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Dem Klavierlack freien Lauf gelassen

Galerie Kunstraum Dem Klavierlack freien Lauf gelassen

Susanne Ramolla und Alex Lebus zeigen in der Galerie „Kunstraum“ unter dem Titel „Paare und Passanten“ ihre Auslegung von Heimweh und Zerbrechlichkeit. Sie arbeiten handwerklich vollkommen unterschiedlich, Ramolla mag die kolorierte Poesie, Lebus die Vieldeutigkeit der Spiegel, aber am Ende wissen sie: Die Welt ist düster, doch im besten Falle zeigt sie das mit Eleganz.

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Alex Lebus (l.) und Susanne Ramolla in der Galerie „Kunstraum“, links die Spiegel von Lebus, hinten „Kleines All“ von Ramolla.

Quelle: Lars Grote

Schiffbauergasse. Vielleicht steckt in dem Bild Physik, Chemie, Botanik, irgendein Zweig der Wissenschaften, dem man nicht gleich Gefühle unterstellt. Und doch findet man ein Gedicht in diesem Bild, das übergroß im „Kunstraum“ hängt, der Galerie des Waschhauses. So hätte man sich früher seine Schulbücher gewünscht: halb faktensicher, halb verträumt – und unterm Strich steht eine Form von Wahrheit, die über Formeln und nacktes Naturverständnis hinausweist.

Susanne Ramolla, 1967 in Cottbus geboren und nun in Potsdam zu Hause, hat die hohe Wand des Kunstraumes fast flächendeckend bespielt – es wirkt wie Maßarbeit. Und doch ist diese Arbeit anderswo entstanden, im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (Teltow-Fläming). Ramolla hat noch einen guten Meter in der Breite angefügt, schon wirkt es, als akklimatisiere sich das Bild perfekt in Potsdam. „Kleines All“ heißt das Gemälde, es ist ein Wimmelbild mit offenem Ausgang. Implodiert es gleich? Oder hält es unbeirrt die Stellung?

Teilchenverbindungen erkennt man, strenge Anordnungen, die poetisch koloriert sind und letztlich so etwas wie Emotionen illustrieren. Es ist ein Bild, das wuchert, denn es wirkt grenzenlos, und wenn es hier vier Wochen hängt, dann kann es sein, dass es die Galerie ganz in Besitz genommen hat. Nicht im biologischen Sinn, aber im poetischen.

Titel wie aus einem alten russischen Roman

„Der Zufall und ich, wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Ramolla, sie schaut dabei auf ihre kleinen Arbeiten, klein zumindest im Vergleich zum „Kleinen All“. Sie hat Klavierlack ausgekippt, oder sagen wir: Sie hat ihm freien Lauf gelassen.

Es sind Formen entstanden, die zufällig wirken, aber auch weise und formvollendet. Sind das Köpfe, Schultern, Bäuche, Brüste? Auf eine hintersinnige, dem Humor verwandte Weise wird das stimmen. Susanne Ramolla aber hat andere Titel gewählt: „Wucherungen I-III“, „Heilige Familie“, „Einbein“, „Denker“, „Kopfloser“, „Nonne“, „Krieger“. Namen, die wie aus einem alten russischen Roman entnommen sind. Die Serie heißt Schattengänger, „sie zeigt die dunkle Seite des Ich“, urteilt Ramolla, „Instinkte und Defizite werden sichtbar, in jeder Persönlichkeit stecken diese dunklen Ecken.“ Selten sind sie so mühelos, glänzend und suggestiv wie bei Ramolla gezeigt worden, die Bilder wirken reduziert und sinnlich.

Hat auch Heimweh eine dunkle Seite? Eher eine traurige, verhaltene, die süß, nicht dunkel schmeckt. Auch dieses Heimweh steckt derzeit im Kunstraum, man muss es suchen und findet es, wenn man die Wendeltreppe hochsteigt, ins Obergeschoss, wo man hinabschaut ins Parterre. Dort liegen kleine Spiegel, Fragmente, wie eine Trasse formen sie sich auf dem Boden, als würden sie den Heimweg weisen, der das Heimweh stillt. Wer genau hinsieht, erkennt „Heimweh“ als Wort, dunkel auf dieses Inselreich aus Spiegeln geschrieben.

Die Liebe kommt zur Ruhe, wenn sie sich nicht mehr verstellen muss

Der Spiegel ist das Metier der zweiten Künstlerin, die momentan im „Kunstraum“ ausstellt. Alex Lebus, 1980 geboren, füllt mit ihrer Heimweh-Arbeit den Titel „Paare und Passanten“, den Kurator Mike Gessner der Ausstellung gegeben hat. Es ist die Variante eines Romans von Botho Strauß, dessen Buch „Paare, Passanten“ heißt. Strauß hat dort eine Sammlung kleiner Episoden versammelt, die als Ganzes eine Sehnsucht formulieren – die Hoffnung der Liebenden, zusammenzufinden. Das erinnert in Form und Inhalt an die Arbeit von Lebus, die in gleichem Maße fragmentarisch arbeitet und einstimmt in den Chor der unerfüllten Liebe einstimmt, die man stets übersetzen kann mit „Heimweh“. Auch die Liebe kommt erst dann zur Ruhe, wenn sie heimkehrt an den Ort, wo sie sich nicht verstellen muss.

Alex Lebus arbeitet in ihrer Kunst „zu etwa 90 Prozent“ mit Spiegeln, sagt sie. In Teilen werden die Spiegel abgekratzt, stellenweise sind sie blind. Wenn man hineinschaut, sieht man sich in der Reflexion nicht mehr komplett, sondern zerlegt und unvollständig. „Das Dahinter ist dann genau so wichtig wie das Davor“, sagt Alex Lebus, „nur das Kunstwerk selbst ist nicht zu greifen“ – es übernimmt die Rolle der Mittlerin und verschwindet im Auge des Betrachters.

„Wir sind alle gebrochen, doch zerfallen nicht in einzelne Teile, sondern bleiben eins“, erläutert Alex Lebus ihren Ansatz. Ihr Werke atmen dieselbe düstere, verführerisch Aura, wie es Susanne Ramolla mit ihren Bildern gelungen ist, wenn auch handwerklich mit völlig anderen Mitteln. Zwei Ansätze, ein Resümee: Die Welt ist düster, doch in ihren besten Augenblicken zeigt sie Eleganz.

Von Lars Grote

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