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Das alte Heizkraftwerk in Beelitz-Heilstätten

Technisches Denkmal Das alte Heizkraftwerk in Beelitz-Heilstätten

Das Heizkraftwerk in Beelitz-Heilstätten ist ein technisches Denkmal. Es versorgte das einstige Lungenheilstätten-Areal – von 1945 bis 1994 war hier dann das Militärhospital der Sowjetischen Streitkräfte – mit Wärme und Elektroenergie, sorgte auch für Trink- und Warmwasser. Ein rühriger Förderverein kümmert sich seit 1996 darum. Und lädt von April bis September zu Führungen ein.

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Elke Seidel vom Förderverein Heizkraftwerk Beelitz-Heilstätten e. V. im Maschinensaal vor der marmornen Schalttafel.

Quelle: Angelika Stürmer

Potsdam. „Das ist unser Schmuckstück“, erklärt Elke Seidel vom Förderverein Heizkraftwerk Beelitz-Heilstätten (Potsdam-Mittelmark) bedeutungsvoll und dreht dabei den Schlüssel im Schloss der alten Eingangstür um. Dann geht’s ins Allerheiligste. Den Maschinensaal mit den großen Bogenfenstern, der „mit so viel Liebe erbaut wurde“, wie Elke Seidel findet. Da ist er wieder – dieser Geruch nach Öl und Abrieb, den sie schon als Kind so mochte, wenn ihr Vater mit den Schmiede-Klamotten heim kam. Und diesen typischen Duft hatte sie auch gleich in der Nase, als sie 1995 zum Tag des offenen Denkmals das erste Mal dieses Domizil betrat. Nur einen Katzensprung entfernt war sie damals Ärztin in der Fachklinik für Lungenkrankheiten und Tuberkulose. Doch das Kraftwerk hatte sie noch nie von innen gesehen. Bis die Russen abzogen, war das Areal tabu. Von 1945 bis 1994 war hier das größte Hospital der Sowjetischen Streitkräfte im Ausland. „Dann stand ich also vor den wunderschönen Maschinen und war begeistert. Und ich guckte in die Augen der anderen, und wir dachten das Gleiche: Das muss erhalten bleiben. Mittlerweile hat unser 1996 gegründeter Förderverein 25 Mitglieder“, erzählt die 68-Jährige. Sie haben die Turbinen, Fußboden-Fliesen und lasierten beigen Ziegel an den Wänden geputzt und Tafeln erstellt. Für einen symbolischen Preis konnten sie das Pumpenhaus erwerben, mit einem Zuschuss vom Land wurden Außenhülle und Dach saniert.

Führungen im technischen Denkmal

1500
technische sowie Industriedenkmale gibt es im Land Brandenburg. Darunter das Heizkraftwerk in Beelitz-Heilstätten (Potsdam-Mittelmark) – die älteste erhaltene Kraftwerksanlage mit Kraft-Wärme-Kopplung in Europa. Es wurde in der ersten Ausbaustufe von 1898 bis 1902 auf dem Areal der Lungenheilstätten – hier erholten sich Patienten mit Tuberkulose, die damals grassierte – der Landesversicherungsanstalt Berlin fertiggestellt.

Die technischen Highlights im Heizhaus sind die zwei Zweikurbelverbund-Dampfmaschinen mit Gleichstromgeneratoren (Baujahr 1898 – 1902, 240 V, je 85 kW) sowie zwei Entnahme-Kondensationsturbinen mit Drehstromgeneratoren (Baujahr 1929, 6000 V, je 450 kW). Die Kraftwerksanlagen sowie die Neben- und Hilfsaggregate sind weitgehend im Originalzustand erhalten.

Von April bis September bietet der Förderverein Heizkraftwerk Beelitz-Heilstätten e. V. Führungen an, jeweils am letzten Freitag im Monat. Treff ist immer um 14.15 Uhr im Innenhof am Heizhaus, 033204/34703 und 033204/39167

Fast zärtlich streicht Elke Seidel übers blankgewienerte Metall einer der zwei Kolbendampfmaschinen. Sie stammen noch aus der Zeit der Inbetriebnahme dieser ersten Kraftwerksanlage mit Kraft-Wärme-Kopplung in Europa. Von 1898 bis 1902 in der ersten Ausbaustufe fertiggestellt. Das Heizkraftwerk samt 44 Meter hohem Wasserturm lieferte Strom für die auf rund 200 Hektar von der Landesversicherungsanstalt Berlin angelegten Arbeiter-Lungenheilstätten vor den Toren Berlins mit 64 Gebäuden.


Mit lasierten Ziegeln an den Wänden

Mit lasierten Ziegeln an den Wänden: Im Maschinensaal des Heizkraftwerkes finden sich auch die betagten 240 V-Gleichstromgeneratoren von AEG (im Bild hinten).

Quelle: Matthias Baxmann

Zunächst schafften das die 240 V-Gleichstromgeneratoren von AEG, die jeweils von einer Borsig-Dampfmaschine angetrieben wurden. Als die Kolosse überlastet waren, kamen 1929 zwei Dampfturbinen, verbunden mit zwei Drehstromgeneratoren von der Brown Boveri AG Mannheim dazu. Sie sind kleiner, bringen aber die fünffache Leistung.

An einer Wand des Maschinensaals findet sich die Original-Schalttafel aus weißem Marmor. Dort sind allerhand Hebel für Gleichrichter, Entladung & Co. Nirgends Rost. „Tja, wir pflegen die ja auch“, so Seidel.

Da bewegten sich die Schwungräder der Dampfmaschinen

Die Kohle kam mit Zügen an. Vorm Kesselhaus ist die Rampe. Mit Karren wurde der Brennstoff zu den fünf eingemauerten Zweiflammrohr-Kesseln bugsiert. Je an die zehn Meter lang, mit einem Durchmesser von zwei Metern. Ein gewaltiger Schlund. Später gab’s Förderbänder. Elke Seidel erklärt: „Der Kessel war voller Wasser, bloß in der Mitte ist ’ne Flucht, wo die Rauchgase entlangzogen. Diese erhitzten das Wasser, erzeugten Dampf und der gelangte in den Maschinensaal. Dann wurde der Druck reduziert und dabei die wuchtigen Schwungräder der Kolbendampfmaschinen in Bewegung gesetzt. Die trieben die Turbine an und erzeugten Strom. Der reduzierte Dampf wurde unterirdisch zu den Häusern transportiert und dort in Heizungs- und Warmwasser umgewandelt.“

Elke Seidel schwärmt von der Kraft-Wärme-Kopplung, die aus Kohle nicht bloß Strom, sondern auch Wärme machte. Bis 1975, danach wurde bloß noch Wärme erzeugt. Seit 1994 nichts mehr. Aber die Maschinen sind noch tipptopp. War die Ärztin schon immer technikaffin? „Ja. Aber mich fasziniert vor allem die Weitsicht, mit der die Landesversicherungsanstalt Berlin im 19. Jahrhundert hier die Zukunft gebaut hat, bezogen aufs ganze Gelände. Es wurde ein zentrales Heizkraftwerk errichtet, die neueste Technik reingebracht und man konnte völlig unabhängig sein. Es gab eine Fleischerei, Wäscherei, Großküchen, Bäckerei, eine Sodafabrik, Bier wurde gebraut, Gemüse angebaut. Für die Tuberkulosekranken zählten Sonne, Ruhe und gutes Essen zur Stärkung des Immunsystems.“

Unbedingt muss Elke Seidel noch von ihrer Vision erzählen: „Ich hoffe, dass mit dem Heizkraftwerk wieder Strom erzeugt wird. Damit könnte man einen Elektro-Bus betreiben, der in den Ortschaften rund um Beelitz fährt. Wir haben an Borsig, AEG und Boveri geschrieben, ob sie uns unterstützen, die alten Maschinen zu reaktivieren. Da kam nichts. Haben sie für ihre ersten Kinder nichts mehr übrig?“

Von Angelika Stürmer

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