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15:04 15.11.2017
Wolfgang Hilbig 2002 bei einer Lesung in Darmstadt. Quelle: dpa
Potsdam

Um es gleich zu sagen: es ist ein großer Wurf geworden! Sowohl eingeschworene Hilbig-Fans als auch Leser, die eher wenig über ihn wissen, kommen auf ihre Kosten. Denn Michael Opitz beleuchtet in seiner kürzlich erschienenen Wolfgang-Hilbig-Biografie nicht nur die biografischen Episoden, sondern ebenso die Schaffensgeschichte dessen zentraler Werke und zeichnet in diesem Zusammenhang eine glasklare Gesellschaftsanalyse der DDR und der Nachwendezeiten.

In der DDR erschien nur ein Buch von Hilbig

Wolfgang Hilbig (1941-2007) wurde in Meuselwitz, Thüringen geboren. Er starb in Berlin.

Der gelernte Bohrwerkdreher begann ab ca. 1960 autodidaktisch Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Da weder Autor noch Werk den kulturpolitischen Normen der DDR entsprachen, kam es hier zunächst nicht zu Veröffentlichungen.

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Das einzige
in der DDR veröffentlichte Buch blieb „STIMME STIMME“, Reclam Verlag Leipzig 1983. Hilbig, der ab 1980 amtlich als „freischaffender Schriftsteller“ galt, erhielt 1985 ein Aus- und Einreisevisum, das ihm erlaubte, Stipendienaufenthalte in der Bundesrepublik wahrzunehmen ohne die DDR-Staatsbürgerschaft zu verlieren.

Sein Œuvre wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 1989 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, sowie 2002 mit dem Georg-Büchner-Preis. Eine siebenbändige Werkausgabe wird 2018 vollendet sein.

Michael Opitz , „Wolfgang Hilbig. Eine Biographie“, S. Fischer Verlag, 672 Seiten, 28 Euro.

Eines der zentralen Motive Wolfgang Hilbigs, so Opitz, war die „Abwesenheit“: Im offiziellen Kulturbetrieb der DDR war er wegen seiner Unangepasstheit nie anwesend. In den westdeutschen Stipendienorten wurde er ebenso nie heimisch. Vor engen Beziehungen flüchtete er. Orte des Transits wie Bahnhöfe oder Kneipen waren sein Terrain. Die Geburtsstadt Meuselwitz in Thüringen – in vielen seiner Werke „M.“ genannt – und die umliegende Braunkohlelandschaft waren für Hilbig in seinen ersten vierzig Lebensjahren Wohn- und Rückzugsort. Hier arbeitete er als Heizer um zu schreiben, und zwar Weltliteratur.

Ein grundsätzliches Rätsel

Hilbig macht es insofern seinem Biografen leicht, als viele seiner Texte eindeutig als autobiografisch zu interpretieren sind. Jedoch gibt Hilbig ein grundsätzliches Rätsel auf: Wie kann es sein, dass ein Mensch, der vaterlos unter prekären Verhältnissen aufwuchs und von einem analphabetischen Großvater erzogen wurde, solch einzigartiges literarisches Werk geschaffen hat?

Opitz beschäftigt sich deshalb in der ersten Hälfte seines Buchs intensiv mit Kindheit und Jugend, die so prägend für den Schriftsteller gewesen sind, dass es sich lohnte hier tief zu schürfen. Detailreich versetzt uns Opitz in die Welt einer mitteldeutschen Industriestadt beginnend zur Zeit des Zweiten Weltkrieges: Bombennächte, das vergebliche Warten auf eine Nachricht vom Vater, der bei Stalingrad als Wehrmachtssoldat vermisst wird, die Präsenz von KZ Häftlingen in den Meuselwitzer Rüstungsbetrieben und die Enge der kleinen Wohnung in der Hilbig mit den Großeltern und der Mutter, mit der er aus Platzgründen ihr Ehebett teilen musste, aufwuchs. Sprachlich souverän wird beschrieben, wie Hilbig seine unmittelbare Umgebung wahrnahm, wie er die verwilderten Gartenanlagen am Stadtrand, die aufgelassenen Kohlegruben und Industrieruinen durchstreifte und all dies als narratives Rohmaterial in späteren Texten verwendet hat.

Alles begann mit Wildwestgeschichten

Wolfgang Hilbigs Dichterkarriere startete mit dem Verfassen von Wildwestgeschichten für seine Mitschüler, und plötzlich konnte er vom Schreiben ein Leben lang nicht mehr lassen. Es entstanden Text für Text, Gedicht für Gedicht. Opitz hat Archive und den Nachlass des Dichters akribisch durchgearbeitet und kann mit dem Vergleich unterschiedlicher Manuskriptvarianten beispielhaft verdeutlichen, dass Hilbig an vielen Themen oft jahre- bis jahrzehntelang arbeitete und mit welch selbstkritischem Qualitätsbewusstsein er sich immer wieder angetrieben, aber auch in Frage gestellt hat.

Die Biografie hält eine vortreffliche Balance zwischen Person und Werk. Die Schilderung des zu Teilen katastrophischen Lebensverlaufs wird konsequent unterschnitten mit den „Textlandschaften“ in denen sich Hilbig jeweils zeitlich aufhielt. Dessen schriftstellerische wie gesellschaftliche Unangepasstheit hat ihn in der DDR isoliert und zugleich für die Stasi verdächtig gemacht.

Die Stasi war immer dabei

Opitz schildert faktenreich die Observierung und Verhaftung Hilbigs genauso wie die späte Editionsgeschichte seiner Werke zuerst in West, dann (einmalig) in Ost. Hier entblättert sich noch einmal der ganze Wahnsinn des offiziellen DDR Kulturbetriebs, von Lektoren angefangen bis hoch zu Ministern, die alle nicht im Geringsten die Magie der Literatur des Wolfgang Hilbig erspürten, aber wichtigtuerisch und kleinmütig seine Texte beurteilten – um sie zu verhindern. Während wiederum ausgerechnet die Stasi dann auf Veröffentlichung drängte: man wollte Hilbig nicht als „Dissidenten“ populär machen.

Tatsächlich ist er das nie geworden, jedoch einer der sprachmächtigsten deutschen Dichter der Nachkriegszeit, dessen kontinuierliches Schreiben erst um die Jahrtausendwende herum versiegte. Michael Opitz` Anspruch war es, mit seiner Hilbig-Biografie „einen Weg zu Dichter und Werk zu bahnen.“ Das ist ihm grandios gelungen.

Der Autor ist Dok-Film-Regisseur und lebt in Potsdam. 2011 entstand sein Film „Hilbig. Eine Erinnerung.

Von Siegfried Ressel

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