Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Das Leben im Potsdam der DDR

Deutscher Buchpreis Das Leben im Potsdam der DDR

Wir sind genau an dem Tag verabredet, an dem sein Roman „Skizze eines Sommers“ für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wird. Der Autor André Kubiczek lebt heute in Berlin. Aber sein Potsdam-Roman verschafft ihm nun den Durchbruch. Ein Spaziergang durch seine Potsdamer Kindheit und Jugend.

Voriger Artikel
Romane mit „starker Bodenhaftung“ auf der Shortlist
Nächster Artikel
Bauer sucht... Gerechtigkeit

Wo heute ein Supermarkt steht, war früher die Diskothek Orion, die in André Kubiczeks Buch eine große Rolle spielt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. „Hier gingen immer die Busse ins Ferienlager ab“, sagt André Kubiczek und zeigt auf die Auffahrt zum Uni-Campus am Griebnitzsee. „In der Hochschule Staat und Recht haben meine Eltern gearbeitet.“

Es ist ein besonderer Tag. 10 Uhr gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sechs Romantitel bekannt, von denen einer am 17. Oktober zum Buch des Jahres gekürt wird. „Ich hatte Glück mit der Jury“, meint Kubiczek. „Die anderen Nominierten erzählen offenbar auch sehr direkt ihre Geschichten. Dass so zu schreiben viel schwieriger ist, ahnen viele Leser nicht.“

Wir sind 13 Uhr in Potsdam verabredet. Kubiczek wohnt heute im Prenzlauer Berg und hat mit „Skizze eines Sommers“ einen Potsdam-Roman vorgelegt, der nun bundesweit starke Beachtung findet. Doch kein stolzes Leuchten steht in seinen Augen, als er aus dem S-Bahnhof kommt. Seit 2002 hat er schon sieben Romane geschrieben. Sie erschienen in großen Publikumsverlagen wie Rowohlt und Piper, aber André Kubiczek blieb ziemlich unbekannt. Und nun wird er endlich einmal wahrgenommen!

2500 Euro für die Nominierung – viel Geld für Kubiczek

„Ich habe die gute Nachricht schon gestern Abend vom Verlag erfahren“, begründet er seine Zurückhaltung. Natürlich habe er sich gefreut und sei am Abend in einem sardischen Restaurant mit seiner Tochter und deren Mutter essen gegangen. Die Nominierung auf der Shortlist ist mit einer Überweisung von 2500 Euro verbunden. Für jemanden, der in der Woche manchmal nur für 20 Euro Lebensmittel einkauft und auch schon privat Schulden aufnehmen musste, um sich als freier Schriftsteller durchzuschlagen, ist das eine ganze Menge. „Vor allem freut es mich für meine Tochter“, sagt er. Sie ist 13 und verbringt seit ihrem zweiten Lebensjahr die halbe Woche bei ihm, die andere Hälfte der Woche bei der Mutter, die 500 Meter entfernt wohnt.

Sommer 1985

„Ich habe das Buch geschrieben, um den Sommer 1985 noch einmal zu erleben“, sagt er, während wir in Richtung seiner Kindheit und Jugend laufen. Per Mail hatte er folgende Route vorgeschlagen: „Wir können zum Wohngebiet um die Gluckstraße laufen, wo Teile meines Romans „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ spielen und später über die Großbeerenstraße zum Stern rüber. Da kann ich Ihnen dann zeigen, wo René wohnte und das Mädchen ohne Namen, wo die Post war und die Disko.“

Damals fuhr der O-Bus

Auf dem Hubertusdamm zeigt er in die Mendelssohn-Bartholdy-Straße. „Dort hinten konnte man die Mauer sehen. Hier fuhr der O-Bus. Ganz hinten war noch eine Kaserne der Grenztruppen.“ Bald kommen wir in einem kleinen DDR-Neubau-Viertel an, das früher betongrau war und heute durch gelben Dämmputz ins Auge sticht. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich Schimmel- und Moosflechten. „Im mittleren Aufgang, oben rechts im fünften Stock haben wir zu viert in einer Zweieinhalbzimmerwohnung gewohnt. Später sind wir dann in die Waldstadt II in eine Dreieinhalbzimmerwohnung gezogen“, sagt Kubiczek und erzählt noch einmal die Geschichte seiner Eltern.

