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Kultur Lustvolles Quälen und rostige Nägel
Nachrichten Kultur Lustvolles Quälen und rostige Nägel
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00:19 07.11.2018
Um den Tod geht es in „Tria Fata“ von La Pendue. Quelle: Virginie-Meigne
Potsdam

Das Unidram-Festival in jedem Herbst in Potsdam ist nicht nur ein Treffen freier Gruppen, die neue Ausdrucksformen für die Bühne ausloten, zwischen Performance und Tanz, Materialtheater, Figurentheater und Videoinstallation. Mit ihrer Themensetzung sind die Projekte nebenher auch ein Seismograf gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Im 25. Unidram-Jahr geht es gleich in mehreren Aufführungen um Gewalt und Tod. So hat der Schweizer Choreograf Joshua Monten sein Tanzstück zwar „Freude“ betitelt, aber eigentlich bringt er das genaue Gegenteil auf die Bühne. Mit seinen fünf Akteuren präsentiert er eine Endloskette körperlicher Repressionen. Da wird geschlagen und zurückgeschlagen, geboxt und getreten, an den Haaren gezogen und auf dem Boden gerauft. Das alles allerdings bei klassischer Musik zwischen Barock und Bolero und in beeindruckenden tänzerischen Bildern. Und auch wenn sich das gegenseitige Quälen bis zum Exzess steigert, so ist es doch eine Lust, dem zuzusehen. Gerade das aber ist das Verstörende an dieser Aufführung. Denn das, worauf sie eigentlich abzielt, nämlich zu zeigen, dass Gewalt letztlich keine Lösung ist, das geht inmitten des tänzerischen Furors unter.

Ein Berg Puppenleichen

Von Gewalt ganz anderer Art handelt „Besuchszeit vorbei“, entstanden in Zusammenarbeit zwischen dem Theater junge Generation Dresden mit dem israelischen Regisseur Ariel Doron. In einem Raum mit zwei Tribünen werden von Blaugewandet-Maskierten immer neue kindergroße Puppen vorgeführt, die alle schon nach kurzer Zeit den Todesstoß erhalten. Wir sehen vielerlei Alltagsfiguren, aber auch Puppentheaterklassiker wie den Kaspar und die Hexe. Bald türmt sich in der Mitte des Raumes, von den Zuschauern umstanden, ein regelrechter Puppen-Leichenberg. Irgendwann ist diese Dauersterben einem jüngeren Zuschauer zu viel, er greift nach einer der Puppen, behält sie bei sich – und bewahrt sie so vor dem Todessturz. Auch einige possierliche Tierfiguren, so zwei Katzen, werden von Zuschauern in ihre Obhut genommen. Doch wie nun weiter? Da verkündet eine Sprecherin „Besuchszeit vorbei“ und fordert die Zuschauer zum Gehen auf. Die meisten bleiben verunsichert im Raum. War es das schon? Eigentlich, so das Theater über seinen Impetus, wolle man „mit aller Drastik Gewalterfahrung fühlbar“ machen. Der Zuschauer allerdings erlebt eine wenig inspirierte Aufführung und bleibt eher ratlos zurück.

Tod ohne Sensenmann

Um das Sterben geht es auch bei „Tria Fata“ von La Pendue aus Paris. Das Duo aus Musiker und Puppenspielerin/Darstellerin bringt dabei sogar den Tod leibhaftig auf die Bühne. Allerdings nicht als furchteinflößenden Sensenmann, sondern in einer netteren französisch-weiblichen Form. Diese Madame de La Mort will eine alte Frau zu sich holen. „Jetzt schon?“, fragt die Alte. Es kommt zu einem regelrecht überschwänglichen Dialog zwischen Musik und Animation, der ein ganzes Leben nachstellt. Im Grunde war es eine wohl eher ärmliche Existenz, aber mit spannender Lichtsetzung und vielerlei szenischen Effekten erhält die Aufführung dennoch einigen Glanz.

Das Eigenleben des Weggeworfenen

Neben diesen aufwendigen Aufführungen in großen Sälen sind es immer wieder die kleinen, intimen Produktionen, die den Reiz von Unidram ausmachen. Dazu gehört das Kurzstück „Rostige Nägel und sonstige Helden“, bei Lichte besehen ebenfalls eine Parabel auf das Vergehen. Das niederländische Tamtam-Duo erzählt in seiner Live-Animations-Performance vom Eigenleben all jener Dinge, die längst das Zeitliche gesegnet haben und als Gerümpel aussortiert wurden. Aber unter den geschickten Händen der beiden Akteure gewinnen sie ein neues faszinierendes Eigenleben. Fundstücke, Treibgut, altes Werkzeug, alles ist zu Traumlandschaften zusammengefügt, in denen seltsame Wesen ein Eigenleben führen. Da wird aus einem kaputten Besenstück ein Korallenriff, gibt es eine Liebesaffäre zwischen zwei alten Pinseln, wird ein rostiges Vorhängeschloss erst zum Auto, dann mit zwei Knöpfen und weiteren Fundstücken zu einer feinen Dame. Am Ende braucht es nicht mehr als ein Teelicht, um eine poetische Abendstimmung zu imaginieren. Ein kleiner, großer Abend voller Poesie, so wie es typisch ist für Unidram.

Von Frank Starke

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