Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° wolkig

Navigation:
Das sind die Gewinner des Baukulturpreises

Brandenburg Das sind die Gewinner des Baukulturpreises

Zwei Jungarchitekten haben in Finsterwalde in ihrem ersten Mastersemester an der Bauhaus-Universität Weimar das Gemeindehaus in der Evangelischen Kirche in Finsterwalde entworfen – und die Realisierung für sich entschieden. Es entstand mit einem Architekturbüro vor Ort ein Stück Brandenburg. Nun haben sie den Baukulturpreis abgeräumt.

Voriger Artikel
Schriftsteller Dogan Akhanli kehrt nach Köln zurück
Nächster Artikel
Drei Preise für Architektur in Potsdam

Lukas Bartke, Jürgen Habermann und Clemens Habermann (v.l.n.r) planten und bauten das Gemeindehaus in Finsterwalde.

Quelle: Tobias Adam

Finsterwalde. Denken die Architekten Clemens Habermann (30), Lukas Bartke (34) und Jürgen Habermann (56) an Brandenburg, dann sind es nicht moderne Bauten, die sie faszinieren. Klinkerbauten sind das, was das Bild des Landes prägt. Während diese in den Orten vermehrt schwinden, haben sich die Architekten auf das Ursprüngliche besonnen. „Wir haben in Finsterwalde wieder ein Stück Brandenburg gebaut“, sagt Jürgen Habermann stolz. Gemeint ist das neue Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde in Finsterwalde, das am Mittwoch mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis 2017, von der Brandenburgischen Architektenkammer und der Brandenburgischen Ingenieurkammer, ausgezeichnet wurde.

Das Gemeindehaus zitiert einerseits die bereits vorhandenen Ziegelbauten, gliedert sich in das Ensemble ein und wahrt gleichzeitig eine Eigenstä

Das Gemeindehaus zitiert einerseits die bereits vorhandenen Ziegelbauten, gliedert sich in das Ensemble ein und wahrt gleichzeitig eine Eigenständigkeit.

Quelle: Christin Iffert

Was sie schafften, ist ein zeitgenössischer, zweigeschossiger Ziegelbau, mit dem sie eine Baulücke angrenzend an die bereits vorhandenen Ziegelhäuser der Kirchengemeinde schlossen. „Wir haben damit eine Narrative aufgebaut, in deren Erzählung die alten Bauten zwei Geschwister sind, zu denen sich ein Zwilling gesellt und einen Bezug zu diesem Ensemble hat“, erklärt Clemens Habermann, der in Finsterwalde aufgewachsen ist. Das Zitieren dessen, was bereits Bestand hat und gleichzeitig eine Eigenständigkeit zu schaffen, die darauf verweist, was neu ist, war dabei ein Balanceakt.

31de155c-b260-11e7-84b7-e3eddc0dc5d1

Das Gemeindehaus in Finsterwalde wurde von zwei Studenten entworfen und gemeinsam mit einem bekannten Architektur- und Ingenieurbüro der Stadt gebaut. Jetzt wurde es mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis ausgezeichnet. Wir zeigen den eindrucksvollen Bau nach seiner unmittelbaren Fertigstellung.

Zur Bildergalerie

Den Bezug schufen sie einerseits zum Giebel, andererseits zu den Ziegeln, indem sie eben jene verwendeten, die bereits im 19. Jahrhundert verbaut wurden. Sicher, noch wirken sie anders, sind sie doch schließlich neu. Das ändere sich aber mit den Jahrzehnten, bemerkt Clemens Habermann. Während das angrenzende Pfarramt jedoch lediglich einen Stufengiebel im Kontext der Dreistufigkeit zur Zierde besitzt, entstand in dem zeitgenössischen Bau ein Giebel, der zu einer sakralen Figur geformt ist, Raum schafft und über die gesamte Gebäudetiefe gezogen ist.

Die Tiefe des Gebäudes entdeckt man erst beim Betreten

Die großzügigen Räume, die zum Teil eine Höhe von 4,80 Metern haben, sind kraftvoll, klar gegliedert, streng symmetrisch und zeigen damit eine eindrucksvolle Formensprache – auch durch die Ziegelkonstruktion innen und außen. Tapete und Putz – darauf verzichteten die Architekten im Sinne eines ganzheitlichen Konzeptes. Die Tiefe des Gebäudes erkennt man erst, wenn man das Gemeindehaus betritt. Verfolgt wurde ein konstruktives Prinzip mit der obersten Prämisse einer alten Architekturregel „Formen folgen Funktionen.“ Der Rhythmus des Hauses, er sollte erkennbar sein.

Die Räume sind von Oberlicht durchflutet, wie der Gemeindesaal

Die Räume sind von Oberlicht durchflutet, wie der Gemeindesaal. Der Giebel zieht sich durch die gesamte Tiefe des Gebäudes.

