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Nachrichten Kultur Das leicht nervöse Alles-ist-möglich
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02:15 13.05.2017
Caroline Laurin-Beaucage auf dem Schulplatz von Neuruppin. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Markttag, hinten gibt es Brötchen und verzierte Torten, hier vorne erste blasse Erdbeeren – dort am Rand aber, wo mannshohe Fontänen leicht verwehen, wenn eine Böe über den Schulplatz zieht, tanzt Caroline Laurin-Beaucage. Tanzt sie wirklich? Nirgendwo Musik. Kein Tutu, keiner der Röcke, deren Tüll sich hebt, wenn man zur Drehung oder einem Sprung ansetzt. Laurin-Beaucage hat eine Mütze auf dem Kopf, die setzt sie später ab, und dicke Wolle um die Knie, denn es ist kalt in Neuruppin. Gerne würde man jetzt Liegestütze machen, um warm zu werden und den Kreislauf hochzufahren.

Ja, sie tanzt. Oder prüft sie nur den Wind? Eine Marktfrau kommt heran, schaut, was passiert, und sagt, sie merke ganz genau, was in dem Würfel vor sich geht, den sich die Tänzerin aus nacktem Rohr gezimmert hat. „Sie spürt, woher der Wind kommt, wenn er stärker wird, dann stemmt sie sich dagegen. Und wenn es windstill ist, werden die Bewegungen viel ruhiger.“ Sie gehe sonst nicht häufig ins Theater, doch wenn der Tanz hier auf den Marktplatz kommt, dann schaut sie gerne zu.

Die Potsdamer Tanztage (16.-28. Mai) gehen als Vorprogramm ins Land Brandenburg, Caroline Laurin-Beaucage aus Montréal begann am Dienstag in Neuruppin. Es ist ihre Europa-Premiere, sieben mal hat sie das Stück in Kanada gespielt, ihrer Heimat und dem Schwerpunkt des anstehenden Festivals (siehe nebenstehenden Kasten), doch eigentlich ist es kein „Stück“ im engen Sinne. Eher ein Reigen der Intuition, eine fließende Bewegung, getrieben vom Wetter und gelenkt von den Erinnerungen oder Gewohnheiten. Caroline Laurin-Beaucage nennt die Performance „Habiter sa Mémoire (Die Erinnerung bewohnen). Vier Stunden dauert der Auftritt, nichts ins vorgegeben.

Das Programm der Potsdamer Tanztage

Compagnie Marie Chouinard
aus Kanada eröffnet mit „Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste“. Die elf Tänzer tanzen fast nackt. Ihr Triptychon konfrontiert die Zuschauer mit Himmel, Hölle und frivoler Heiterkeit (16. Mai 19.30 Uhr. Hans-Otto-Theater).

Ali Chahrour und zwei Kollegen aus dem Libanon untersuchen in „May He Rise“ mit kraftvoller Live-Musik und Tanz, wie Männer im arabischen Raum trauern (17. Mai 20 Uhr. 18. Mai 19.45 Uhr. fabrik).

Yasmine Hugonnet aus der Schweiz durchläuft in ihrem Solo „Le Récital des Postures“ nackt viele eigenwillige Posen (18. und 19. Mai, 21 Uhr. T-Werk).

Thiago Granato aus Berlin beschwört in seinem Solo „Tresured in the Dark“ den Geist zweier verstorbener Choreografen (20. Mai 21 Uhr. 21. Mai 19 Uhr. T-Werk).

Guy Nader & Maria Campos aus dem Libanon und Spanien entwickeln in „Time Takes The Time Time Takes“ zu prickelnder Live-Musik dynamische und akrobatische Gruppenbilder (19. und 20. Mai, 19.30 Uhr. fabrik).

Frédérick Gravel aus Kanada zeigt mit „This Duet That We’ve Alredy Done“ die Dramatik eines getriebenen Paares (23. Mai 20 Uhr. 24. Mai 20:30 Uhr. fabrik).

