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01:15 11.11.2018
Raus aus der Komfortzone. In dem Film Via Carpatia soll der Vater aus einen Flüchtlingscamp nach Polen nachgeholt werden. Quelle: Zuza Kernbach
Cottbus

„Wenn der Eyad hier in Cottbus auf der Bühne steht, nehme ich mein Mike und zeig, dass Cottbus lebt“, rappt der 17-Jährige Eyad leise am Tisch eines Schnellimbiss im Cottbuser Einkaufzentrum „Blechen Carre“. Der syrische Geflüchtete hat mit seinem Freund Baha (17) in einem Jugendclub einen Rappworkshop besucht und schreibt seither begeistert Texte. Beiden Jungen macht es große Sorgen, dass die Väter keine Arbeit und keine Wohnung finden. „Die Leute schauen uns oft ganz hässlich an. Hier sind alle gegen Ausländer. Ich glaube auch das Jobcenter“, sagt einer von beiden. Sie rauchen, vor ihnen stehen Kaffees zum Mitnehmen.

Urlaubsträume

Nur ein paar Meter weiter, auf der Leinwand in der Stadthalle beim Festival des osteuropäischen Films essen Julia und Piotr Sushi in ihrer schicken Küche und hätscheln ihre Schildkröte wie ein Kleinkind. Beide träumen von einem Urlaub auf einer einsamen Insel, als Piotrs Mutter sie in ein Flüchtlingscamp schickt. Die Rentnerin hat ihr Erspartes zusammengekratzt, damit die beiden Piotrs Vater, einen Syrer, ins sichere Polen holen. Dokumentarisch gedreht, verlassen die Mittdreißiger in „Via Carpatia“ nur widerwillig ihre Komfortzone. Und so dauert das Engagement für den Vermissten in Südeuropa nicht lange.

Baha und Eyad (v.l.), zwei syrische Jugendliche in Cottbus. Quelle: Barbara Breuer

Sehr nachdenklich macht der erste polnische Spielfilm, der sich der Flüchtlingsthematik widmet. Denn in der Lausitz vermischen sich dieser Tage Film und Realität, wenn Regisseurin Klara Kochanská ihr Werk auf dem Cottbuser Filmfestivals präsentiert. Zuhause in Polen gibt es heute mehr Anfeindungen oder Übergriffe gegenüber Menschen mit arabischen Wurzeln als noch vor zehn Jahren. „Die rechtsgerichtete polnische Regierung trägt eher dazu bei, Vorurteile und Angst gegenüber Ausländern zu schüren, anstatt sie abzubauen“, sagt die Filmemacherin.

Anders als Polen sieht Klara Kochanská Deutschland als einen Staat, der Flüchtlingen hilft und versucht, die Krise zu meistern. „Aber ich weiß, dass viele Menschen im Osten Deutschlands und auch in Cottbus rechte Parteien wählen“, sagt sie. Angst in die Lausitz zu kommen hatte sie nicht, auch wenn rechte Vereine wie „Zukunft Cottbus“ gegen Ausländer demonstrieren.

Ein Film, der nachdenklich macht

Anfang des Jahres war Cottbus in die Schlagzeilen geraten: Dort hatten sich bis zu 1.500 Menschen den rechten Protesten angeschlossen. „Da waren viele aus dem Umland dabei“, erzählt der Sozialarbeiter Jens Asmann. Der Filmfan hat „Via Carpatia“ mit Begeisterung gesehen: „Das Paar ist zu Wohlstand gekommen und hat nun Angst, dass andere ihnen etwas wegnehmen oder sie wieder Abstriche machen müssen. Das ist ein sehr guter und aktueller Film.“ Wer will, kann Parallelen zu den Protest-Anhängern ziehen: Auch sie fürchten Verluste oder haben Angst.

Um diese Stimmung in Cottbus zu verbessern, ist einiges passiert: „Es wurden gemeinsame Streifen der Polizei mit dem Ordnungsamt eingeführt, das hat sich bewährt. Auch hat sich insgesamt die Polizeipräsenz besonders in der Innenstadt erhöht. Streetworker sind regelmäßig unterwegs. Auf dem Stadthallenvorplatz wurde eine Videoüberwachung installiert und im Mai 2018 habe ich zudem die Reihe der Bürgerdialoge gestartet“, erklärt der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU). Schon zuvor wurden die Zuweisungen aus der Erstaufnahmestelle Eisenhüttenstadt gestoppt.

Cottbus ist bunter als man denkt

„Mittlerweile engagieren sich viele Menschen hier bewusst für ein buntes Cottbus und für faire Auseinandersetzungen miteinander“, sagt René Serge Mundt, der Intendant des Staatstheaters. Kollegen engagieren sich für Geflüchtete. Wöchentlich treffe sich in der Kammerbühne ein ,Leseclub‘. Im Spielplan werde auf die aktuelle Situation reagiert. Auch Ulrike Kremeier, die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst sieht positive Entwicklungen: „Cottbus ist erfreulicherweise bunter als die rechte Szene die Stadt aussehen lässt.“

In den vergangenen Monaten wurden in Cottbus insgesamt 30 Stellen für Migrationssozialarbeit bewilligt und besetzt. Davon profitieren auch Jungen wie Eyad und Baha, die hin und wieder den nahe liegenden Jugendclub besuchen. Dort und in der Schule hat Eyad Freunde gefunden „Wir laufen mit den Deutschen und dann lernen wir die Sprache“, erklärt er fehlerfrei. Im Vorbeigehen begrüßen die Jungen Enrico. Den 17-Jährigen kennen sie schon „voll lange“. Er sagt: „Die älteren Leute hier beleidigen die Ausländer“. Den Grund dafür weiß er nicht.

Manch ein älterer Bürger musste selbst fliehen

Während in der Stadthalle eine Ausstellung über Migranten für Verständnis wirbt und das Festival gemeinsam mit der Cottbuser Stolpersteininitiative am Freitag Gedenkveranstaltungen an den vergoldeten Pflastersteinen in der Innenstadt organisiert, unternimmt ein 79-Jähriger auf dem Stadtplatz einen Erklärungsversuch: „Viele aus meiner Generation sind selbst Flüchtlinge. Als ich damals aus Oberschlesien gekommen bin, lebten wir zu fünft in einem Zimmer. Der Vater verdiente wenig, die Mutter musste arbeiten gehen und wir in die Lehre. Das Geld war knapp. Ich denke, viel von den Protesten hat auch mit Neid zu tun“. Der Rentner sagt, Migranten müssten nicht ewig dankbar sein, aber es wäre gut, wenn ihnen jemand unser Wertesystem vermittelte und ihnen unsere Kultur besser erklärte: „Sie müssen begreifen, dass sie sich hier oft anders verhalten müssen als Zuhause.“

Bloß keinen Stress machen

Eyad und Baha haben sich schon mit Deutschen gezofft. „Unsere Eltern sind immer sehr traurig, wenn wir Stress machen“, sagt Eyad. Er weiß, welches Verhalten von ihm erwünscht ist: „Wenn mich jemand beleidigt, drehe ich mich um und gehe weg“. Und der größte Wunsch der beiden? Sie müssen nicht lange überlegen. Keine schnellen Autos und keine großes Geld: „Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen leben und wie eine Hand sind.“

Ob das klappt oder nicht, wäre Piotr und Julia wohl egal. Sie haben in dem Kinostreifen ein Bündel Geld in der Tasche und in ihrer Nähe locken schließlich Meer, Strand und gutes Essen.

Von Barbara Breuer

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