Quelle: Christin Iffert

Das ausgezeichnete Gebäude, das bereits den Deutschen Ziegelpreis gewann, besitzt „eine zeitlose und gleichzeitig zeitgemäße Raumwirkung“, teilte die Jury der Baukulturpreises mit. Sie sei heiter und sakral zugleich, wozu die reduzierte und natürliche Materialität beitrage. Die Architekten setzten auf einen Dreiklang aus Ziegeln, geöltem Eichenholz und rotbronzenen Beschlägen. „Die Backsteine bekommen, im Unterschied zum Nachbarn, eine skulpturale Kraft“, meint der Jungarchitekt Habermann. Das eingearbeitete Oberlicht durchflutet die Räume mit Tageslicht. Das weist den Weg, etwa, wenn man durch das Treppenhaus in die obere Etage schreitet. „Es geht uns darum, ein Gefühl zu verbreiten, Atmosphäre zu schaffen“, fasst Clemens Habermann die Intention zusammen. Bauherr Pfarrer Markus Herrbruck aus Finsterwalde geht sogar noch einen Schritt weiter. Er spricht nicht nur von Atmosphäre, sondern gar von einer Aura, die das Gemeindehaus ausstrahlt.

Erstlingswerk zweier Studenten der Bauhaus-Universität

Dabei ist der 900000-Euro-Neubau das Erstlingswerk der ehemaligen Architekturstudenten. Den Entwurf zum Wettbewerb fertigten sie im ersten Semester ihres Masterstudiums 2012 an der Bauhaus-Universität Weimar, klassisch, wie sie es aus ihren Seminaren gewohnt waren. Als sie den Ausscheid für sich entschieden, war die Freude groß. „Plötzlich ging es auf einmal darum, dass man jetzt das erste Haus baut“, erinnert sich der 30-Jährige Habermann. Die Verantwortung wurde ihm erst da bewusst.

Clemens Habermann (30) entwickelte die Entwürfe mit seinem Kommilitonen im ersten Semester seines Masterstudiums

Clemens Habermann (30) entwickelte die Entwürfe mit seinem Kommilitonen im ersten Semester seines Masterstudiums.

Quelle: Christin Iffert

Als projektorientierte freie Mitarbeiter realisierten sie das Projekt im Architektur- und Ingenieurbüro seines Vaters. Der schwärmt noch heute von dem Enthusiasmus, den die Studierenden mitbrachten und gleichzeitig auf Rat und Erfahrung des stadtbekannten Architekten, der ebenfalls an der Bauhaus-Universität studierte, vertrauten. „Es ist eine sehr schöne Situation, wenn man mit seinem Sohn das erste Projekt umsetzt – ein kleines, aber sehr anspruchsvolles und vielfältiges“, sagt der 56-Jährige Jürgen Habermann.

Dass der Bauprozess letztlich nicht ohne Schwierigkeiten verlief, möchte Bauherr Herrbruck nicht verschweigen. Zunächst hatte die Gemeinde einen Ausschuss gegründet, der das Projekt begleitete. Intensive, aber auch konstruktive Gespräche formten die Ideen weiter. „Das was wir hier realisieren wollten, war nichts Gewöhnliches und es brauchte Zeit, das zu verstehen, zu kommunizieren und am Ende auch zu wollen“, sagt er. Am Ende ging es nicht ohne Vertrauen. „Wir mussten darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die den Blick für das Fertige vor Augen haben und nicht Gegenwärtiges oder Ausschnitte zum Maßstab machen. Das unterschiedet uns von den Fachleuten.“ Das zu akzeptieren, sei jedoch ein Lernprozess.

Jürgen Habermann ist ein stadtbekannter und erfahrener Architekt, der sein Büro direkt gegenüber vom Gemeindehaus hat

Jürgen Habermann ist ein stadtbekannter und erfahrener Architekt, der sein Büro direkt gegenüber vom Gemeindehaus hat.

Quelle: Christin Iffert

Klopfen der Steine brachte Rhythmus in die Stadt

Insbesondere die Abstimmung mit dem kirchlichen Bauamt in Berlin gestaltete sich zunächst noch schwierig. Gut ein Jahr Pause lag zwischen dem fertigen Entwurf und dem letztendlichen Baustart. Bauherr und Architekten waren mit etlichen bautechnischen Bedenken konfrontiert worden. Sie sollten etwa auf die innenliegende Entwässerung verzichten, damit man im Ernstfall nicht eine ganze Wand wegreißen müssen. Ein Neubau in diesem Ausmaß war auch für die Landeskirche Neuland. „Eine außenliegende Entwässerung ließ sich aber gar nicht realisieren“, erklärt Jürgen Habermann. Heute ist jedes Fallrohr revisionierbar, denn es gibt eine Klappe, wo man von oben bis unten nachsehen kann, worin Funktionseinschränkungen liegen könnten.