Rubberbandance Group aus Kanada experimentiert in „Vic’s Mix“ mit den Konventionen des Theaters. Die fünf Tänzer beherrschen die Körpersprache des Balletts und des Hiphops (24. Mai 20 Uhr, 25. Mai 19.30 Uhr. Hans-Otto-Theater).

Jordi Gali aus Frankreich wagt in „Arrangement Provisoire“ Balanceakte mit Leitern und Autoreifen (25. und 26. Mai, 20 Uhr, fabrik).

Daina Ashbee aus Kanada wagt in „Unrelated“ ein dunkles, stilles Duett, das die Auseinandersetzung mit indianischen und weiblichen Positionen zum Inhalt hat (25. und 26. Mai, 21 Uhr, T-Werk).

Ekosdance Company aus Java setzen sich in „Balabala“ mit Normenüberschreitung und alten Kriegstänzen auseinander (27. Mai 19.30 Uhr und 28. Mai 16 Uhr, fabrik).

Ofir Yudilevitch aus Israel wagen in „Gravitas“ ein akrobatisches Duett und testen die Schwerkraft aus (27. Mai 15 und 18 Uhr. 28. Mai 15 Uhr, T-Werk).

Alle Veranstaltungen finden auf dem Kulturstandort Schiffbauergasse in Potsdam statt. Karten in der MAZ-Ticketeria 0331/28 40 284 und an der Abendkasse.

Der Würfel, den man auch Käfig nennen kann, diene dazu, „dass sich die Leute sicher fühlen, sie wissen, dass ich nicht herauskomme. Ich bleibe in meinem Feld, sie auf ihrem.“ Es gebe Leute, die gehen vorbei „und schauen durch mich hindurch“, andere „gucken mich zwei Stunden lang an“. In Neuruppin bleibt ein Mann stehen, beobachtet, nimmt sich Zeit, anders als die Schulkinder, die auf der Bank hocken und auf den Tanz blicken, als sei es ein Video auf Youtube, das interessant, am Ende aber unverständlich bleibt.

Der Mann sagt, er gehöre zum Kulturausschuss der Stadt und habe eine Frau, die selber tanzt. Doch die tanze Ballett, eine radikal andere Spielart als jene von Laurin-Beaucage, die nichts von einer Primadonna hat. Sie gibt sich eher als Amazone, die nicht nach Opfern sucht, aber die Fähigkeit des Kampfes wie in Zeitlupe erprobt. Kampf heißt bei ihr zumeist Erkundung, sie kreuzt die klingen mit sich selbst und braucht dazu nur ihre flache Hand. Denn der moderne Städter ist ein Mensch, der ahnt, dass gleich hinter der Ecke eine Katastrophe oder eine neue Liebe lauern kann. Mit dieser leicht nervösen Alles-ist-möglich-Haltung schleicht die Kanadierin durch ihr Gehege.

Hinter der Ecke lauert Liebe oder eine Katastrophe

Sie ist ein Kind der digitalen Zeit, nichts ist real, was nicht beglaubigt wird durch einen Laptop-Monitor. Deshalb stehen Bildschirme am Rand der Bühne, dazu gibt es Kopfhörer – man hört, wie Laurin-Beaucage während vergangener Auftritte kurz ihre Eindrücke erzählt, auf Englisch, es wird ins Deutsche übersetzt. „Mein Leitfaden: Hände, die aneinanderreiben, die Bewegung ist für mich wie ein Zuhause.“

Auf dem Bildschirm sieht man, wie viele Kalorien sie bei dem Auftritt aktuell verbraucht und welche Strecke sie zurücklegt. Nach einer Stunde steht dort: 423 Kalorien und 0,6584 Kilometer. Ein Band an ihrem Handgelenk misst diese Daten. Tanz und Videospiel, hier ist es eins geworden.

Info: Prolog der Tanztage: Caroline Laurin-Beaucage tritt auf in Premnitz (11. Mai, Marktplatz 12-16 Uhr) und Potsdam (17. Mai, Alter Markt 13-17Uhr).

Von Lars Grote

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