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Das zweite Gesicht von Cottbus

Festival des osteuropäischen Films Das zweite Gesicht von Cottbus

Eigentlich ist in Cottbus nicht viel los. Eigentlich. Aber einmal im Jahr wird aus der Provinzstadt im Süden Brandenburgs für sechs Tage eine internationale Metropole. Dann nämlich, wenn aus aller Welt Menschen zum Festival des osteuropäischen Films nach Cottbus strömen.

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Blau ist die Farbe des Cottbuser Festivals des osteuropäischen Films. Und so steht es auch groß an der Stadthalle, wo ein Teil der Filme läuft

Quelle: Barbara Breuer

Cottbus. Wie ein grauer Schleier umhüllt der November-Nebel die Altstadt von Cottbus. Im Café Sternbäck in den Spreegalerien sind die Tische gut besetzt, es riecht nach frischem Gebäck, Menschen frühstücken. Auf den ersten Blick, ist alles wie immer. Doch wer das Shoppingcenter verlässt und zufällig zu Boden schaut, sieht auf dem Pflaster einen nicht enden wollenden blauen Strich. Eingeweihte wissen: Dahinter verbirgt sich ein Leitsystem. Jedes Jahr Ende Oktober wird diese viereinhalb Kilometer lange Linie frisch auf die Gehwege und Straßen gesprüht. Danach weist sie Ortsunkundigen den Weg zu den sieben Spielstätten des Cottbuser Filmfestivals. Noch bis Sonntag bringt es gut 200 Produktionen aus Osteuropa auf die Leinwände und rückt ins internationale Rampenlicht.

Das blaue Band sagt: Es ist wieder Filmfestival

Wer der Linie ab der Einkaufspassage folgt, landet nach wenigen Schritten in der Stadthalle. Brusthohe blaue Buchstaben aus Pappe stehen davor und bewerben die Filmschau. „Vielleicht muss ich doch noch Englisch lernen“, scherzt eine Servicekraft am Tresen im Foyer ob der vielen englischsprachigen Bestellungen: 42 Koproduktionsländer haben bei den diesjährigen Filmen mitgemischt. Aus jeder Nation sind Vertreter angereist: die ukrainische Produzentin Nadiya Parfan sucht nach Partnern für neue Stoffe, Schauspieler wie Carsten Fiebeler, bekannt aus „Bibi & Tina“, baden im Rampenlicht und Regisseure wie der Tscheche Jan Severak erklären in sechs Tagen knapp 20 000 Zuschauern ihre Werke.

Schulklassen strömen ins Kino

Ein Stück von dieser Filmwelt will Diana Geithe-Randt von der Sportbetonten Grundschule Cottbus ihren Schützlingen zeigen. Sie steht mit ihren Schülern an der Garderobe im Keller der Stadthalle. „Schon seit zwei Jahren kommen wir zum Festival und gucken Filme“, erklärt sie. Im letzten Jahr hätten die Kinder einen Beitrag in Originalfassung geschaut, über Kopfhörer hat eine Dolmetscherin den deutschen Text eingesprochen. Das gibt es in der Lausitz sonst nicht. „Die Kinder fanden das sehr spannend“, so die Lehrerin. Heute guckt die Klasse „Timur und sein Trupp“ - eine Koproduktion aus Bulgarien, der Ukraine und Rumänien. „Während der Festivaltage sind hier einfach sehr viel mehr Leute unterwegs und ich denke, das rückt Cottbus auch in ein gutes Licht.“

Vor allem taucht es die Lausitzmetropole in ein kühles Blauviolett: Schon im Oktober hat ein Unternehmen die Leuchtmittel der Laternen gewechselt, damit die Altstadt nachts in Blau erstrahlt – der Farbe des Filmfestivals. Auch die Gegend um die Oberkirche St. Nikolai in der Fußgängerzone ist erleuchtet. Am Kirchplatz liegt das Restaurant „Esscobar“, daneben stehen spät Abends drei rauchende Frauen an einem Stehtisch, sie sprechen russisch. Aus dem Lokal, das während des Festivals osteuropäische Spezialitäten wie Borschtsch auf die Speisekarte schreibt, klingt Livemusik mit Akkordeon, und Gesang.

In den Kneipen wird bis spät in die Nacht gefeiert

Von der Oberkirche führt das blaue Band durch eine blau umrahmte Passage „Film ab“ prangt darüber auf einem Werbebanner. Gleich dahinter ist „Jimmy’s Diner“. Nur noch vereinzelt sind Plätze zu finden, drinnen wird geraucht und getrunken und viel geredet. Am DJ-Pult sitzt „Frau Feuerfell miez Gärtner“ und spielt Musik, die nach einem Mix aus den österreichischen Bands „Wanda“ und „Bilderbuch“ klingt. „Na Passaschock“ heißt das Motto des Abends. Diese Kultparty lädt dazu ein, das letzte, aber auch wirklich das allerletzte Glas Wodka zu leeren und dabei abzufeiern. „Wir haben dafür extra Tische weggeräumt und Platz gemacht“, erklärt Cottbuserin Jasmin Schwenk, während die ersten beginnen, sich im Takt der Musik zu wiegen. Sie arbeitet im Jimmy´s und hat für die besondere Woche im November schon mal „vorgeschlafen“. „Getanzt wird hier heute sicher bis morgens.“ Und wie verändert das Festival sonst die Stadt? „Währenddessen ist das Grundbild einfach ein anderes: Viele Passanten sehen anders aus und mustern vieles mit touristisch-neugierigem Blick“, sagt PR-Berater Alex Schirmer. Er genießt dieser Tage vor allem die kulturelle Vielfalt: Die Reisedoku „Per Fahrrad durch den großen Kaukasus“ mit Enrico Noack in der Galerie Fango, die Radioeins-Lounge mit Filmkritiker Knut Elstermann im Weltspiegel oder die Bilderausstellung des belarussichen Gegenwartsmalers Viktor Alshevski im Atelier Petra Kossick. Viele Cottbuser Institutionen unterstützen das Festival als Partner und blicken bei ihren Veranstaltungen Richtung Osteuropa.

Wo Filmegucken zum Erlebnis wird

Selbst die Uni Cottbus bietet den Studenten während der Festivalwoche in der Mensa osteuropäische Spezialitäten. Das erzählt eine Gruppe von fünf Studentinnen der Umwelttechnik. Gerade haben sie zusammen den polnischen Wettbewerbsbeitrag „I’m a killer“ gesehen und sind begeistert. „Ich dachte, wir gucken da mal locker einen Film und jetzt so was. Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, dass der Film mich so fesselt und ich auch nachher noch darüber nachdenken muss“, sagt die 18-Jährige Ann-Katrin Sachs. Zum Tanzen ins Jimmy’s geht sie mit ihren Freundinnen heute nicht mehr. „Wir haben gestern im Festivalclub Scandale gefeiert“, verrät Annika Kersten, die ursprünglich aus der Hauptstadt stammt. „Das war sehr schön, weil es viel kuscheliger und kleiner war als in Berlin.“

Von Barbara Breuer

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