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Kultur Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
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17:27 09.09.2018
Anbetungswürdig: Sophie Rois auf der Bühne des DT. Quelle: Arno Declair
Berlin

 Wenn Sophie Rois – die Uraufführung von René Polleschs „Cry Baby“ hat eigentlich noch gar nicht richtig begonnen – in einem schlabbrigen weißen Nachthemd auf die mit barockem Plunder vollgestopfte Bühne schlurft. Wenn sie dann lustlos ein paar unverständliche Worte krächzt, laut gähnt und sich auf ein riesiges Bett wirft. Wenn sie an Hamlet denkt und genau wie der Dänen-Prinz von all dem Grübeln über Sein und Nichtsein nur noch ermattet ist. Wenn sie so sein möchte wie Prinz Friedrich von Homburg, der die Schlacht verschläft und sich die Welt schön träumt: Dann fliegen ihr sofort die Herzen der Zuschauer zu.

Und wenn sie sich dann auch noch, die Aufführung nimmt allmählich Fahrt auf, über das von Karrieristen und Kleingeistern bevölkerte zeitgenössische Theater erregt und ihr Leben fortan lieber dem Schlaf widmen will, sind ihr Sympathie und Begeisterung vollends sicher: Es dürfte der Beginn einer großartigen Freundschaft zwischen einer zuletzt heimatlosen Schauspielerin und einem nach neuen Gesichtern und Spielweisen lechzenden Publikum sein.

Nach dem erzwungenen Aus von Frank Castorf an der Volksbühne haben Schauspieler und Regisseure das Weite und ihr Glück woanders gesucht. Jetzt haben Sophie Rois sowie der Autor und Regisseur René Pollesch am Deutschen Theater eine neue Heimat gefunden. Dass Pollesch mit seiner Uraufführungs-Inszenierung von „Cry Baby“ auf Anhieb das Premierenpublikum verzückt, liegt weniger am (seien wir ehrlich) intellektuell eher luftigen und verspielten Text, sondern (fast) allein an der anbetungswürdigen und einzigartigen Sophie Rois: Sie gibt dem Abend, der zu einem brachialen Ritt durch die Literatur- und Theatergeschichte wird, die satirische Würze.

Sie garantiert den doppelten Boden, den hintersinnigen Humor, der aus bunt aneinander gereihten und frech collagierten Fundstücken ein (scheinbar) stimmiges Ganzes macht. Früher hat Pollesch in seinen Stücken gern über soziologische Themen philosophiert, über die „Stadt als Beute“ und „Menschen in Scheiß-Hotels“ seine fiesen Witze gemacht. Jetzt versucht er es mit einer aberwitzigen Theater-, Kunst- und Theorie-Persiflage, zitiert Shakespeare und Kleist, Ingeborg Bachmann und Hugo von Hofmannsthal. Motive aus Filmen von Surrealist Luis Buñuel werden verwurstet, Adornos „Dialektik des Engagements“ wird durch den Kakao gezogen, Boltanski und sein Abgesang auf das moderne „Leben als Projekt“ spielen eine (undefinierbare) Rolle. Wie immer bei Pollesch, aber diesmal brüllkomisch, geht es um alles und nichts. Und darum, ob das Theater mit der Verweigerung von Realität und dem Beharren auf die Utopie des Spiels, dem Chaos der Welt einen Sinn geben kann.

Nicht nur Sophie Rois, Christine Groß, Judith Hofmann und Bernd Moss, auch der zwölfköpfige Damen-Chor ist nur noch müde, will schlafen und geistert in Nachthemden durch die barocke Fantasielandschaft. Degen werden gezückt und Gewehre in Anschlag gebracht: Aber die Kraft zum Kämpfen hat keiner.

Viel lieber räkelt man sich auf dem seidigen Lotterbett oder streitet in einer rhetorischen Endlosschleife über den Begriff des Liebhabertheaters: herrlicher, kurzweiliger Blödsinn. Warum der von des Gedankens Blässe nicht angekränkelte Abend den Titel „Cry Baby“ trägt? Keine Ahnung. Vielleicht weil zum Schluss alle an die Rampe treten und aus Plastikfläschchen Tränen verspritzen. Dazu ertönt aus dem Lautsprecher „Crying“, der alte Schmachtfetzen von Roy Orbison. Zum Heulen schön.

Von Frank Dietschreit

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