Kubiczek verliert Bruder und Mutter

Der Vater hatte die burmesische Sprache erlernt und wollte eigentlich Diplomat werden. Da er sich beim Studium in Moskau aber in eine Laotin verliebte, wurde daraus nichts. Die Eltern wohnten lange in einem möblierten Zimmer zur Untermiete in Potsdam-West und bekamen dann endlich die Zuweisung für die Neubauwohnung. „Es ist wahnsinnig ruhig hier“, seufzt er und erinnert sich an die vielen Kinder, mit denen er gemeinsam aufwuchs. Doch die Jahre lassen sich auch nicht verklären, denn sein ein Jahr jüngerer Bruder verunglückte als Zehnjähriger auf dem Bürgersteig mit dem Fahrrad, zog sich ein Hirntrauma zu, wurde falsch operiert und starb mit 17. Später verlor André Kubiczek auch noch seine Mutter, die krebskrank war. Das alles und noch viel mehr schildert das Buch „Der Genosse ...“ Der Sommerroman aber spielt in dem Jahr danach im Wohngebiet Am Stern, wohin wir nun laufen. Der Einfachheit halber ließ der Autor seinen Ich-Erzähler dort wohnen und auch das 60 Mark teure Import-Buch mit sämtlichen Werken von Baudelaire in der Volksbuchhandlung am Stern kaufen. Tatsächlich erwarb er es in Halle im Internationalen Buch, dort lag es wirklich in einer Vitrine.

Ärztin wohnte neben Verkäuferin

Aus dem Potsdamer Randbezirk fuhr Kubiczek bis zur zehnten Klasse in die Potsdamer Innenstadt in die Lenin-Schule (heute Voltairschule), eine Russischschule, in der die Direktorin beim Appell eine ordenbehängte sowjetische Offiziersuniform trug. Die Fertigstellung der Straßenbahnlinie erlebte er als großen Fortschritt. In der Flotowstraße schaut Andre Kubiczk nach unten und bemerkt: „Noch die alten DDR-Gehwegplatten!“ Der neue grellgelbe Netto-Markt erscheint ihm heute viel hässlicher als die alte HO-Kaufhalle. Er hat die DDR-Neubaugebiete nie als hässlich empfunden. „Das war damals auch etwas anderes, es gab so etwas wie Egalität. Ärztin und Verkäuferin wohnten im selben Aufgang.“ Ein Kritiker schrieb einmal über Kuibczek, ihm gelinge ein „nichtpropagandistisches Sprechen über die DDR“. „Ja ich verfolge keine ideologische Botschaft“, bestätigt er.

Der Vater war gar nicht so staatsnah

Nun kommen wir am Orion an. Nein, die sagenhafte Disko zwischen den Hochhäusern gibt es nicht mehr. Sie musste einem großen Rewe-Markt weichen. Doch hier ist das Zentrum seines Romans. Wir fahren auf ein Punkthochhaus mit einem nicht gerade vertrauenserweckenden Fahrstuhl. Von oben erscheint das Wohngebiet wie ein Spielzeugland. Kubiczek hat Höhenangst, traut sich nicht ans Geländer. Er zieht sein Handy aus der Tasche und schickt seinem Vater, der heute in Kleinmachnow lebt, eine Nachricht. „Er hat mich zum Essen eingeladen, obwohl er ja im Buch gar nicht gut wegkommt.“ Aber er muss doch als Unterhändler der DDR in Genf stramm auf SED-Kurs gewesen sein? Kubiczek: „Er war gar nicht so ein staatsnaher Funktionär. Er hatte in Potsdam informell sogar Kontakt zu Bürgerrechtlern in Kirchenkreisen aufgenommen. Deshalb wurde er dann auch vom Markus-Meckel-Ministerium zu den Zwei-plus-vier-Gesprächen hinzugezogen.“

Von Karim Saab

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?