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00:19 13.10.2017
So schön ist Brandenburg: Herbststimmung am Stechlinsee in Neuglobsow (Ostprignitz-Ruppin). Quelle: picture-alliance/ ZB
Potsdam

Es muss in den 50er- oder 60er-Jahren gewesen sein. Jedenfalls ist es schon lange her. Da gab es deutsche Wohnzimmer, die beherbergten – meistens an ausgesuchtem Ort in der Vitrine – ein Glas mit Erde. „Heimaterde“ war da drin. Es waren die Wohnzimmer der Geflüchteten nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Sie hatten ihre Heimat verloren, mussten sich eine neue aufbauen und hatten sich ein Stückchen „Zuhause“ mitgebracht.

Öffnete man das prächtige Gefäß, dann roch es meist etwas muffig. Es war die Zeit der großen Vertriebenentreffen auf denen trotzige Reden gehalten wurden, dass man die Heimat nie verloren geben werde, aber auch die Zeit der Heimatfilme, in denen Schauspieler wie Luis Trenker oder Liselotte Pulver vor ländlicher Bergkulisse eine Idylle fernab der Wirren der modernen Industriegesellschaft vorspielten. Eine Mischung aus Sehnsucht und Kitsch, wie man ihn auf den Tässchen und Schälchen und all dem Nippes findet, den man gerne Touristen andreht und wo heute „I love Potsdam“ – oder Neuruppin, oder New York draufsteht. Heimat, das war ein Gefühl, das sich mit den Jahren der Modernisierung der beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften immer mehr verflüchtigte. Schließlich ging es um Fortschritt, Karriere und Wohlstand.

Neue Heimeligkeit und Landromantik

Und nun ist es plötzlich wieder da. Dass sich mit dem neuen Heimatgefühlt Politik machen lässt, haben mittlerweile fast alle Parteien erkannt. Allen voran die AfD, die derzeit in Niedersachsen mit der Parole „Unsere Heimat, unser Land“ in den Wahlkampf zieht und damit klar zu machen versucht, wer alles in der Heimat nichts verloren hat. Die CSU war ohnehin schon immer eine Heimatpartei. Aber auch die Grünen halten es für notwendig, „eine Heimatidee“ zu formulieren und dafür zu kämpfen. Und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier fordert: „Die Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ’wir gegen die’, als Blödsinn von Blut und Boden.“

Aber worin besteht diese Sehnsucht? Sie zeigt sich seit einigen Jahren vor allem in Gestalt einer neuen Heimeligkeit. Zeitschriften wie „Landlust“ bestimmen den Lifestyle. Städter ziehen aufs Land und nehmen dafür endlose Fahrzeiten zur Arbeit in Kauf oder verbringen wenigstens das Wochenende in einer kleinen Datsche im Grünen. Beim Essen laufen regionale Produkte den weltläufigen Enchilada- oder Sushi-Gerichten den Rang ab. Dorffeste, lange als piefig verpönt, stiften wundersame Identitätsgefühle. Soziologen sprechen von einem neuen Bedürfnis nach Geborgenheit in einer immer schneller, rücksichtsloser und vor allem undurchschaubarer gewordenen Welt. Der Mythos vom globalen Dorf ist zerschunden, die Versprechen der Globalisierung haben sich seit den 90er-Jahren als widersprüchlich entpuppt. Viele Menschen sehnen sich nicht mehr nach der großen weiten Welt, sondern nach einem kleinen überschaubaren Zuhause – Heimat eben.

Die Herkunft kann auch Heimat sein

Nur, worum geht es überhaupt, wenn wir von „Heimat“ reden? Landläufig gehen wir davon aus, dass unsere Heimat dort ist, woher wir kommen. Wo wir geboren wurden, aufgewachsen sind. Ein Ort, an dessen Landschaft wir uns erinnern, an die Menschen, die Stimmungen, Düfte, an Episoden in unserer Biografie wie den ersten Kuss. Es ist der Ort der Jugend und der ersten vertrauten Gemeinschaften.

Aber was ist, wenn diese Gemeinschaften gar nicht so vertraut und angenehm waren? Wenn dort Missachtung, Misstrauen oder gar Gewalt im Spiel war? Wenn man es am Ort seiner Herkunft kaum erwarten konnte, erwachsen zu werden, um bloß schnell fortzukommen? Ist das dann noch Heimat? Oder liegt sie dann nicht eher in der Zukunft, dort, wo man neue Kontakte, Freundschaften und Aufgaben findet? Es muss nicht immer politische Verfolgung sein, wie bei den sogenannten Heimatvertriebenen oder heutzutage bei den Bürgerkriegsflüchtlingen, die jemanden zwingen, eine neue oder wenigstens eine zweite Heimat zu suchen, in der Hoffnung, das wiederzufinden, was sie woanders verloren haben. Es kann auch einfach die Erfahrung sein, dass es an einem bestimmten Ort keine Heimat für einen gibt.

Rückkehr zu guten alten Zeiten

Denn Heimat ist der Ort, mit dem man vertraut ist und wo man sich geborgen fühlt. Wo „Resonanzgefühle“ entstehen, wie es der Soziologe Hartmut Rosa nennt, eine „Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist“, wie es der große alte Doyen der deutschen Volkskunde, Hermann Bausinger, formuliert. Ein Ort, mit dem wir uns verbunden glauben und wo wir wissen, wer wir sind. Das muss kein physischer Ort sein. Das kann ein soziales Milieu sein, eine Kultur oder ein Sprachraum , in dem wir uns zuhause fühlen. „Die Sprache ist das Haus des Sein“, sagte der Philosoph Martin Heidegger.

Und wo keine Heimat ist, kann man entweder fliehen oder dafür sorgen, dass sie entsteht. Für Konservative ist damit meist die Rückkehr zu vermeintlich besseren Zeiten verbunden. Aber wann war das Leben besser? Vor dem Euro? In den heute so verklärten 70er Jahren? Als sich in Westdeutschland die ersten Wirtschaftskrisen bemerkbar machten und in der DDR der Breshnew-Ära die letzten Tropfen eines politischen Tauwetters eingefroren wurden? Oder gar in der finsteren Zeit vor der Trennung der beiden Staaten? Oder im vordemokratischen Kaiserreich?

Ein Raum, der Platz für jeden bietet

Nein, Heimat muss gestaltet werden. Sie ist ein Zukunftsprojekt. Für den marxistischen Denker Ernst Bloch war Heimat eine Chiffre für die klassenlose Gesellschaft, in der der Mensch die Ausbeutung überwindet und sich mit der Natur versöhnt. Aber es geht auch ein paar Nummern kleiner. Heimat ist ein gesellschaftlicher Raum, in dem alle ihren Platz finden – Eingeborene, Zugezogene wie Geflüchtete. In dem sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. Und in dem jeder seine Identität finden kann. Damit solche überschaubaren Inseln der Vertrautheit entstehen können, ist politische Fantasie gefragt. Wenn die demokratischen Parteien im deutschen Bundestag das neuerdings begriffen haben, ist das ein Fortschritt. Denn Heimat ist ein Sehnsuchtsort. Oder, wie es Bloch so schön sagte, etwas, „das allen in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war.“

Von Mathias Richter

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