Zwischen Architekten und der Evangelischen Kirchengemeinde (hier mittig vertreten durch Pfarrer Markus Herrbruck) gab es intensive Gespräche wä

Zwischen Architekten und der Evangelischen Kirchengemeinde (hier mittig vertreten durch Pfarrer Markus Herrbruck) gab es intensive Gespräche während des Bauprozesses.

Quelle: Christin Iffert

Anders als bei modernen Bauten, die teilweise binnen kürzester Zeit stehen, beanspruchte die reine Bauzeit des Gemeindehauses allein 14 Monate. Die Menschen in Finsterwalde konnten das Gebäude nicht nur entstehen sehen, sondern auch hören. „Dieses Klopfen der Steine hat über ein Jahr einen Rhythmus in die Straße gebracht“, erinnert sich Clemens Habermann und lächelt bescheiden. Da alle Wände gänzlich aus Ziegelsteinen bestehen und sich sämtliche Installationen, etwa die Lichtschalter oder Entwässerung innenliegend integriert wurden, wurde jeder Stein einzeln gezeichnet. An Reihen konnten die Unternehmen abzählen, wo etwas zu verorten war. „Das war ein sehr dynamischer Prozess. Es war sehr hilfreich, dass alle Firmen aus der Region waren und wir kurze Wege hatten, um den Bau zu begleiten“. Auch das wird mit dem Baukulturpreis honoriert, der mit einem Preisgeld von 8000 Euro dotiert ist. Denn ausgezeichnet werde die Gesamtleistung. „Gute Architektur entsteht wie ein klassisches Musikstück durch ein ganzes Orchester“, erklärt der Pressesprecher der Brandenburgischen Architektenkammer, Reinhard Jung.

Ein Raum ist in der Nutzung besonders lebendig

Nachhaltig ist im Gebäude die Heiztechnik, die im Boden verankert ist. Gleichzeitig ergibt ein Zusammenspiel aus der Flächenheizung und der Trägheit des Hauses. Denn die Mauern aus Ziegeln speichern die Energie und geben sie zeitverzögert ab. Im Sommer indes sorgen sie für ein angenehm kühles Raumklima.

Pfarrer und Bauherr Markus Herrbruck spürt in dem Gemeindehaus nicht nur Atmosphäre, sondern Aura

Pfarrer und Bauherr Markus Herrbruck spürt in dem Gemeindehaus nicht nur Atmosphäre, sondern Aura.

Quelle: Christin Iffert

Das Gemeindehaus bietet heute neben einer Galerieetage mit Notenarchiv, Galeriebereich und einem Gemeindesaal vor allem einen Raum, der zum Mittelpunkt für die 2800 Gemeindemitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde geworden ist: Ein Foyer zwischen der bereits vor Jahren gebauten Arche und dem Gemeindehaus. Das ist als eine Art überdachte Hofvariante realisiert und barrierefrei erreichbar. Dabei überbrückten die Architekten nicht nur einen Höhenunterschied von mehr als einem Meter, sondern schafften eine Fuge, in die verstärkt Leben eingezogen ist und gleichzeitig eine Zwischenform darstellt. Denn das Foyer ist etwas, das die Balance zwischen Innen und Außen schafft, gleichzeitig alle Bereiche der Kirchenhäuser verbindet.

Das Foyer ist ein Verbindungsraum zwischen Gemeindehaus und der bereits bestehenden Arche

Das Foyer ist ein Verbindungsraum zwischen Gemeindehaus und der bereits bestehenden Arche.

Quelle: Tobias Adam

„Der Raum ist das Lebendigste, er atmet nach außen und gleichzeitig nötigt er zu nichts. Man kann stehen, sitzen, durchgehen und ungezwungen begegnen“, meint der Pfarrer. Die „Mitte“ habe sich nach einem Jahr Praxis am meisten bewährt. Der Gemeinderaum im Obergeschoss, der hingegen nicht barrierefrei erreichbar ist, ist nun weniger zentral.

Ideen sind für die Menschen vor Ort aufgegangen

Trotz aller Komplexität des Gemeindehauses wirkt die Konstruktion einfach. „Es strahlt Ruhe und Bodenständigkeit aus“, sagt Vater Jürgen Habermann. Dass gleich das erste Projekt der Jungarchitekten Clemens Habermann und Lukas Bartke mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis 2017 ausgezeichnet wird, ist für alle Beteiligten eine große Ehre. Glücklich waren sie allerdings auch schon über den Nutzen und dass ihre Ideen vor allem für die Menschen vor Ort aufgegangen sind. Das nächste Projekt, die alte Finsterwalder Tuchfabrik, die zur Stadthalle werden soll, ist bereits bei den Dreien in Arbeit. Da setzten sie sich unter 120 Bewerbungen durch.

Lesen Sie auch:

Drei Preise für Architektur gehen nach Potsdam

Von Christin Iffert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg