Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Das Leben des Gerhard Gundermann
Nachrichten Kultur Das Leben des Gerhard Gundermann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 02.11.2017
Alexander Scheer (l.), der die Titelrolle spielt, und Regisseur Andreas Dresen. Quelle: PETER HARTWIG/Pandora Film,
Anzeige
Berlin

„Hier bin ich geboren, wo die Kühe mager sind wie das Glück“. Alexander Scheer singt einen Gundermann-Hit und es klingt fabelhaft, was der 41-jährige Schauspieler gemeinsam mit den Musikern auf der Freilichtbühne in Berlin-Weißensee präsentiert. Und nicht nur das: In Jeans, mit gestreiftem Hemd und Hosenträgern sieht er dem legendären Baggerfahrer und Rockpoeten tatsächlich sehr ähnlich. Alle wippen ein wenig im Takt mit, doch plötzlich unterbricht Andreas Dresen den Gesang, ist mit einem Sprung auf der Bühne und gibt seinem Hauptdarsteller mit ausufernden Armen Anweisungen. Kurz darauf greift Scheer erneut zur Gitarre und beginnt wieder zu singen. Es sollte nicht das letzte Mal sein an diesem Freitagabend. Weit nach Mitternacht gehen alle mit einem Ohrwurm nach Hause.

Für den Potsdamer Regisseur Andreas Dresen erfüllt sich mit der Verfilmung des Lebens von Gerhard „Gundi“ Gundermann ein Herzenswunsch. Seit zehn Jahren verfolgt er mit Gleichgesinnten das Projekt: Ein Kinofilm über den Genossen und Rebell aus der Lausitz, einen Vollblutkünstler, der dennoch seinem Bagger treu blieb, der als Stasi-IM Schuld auf sich geladen und viele Menschen mit seiner Musik glücklich gemacht hat. Und der 1998 mit nur 43 Jahren starb. „Das sind so zerrissene Biografien, die sehr interessant sind und etwas darüber erzählen, wie Menschen in ihrem Leben und ihrem Land auf der Suche sind“, so Dresen.

In enger Abstimmung mit der Witwe schrieb Laila Stieler das Drehbuch, das Gundermanns Leben von den 1970ern bis zu seinem Tod erzählt.

Gundermann bei einem Auftritt 1993 in Cottbus. Quelle: dpa

„Die Finanzierung des Films war schwierig“, erzählt der Potsdamer Produzent Peter Hartwig, der seit gemeinsamen Zeiten an der Filmuniversität Babelsberg, die damals noch Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ hieß, eng mit Andreas Dresen verbunden ist. „Viele kennen Gundermann nicht, deshalb war es nicht leicht, sie zu überzeugen.“ Irgendwann waren Pandora Film und der RBB mit im Boot und auch die Filmförderer machten mit.

39 Drehtage sind vorgesehen, an diesem Freitag in Weißensee ist eine fünfminütige Konzertszene geplant. „Ein wichtiger Tag mit großem Team“, sagt Peter Hartwig. Gundermann habe ja auch an diesem Ort gespielt. Das Gewusel ist groß. 115 Filmarbeiter sorgen dafür, dass am Set Beleuchtung, Ton, Kostüme, Maske und vieles mehr perfekt harmonieren. Allein drei Kameras verfolgen das Geschehen aus verschiedenen Winkeln. Chefkameramann Andreas Höfer, ebenfalls ein seit Jahrzehnten ein Dresen-Verbündeter, sitzt auf einem Kran und hat die Bühne in der Totalen im Blick. Der Regisseur verfolgt die Aufnahme auf einem Monitor und greift immer wieder ein, hat Verbesserungsvorschläge. Aber stets mit freundlichem Ton.

Zum Kinostart gibt’s Konzerte

Der 1955 in Weimar geborene Gerhard Gundermann war einer der facettenreichsten Musiker Ostdeutschlands. Er galt als Sprachrohr der Menschen im Lausitzer Kohlerevier, eckte oft an und war dennoch einige Jahre IM bei der Stasi. Ein widersprüchliches Leben – ein spannender Filmstoff.

Neben Alexander Scheer spielen Axel Prahl, Thorsten Merten, Bjarne Mädel, Kathrin Angerer und Milan Peschel in dem Kinofilm „Gundermann“ mit. Gedreht wird noch bis Dezember in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin.

