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18:43 25.07.2015
Matthias Platzeck: „Ich wollte nicht als stiller Zensor meiner Nachfolger im Landtag sitzen.“ Quelle: FOTO: Julian Stähle
Potsdam

Der Händedruck ist wie immer: fest, freundlich, verbindlich. Dazu ein Schulterklopfer. Zügig setzt sich Matthias Platzeck in Bewegung, wählt einen Tisch in der Ecke des Cafés, legt das Sakko ab, sucht auf der Speisekarte eine Mahlzeit aus. Salat mit Ziegenkäse, Weißwein, Wasser.

Wir sind in der Kanuscheune, einem Sportlertreff auf dem Gelände des Olympiastützpunktes am Potsdamer Luftschiffhafen. Heimspiel für Platzeck. Als „MP“ hat er hier vor Jahren den Grundstein gelegt, später das Gebäude eröffnet. Kanulegende Jürgen Eschert und Fußballtrainer Bernd Schröder, die hier regelmäßig ein- und ausgehen, sind gute Freunde. Wohin man schaut, angenehme Erinnerungen. Eine Wohlfühloase für den Polit-Ruheständler. Sieht so der neue Alltag des Matthias Platzeck aus?

Nur selten. Der Terminkalender ist zwar runtergedimmt, „möglichst auf eine 40-Stunden-Woche“, wie der 61-Jährige berichtet, doch Entspannung ist die Ausnahme. Platzeck bleibt ein gefragter Mann – auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik, das durch mehrere Hörstürze, Nervenzusammenbrüche und einen Schlaganfall erzwungen wurde. Zuletzt half er als Schlichter im Tarifstreit bei der Deutschen Bahn.

Platzeck – der Vermittler

Fünf Wochen zähe Verhandlungen. Auf der einen Seite GDL-Chef Claus Weselsky, auf der anderen Bahn-Vorstand Ulrich Weber. Dazwischen Platzeck und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Am Ende stand ein Ergebnis, mit dem beide Seiten leben können. „Der Kompromiss wird oft verunglimpft. Ich finde, zu Unrecht“, sagt Platzeck. Als ehemaliger Regierungschef weiß er, wovon er spricht. Ob mit der CDU oder mit den Linken – immer ging es um den Ausgleich von Interessen, um die Suche nach gemeinsamen Lösungen. Dafür scheint der Vater von drei erwachsenen Töchtern eine Gabe zu haben. „Wenn man unterschiedlichen Koalitionen vorgestanden hat, hat man fast alles schon erlebt“, sagt er.

Platzeck – der Verständnisvolle

Als Vermittler sieht sich Platzeck auch auf internationaler Ebene. Seit einem Jahr ist er Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Der Verein macht sich für den gesellschaftlichen Dialog zwischen beiden Ländern stark. Platzeck ist viel unterwegs – Weißrussland, Polen, Russland, Ukraine – und wirbt, auch öffentlich, um Verständnis für die russische Seite. Das hat ihm, vor allem im Westen, Kritik eingebracht – und das Etikett „Putin-Versteher“.

Ein Schimpfwort? „Ich bin kein Freund von Putin, aber ich muss doch wenigstens versuchen, seine Motive zu verstehen“, sagt Platzeck. Wer sich länger mit ihm über das Thema unterhält, bekommt seinen Unmut über die „klischeebeladene“ Russland-Debatte in Deutschland zu hören, vernimmt aber auch ein klares Bekenntnis: „Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich in Moskau oder New York leben will, würde ich immer sagen: New York. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch.“

Platzeck – der Parteidenker

Die Liebe zur Freiheit und zur Demokratie hat den studierten Kybernetiker bereits in der DDR politisiert. Aus der Umwelt- und Bürgerbewegung zog es ihn nach der Wende zu den Grünen und schließlich in die SPD. 15 Jahre ist es jetzt her, dass Platzeck Landesvorsitzender in Brandenburg wurde. Ist er ein Parteimensch? „Ich denke SPD in allem, was ich tue, mit – aber nicht sklavisch“, sagt er.

Gut vernetzt ist Platzeck freilich immer noch, hält den Kontakt zu seinen Vertrauten im Landtag. Für ihn war dort letztes Jahr Schluss, nach 23 Jahren. „Es hat gereicht. Ich  wollte  auch  nicht  als stiller Zensor meiner Nachfolger in der letzten Reihe sitzen.“ Mit Dietmar Woidke spricht er regelmäßig, hält sich aber mit öffentlichen Ratschlägen zurück. „Das hat Manfred Stolpe bei mir genauso gemacht.“

Platzeck – der Kritisierte

Dass er auch nach dem Ausscheiden aus dem Parlament ohne gesetzliche Grundlage ein Büro im Landtag und einen bezahlten Mitarbeiter hat, ist von der Opposition als „Lex Platzeck“ kritisiert worden. Für Platzeck sind die Angriffe nicht nachvollziehbar – genau wie die Kritik an seinem Aufsichtsratsmandat in der Schwedter Papierfabrik Leipa, die 2003, ein Jahr nach Platzecks Amtsantritt, millionenschwere Förderung aus Steuermitteln erhielt.

Platzeck – der Familienmensch

So oft er kann, ist der Babelsberger Platzeck in der Uckermark, seinem ehemaligen Wahlkreis und großen Sehnsuchtsort. „Ich bin sehr gerne da – mal einen Tag nicht so viele Menschen sehen.“ Die Natur sei großartig und die Leute viel ursprünglicher als in der „Puppenstube“ Potsdam. Das Häuschen, das er auf einer Streuobstwiese in einem kleinen Dorf gebaut hat, ist inzwischen fertig. Mit Ehefrau Jeanette, die als Protokollchefin in der Potsdamer Stadtverwaltung arbeitet, verbringt er dort die wenigen freien Wochenenden.

Auch Freunde kommen zu Besuch, etwa der alte Potsdamer Wegbegleiter Rainer Speer, der 2010 hat sich Platzeck den kleinen Finger der rechten Hand gebrochen – ein kleines Malheur im neuen Leben des Ministerpräsidenten außer Dienst.

Von Henry Lohmar

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