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18:05 29.08.2017
Intendantin Patricia Schlesinger, Marco Seiffert und Britta Steffenhagen, Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus (v. l.) in neuer „Abendshow“-Kulisse. Quelle: DPA
Potsdam

„Bloß nicht langweilen“, so heißt das neue Motto des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) – es liest sich wie eine der Postkarten, die man launig ins Büro hängt, um sich zu erinnern, wo der Kern der Arbeit liegt. Das Praktische: Der Slogan klingt nicht mal nach Mühsal. Auch für ein Theater oder eine Kleinkunstbühne könnte dieses Mantra gelten.

Eben in Richtung kurzweilige Unterhaltung und gewitzte Information möchte der RBB nun lenken. Nur mit Fakten oder redlich gesammelten Nachrichten lässt sich das Publikum nicht mehr gewinnen – die Zuschauer möchten, bei aller Seriosität, ein wenig Zirkusluft und einen Ton, der nicht nur solide, sondern „mutiger, kantiger, auffälliger, relevanter“ klingt, wie es Intendantin Patricia Schlesinger formuliert. Deshalb baut der Sender sein TV-Abendprogramm um, das bisher vor allem auf Wiederholungen setzte.

Urs Rechn etwa moderiert dienstags ab 21 Uhr das neue Magazin „Erlebte Geschichte“, eine Sendung, die auf regionale Historie mit Emotionen setzt.

Doch das größte „Experimentierfeld“, wie Schlesinger es nennt, liegt auf dem Donnerstagabend. Ab kommender Woche wird die „Abendshow“jeweils um 20.15 Uhr live aus Berlin gesendet – aus einem Studio, das den „Retro-Charme“, wie der Sender es nennt, aus der Zeit vor 60 Jahren „mit schrägem Humor ins Heute holt.“ Die Live-Sendung wird moderiert von Britta Steffenhagen und Marco Seiffert, es soll eine Mischung aus „Stern-TV“ und „Extra 3“ werden, aus Ernst und Heiter. In einem Trailer macht sich die Show über „Berliner Partybullen“ lustig, über jene Polizisten also, die vor dem Hamburger G20-Gipfel feierten. „Die Sendung ist ein Wagnis“, räumt der neue RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus ein.

Neue „Abendshow“

Die neue „Abendshow“ mit den Moderatoren Britta Steffenhagen und Marco Seiffert wird ab kommender Woche jeweils donnerstags, 20.15 Uhr, in einer Live-Sendung versuchen, Satire und politische Diskussion zu verbinden.

„Erlebnis Geschichte“ wird jeweils dienstags ab 21 Uhr vom Schauspieler Urs Rechn präsentiert.

Nach der „rbb-Praxis“ am Mittwoch rückt um 21 Uhr „Täter – Oper – Polizei“ in den Hauptabend, zusätzlich zur Sonntagssendung.

Tägliche Sportinformationen gibt es in einem moderierten Sportblock in „rbb um sechs“, zudem in der „rbb-aktuell“-Sendung, die um 21.45 Uhr beginnt.

Die Kosten für die Neuerungen liegen bei zehn Millionen Euro, erklärt Jan Schulte-Kellinghaus, sie würden teilweise aus der Streichung alter Sendungen gewonnen.

Das Problem des RBB liegt im Fernsehbereich, nicht zwingend beim Radio, wo sich etwa „Radio Eins“ zu einer anerkannten, originellen Marke entwickelt hat. Beim Fernsehen wiederum liegt der RBB deutschlandweit hinten. Der Sender stand auf dem letzten Platz in jener Tabelle, wo ermittelt wird, wie hoch die Einschaltquote der dritten Programme liegt. Nur gute fünf Prozent hatten beim Rundfunk Berlin-Brandenburg zugeschaut, jeder andere Sender innerhalb der ARD hatte einen besseren Wert. Mittlerweile liegt der RBB bei sechs Prozent. Der Sender nimmt die steigende Tendenz als Aufbruch und leichte Ermutigung.

Nicht so sehr die Brandenburger machen dem Sender Sorgen, sondern die Berliner. „Unsere Quoten in Brandenburg sind überdurchschnittlich“, sagt Schulte-Kellinghaus. Wie man aber in Berlin gewinne, das sei bisher nicht grundlegend geklärt. Der RBB versucht es nun mit der „Berliner Schnauze“, einem Rezept, das noch auf Zille zurückgeht.

„Leichte Dreistigkeit soll man im Ton heraushören“

Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus versucht, das Rezept ein wenig zeitgemäßer anzupreisen: „Es geht um eine leicht dreiste Offenheit, die typisch ist für die Region Brandenburg/Berlin. Auch wenn ich weiß, dass beide Bundesländer Probleme miteinander haben.“ Dieser Ton würde nur im Gebiet des RBB funktionieren, „sowas können Sie in Bayern nicht machen“, glaubt Schulte-Kellinghaus.

Diesen „kantigen Humor“ unterstreicht der Sender mit weiteren Slogans, die nun in einer Werbekampagne auf den RBB aufmerksam machen sollen: „Hinschauen ist wie Wegschauen, nur krasser“, „Was gucken Sie denn so?“, „Machen Sie mich etwa an?“ oder „Fernsehen ohne Sex und Gewalt. Das haben Sie nun davon.“ Mit diesen grellen Sprüchen hätte man auch seinerzeit den Jugendsender MTV bewerben können, als das Image noch von allem bürgerlichen Staub gereinigt werden sollte.

Dass die Kampagne des Senders, der sein Stammpublikum vor allem bei älteren Zuschauern findet, ein radikal anderes Gefühl als das bisherige zu etablieren sucht, zeigt die Unzufriedenheit der neuen Führung mit dem alten Stil des Hauses. Intendantin Schlesinger ist seit 15 Monaten im Amt, Programmdirektor Schulte-Kellinghaus kam erst im Dezember 2016. „Ich bin kein Quotenfetischist“, sagt er, „ein halbes Jahr lang sollen sich die Sendungen entwickeln. Erst dann schauen wir auf die Zahlen.“

Von Lars Grote

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