

Von Peter Hahn

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