Der Soundtrack zum Film ist bereits fertig. Eine Woche lang war Musik Supervisor Jens Quandt, der schon mit Gundermann zusammengearbeitet hat, mit Alexander Scheer im Studio. 18 Lieder haben sie aufgenommen.

Der Kinostart ist im August 2018 geplant. Die Macher wollen die Open-air-Saison nutzen und Filmvorführung und Konzert verbinden. Andreas Dresen und Axel Prahl musizieren gelegentlich mit einer Band und haben auch Gundermann-Lieder im Programm. Alexander Scheer wird bei einigen Auftritten dabei sein.

Gefördert wurde der Film vom Medienboard mit 500 000 Euro.

Weitere Infos: www.facebook.com/GundermannDerFilm

Um die Komparsen kümmert sich derweil Emil. 200 sind für die Szene bestellt. Die Castingagentur Filmgesichter organisiert in einem Zelt unweit der Bühne die Anmeldungen. Danach geht’s zum Umziehen. Schließlich spielt die Szene Mitte der 1990er Jahre. Die Potsdamer Kostümbildnerin Sabine Greunig hat auf Flohmärkten und im Kostümfundus Berlin und Babelsberg gestöbert, um die oft langhaarigen, teilweise bärtigen Komparsen in zeitgemäße Kleidung zu stecken: Jeansjacken, helle weite Hosen, Cordjacken, Sweat-Shirts in gedeckten Farben. Fast hatte man vergessen, wie schlicht und unspektakulär damals die Mode war.

Irgendwann sitzen alle im Rund der Freilichtbühne oder stehen direkt vor dem Podest, auf dem Alexander Scheer immer wieder das gleiche Lied singt. Sie klatschen auf Kommando, manche Summen das Lied mit. Es sind einige Gundermann-Fans dabei, andere kennen nicht einmal den Namen. Wie die drei Amerikaner in der ersten Reihe. Aber der eine Song, den sie hier zu hören kriegen, gefällt ihnen.

Die Zeit vergeht, es wird kalt, nasskalt. Die Komparsen frieren, obwohl ihnen zuvor ausdrücklich geraten wurde, warme Unterwäsche mitzubringen. Decken werden verteilt, es gibt Brötchen und alkoholfreies Bier in Plastikbechern.

Andreas Dresen dankt den Komparsen mehrfach für die Geduld. „Sie kommen auch noch ins Bild“, verspricht er und lacht verbindlich. Von Nervosität keine Spur.

Später verteilt Emil die Komparsen in der Publikumsarena, die Kamera nimmt sie mit einem Schwenk auf. „Am Computer werden dann aus 200 Zuschauern 2000,“ erklärt Peter Hartwig. Der Technik sei dank. Sonst wäre solch eine Massenszene gar nicht möglich. Wenn der Film im August 2018 ins Kino kommt, können sich alle auf der großen Leinwand entdecken. Und sich an die lange, kalte Nacht erinnern.

> Das sagt Andreas Dresen über Gundermann

Von Claudia Palma

Die Erde hat sich weitergedreht, wie es so heißt: Aber Johnny Flynn ist noch da. Der Musiker, offen für Folk, Rock und Soul, hält inne und denkt über den Zustand der Erde und jene nach, die auf ihr wandeln. Nur alle paar Jahre veröffentlicht der Songwriter und Schauspieler ein neues Album, meist unterstützt von der Band The Sussex Wit. Das Warten hat sich gelohnt.

30.10.2017
Kultur Sternekoch Harald Wohlfahrt im Interview - Hätten Sie noch besser kochen können?

Ein Vierteljahrhundert hat er als Küchenchef drei Sterne für die Schwarzwaldstube erkocht, Jahr für Jahr. Im Juli nun hat Harald Wohlfahrt den Kochlöffel abgegeben. Hannes Finkbeiner spricht mit ihm über Kritikfähigkeit am Herd, den Respekt des Kochs gegenüber Tieren und über Trends, die vorüberziehen dürfen.

29.10.2017
Kultur Gastbeitrag von Christine Schäfer - Essen wird Pop

Veganismus, Food-Porn, Öko-Boom: Wir sind heute vom Essen besessen. Und identifizieren uns nicht mehr nur über Musik, sondern auch über das, was wir zu uns nehmen. Miteinander zu essen war schon immer ein sozialer Akt – aber heute ist es auch ein Mittel zur Abgrenzung.

29.10.2017
Anzeige