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Kultur Der Dichter und seine Lotsin: Wolf und Pamela Biermann im Interview
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10:00 16.03.2019
„Pamela ist mein Elblotse“: Das Künstlerpaar Wolf und Pamela Biermann im Gespräch über sein neues Buch. Quelle: Bertram Solcher

In der Widmung Ihres neuen Buches „Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“ schreiben Sie, Herr Biermann: „Lieder kann ich, Gedichte auch. Aber ohne die Poesie mit Pamela gelänge mir keine Prosa.“ Wie arbeitet das Künstlerpaar Biermann?

Pamela Biermann: Wolf schreibt, mailt mir den Text, ich redigiere, so geht der Text hin und her, bis wir beide zufrieden sind. Wolf neigt dazu, zu viele Säcke aufzumachen und sich in immer neue Nebengeschichten zu verirren. Ich achte auf die Stringenz der Geschichte, den Ablauf, die Dramaturgie.

Wolf Biermann: Hamburg liegt an einer Stelle, an der das auflaufende und ablaufende Wasser der Nordsee noch wirkt, die Elbe mäandert hier, das ist das Terrain für den Hamburger Hafen. Wenn ich Gedichte schreibe oder Lieder, brauche ich keine Hilfe. Da finde ich zielsicher die richtige Fahrrinne. Wenn ich aber Prosa schreibe, habe ich die Schwäche, zu mäandern.

Pamela: Du bist eben detailverliebt, das kommt von der Arbeit am Gedicht.

Wolf: Beim Dichten achte ich auf jedes Wort.

Pamela: Bei der Prosa eigentlich genauso, du findest immer irgendwelche Wörter, Details, die noch unbedingt eingearbeitet oder verändert werden müssen. Das ist dein Dichterblick.

Wolf: Kurzprosa ist leicht, Dichten ist viel schwerer. Aber gute Prosa ist noch viel schwerer. Pamela ist im übertragenen Sinne mein Elblotse. Der Kapitän ist immer noch der Chef, aber der Lotse kennt das Gewässer besser, und sagt: An dieser Stelle würde ich ein bisschen langsamer fahren, oder besser gar nicht, oder noch besser: hier entlang.

Sie sind eine Lotsin durch unbekannte Gewässer, das Ost-Berlin der 50er-, 60er-, 70er-Jahre. Wie machen Sie das?

Pamela: Naja, erstens kenne ich seine Geschichten, er hat sie mir oft erzählt. Aber das hat nichts mit der Arbeit an einer Novelle zu tun. Meine Konzen­tration liegt auf der Struktur des Textes, dem Erzählstrang – egal in welcher Zeit die Novelle spielt.

Es gibt in dem neuen Band unerhörte Begebenheiten wie die Begegnung von Manfred Krug und Robert Havemann nachts auf einer Berliner Vorortchaussee. Havemann ließ den Mercedes-Fahrer Krug erst nicht überholen, Krug bremste dann Havemanns Trabant Kombi aus, riss die Fahrertür auf, erkannte Havemann nicht, langte mit der flachen Hand ins Auto und schlug Havemann drei Zähne aus. Was folgte denn danach?

Wolf: Die beiden haben sich bei mir wieder getroffen, und einer hat dem anderen mit schiefem Grinsen verziehen, was er dem jeweils anderen angetan hatte. Zwei Selbsthelfer, so nenne ich die Geschichte. Mir hat gefallen, dass beide in der Diktatur sich nicht haben einschüchtern und kleinkriegen lassen. Wir haben später mit Krugs Aufnahmegerät, einem Westgerät, das er Havemann verkauft hatte, meine Lieder aufgenommen und vervielfältigt. Ich war in der DDR verboten, und so haben wir für Nachschub gesorgt. Dieses Detail hätte ich übrigens gern noch erzählt, aber Pamela sagte: Das überspannt den Bogen und liefert nichts zur Geschichte, ist nur ein Nachklapp. Sie hatte recht.

„In der Debatte um Gender, Political Correctness haben wir schon oft sehr unterschiedliche Haltungen. Ich bin einfach jünger.“ Pamela Biermann in ihrem Haus in Hamburg. Quelle: Bertram Solcher

Ist das „Spiel der Geschlechter“, von dem Sie in „Barbara“ ja auch oft schreiben, komplizierter geworden? Können Sie mit #MeToo etwas anfangen?

Wolf: Das ist so alt wie die Menschheit. Ich bin ja nun schon ein Greis, wenn auch ein blutjunger, und ich kann mich genau daran erinnern, wie das in der Steinzeit ablief, als wir in der Höhle lebten ...

Pamela: Sie hören schon, ganz sein Thema ist das nicht. Natürlich ist Wolf gegen Diskriminierung jeglicher Art, gegen Gewalt an Menschen, das wusste er schon vor #MeToo, von Kindheitsbeinen an, so begann ja sein Leben als Juden- und Kommunistenkind. Aber die Debatte um Gender, Political Correctness, worüber heute diskutiert wird, da haben wir schon oft sehr unterschiedliche Haltungen. Ich bin einfach jünger.

Ist es eine Generationenfrage?

Pamela: Unbedingt. Wir streiten uns immer mal wieder darüber. Formulierungen wie „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ finde ich auch nicht schön, aber sie verändern nun mal das Bewusstsein.

Wolf: Das bezweifle ich.

Pamela: Et voilà, und dann streiten wir uns.

Wolf: Eine echte Veränderung wird geradezu vermieden durch die Sprachfloskeln. Das ist eine Ersatz-Ansicht. Es kommt mir vor wie eine Karikatur des Problems.

Pamela: Es ist ein Schritt, Wolf, ein wichtiger Schritt. Ohne diese veränderte Sprache ändert sich nix im Kopf.

Im Garten haben Sie eine alte Bahnschwelle. Im Buch erzählen Sie, was es damit auf sich hat. Wie kommt die Schwelle hierhin?

Wolf: Sie stammt vom Güterbahnhof im Karolinenviertel hier in Hamburg, von den Gleisen am alten Schlachthof. Von dort, so hatte meine Mutter Emma es mir immer erzählt, sind die Deportationszüge mit meiner Familie abgefahren. Vor ein paar Jahren wurde auf dem Gelände alles abgerissen. Ich kriegte einen Schreck und fasste einen Entschluss ...

Sie haben die Schwelle mit Ihrem Sohn Til in den Kofferraum ihres Kombis gelegt und mitgenommen. Am nächsten Tag stand die Polizei vor Ihrer Tür. Was passierte dann?

Wolf: Ich sagte den zwei Polizisten: Ich habe diese Schwelle als Schuldige verhaftet, denn sie hätte die Deportationen verhindern können. Die Deutschen haben ja nichts mitbekommen von den Transporten, also können sie keine Schuld haben. Die Schwelle hier aber ist eine der Schuldigen, denn sie hätte sich aufrichten können wie eine deutsche Eiche, was sie ja ist. Damit hätte sie die Züge sabotiert. Der eine Polizist verstand sofort alles. Der andere guckte, als wäre er in einem Einsatz in der Klapse.

Welche Stadt ist Ihnen inzwischen vertrauter – Berlin oder Hamburg?

Wolf: Ich komme ja nur nach Berlin, wenn ich mich mit Freunden treffe oder Berufliches dort zu tun habe, ein Konzert gebe oder wie demnächst im Berliner Ensemble eine Buchvorstellung habe. Pamela nervt mich jedes Mal, wenn wir nach Berlin kommen, mit demselben Satz: Wollen wir nicht doch nach Berlin ziehen? Und ich winde mich wie ein Aal und ärgere mich, weil ich das auch will, und gleichzeitig nicht will. Schlimm ist das nicht, wir streiten uns nicht. Ich will nur eine einzige Sache: Ich will dort sein, wo Pamela ist. Immer.

Pamela: Wenn du dich in Berlin beerdigen lassen möchtest, möchte ich noch ein bisschen mit dir in der Stadt gelebt haben, sonst lieg ich ja in fremder Erde ...

Wolf: Wenn wir beerdigt sind, können wir uns auf dem Brecht-Friedhof mit Hegel unterhalten!

Pamela: Aber ich möchte nicht in einer Stadt begraben sein, in der ich nicht gelebt habe.

Wolf: Du lebst doch seit fast 40 Jahren in Berlin, weil du mit mir lebst. Das ist doch genug Berlin! Aber .... ich will beerdigt werden neben meiner Frau, wo das auch immer sei, am liebsten in Berlin, aber wenn das nicht geht, weil wir da keinen Platz zusammen bekommen, dann woanders.

Pamela: Wir machen’s uns auf jeden Fall kuschlig.

„Wir machen’s uns auf jeden Fall kuschlig“: Die Biermanns sind in Hamburg und Berlin zuhause. Quelle: Bertram Solcher

Biermanns Barbara

Knapp drei Jahre nach seiner Autobiografie legt Wolf Biermann mit „Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“ (Ullstein, 288 Seiten, 20 Euro) einen Novellenband vor – er verbindet in 18 Erzählungen Erinnerungen an Berlin und Stücke der Familiengeschichte, alle grandios lakonisch erzählt. Biermann altert nie. Er geht unter anderem in Leipzig (21.3.), Hamburg (22.3.), Hannover (29.4.) und Berlin (30.4.) auf Lesetour.

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