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Der Fotograf Joachim Richau und seine Tagträume

Ausstellung Der Fotograf Joachim Richau und seine Tagträume

Mehr als 150 Werke des Berliner Fotografen Joachim Richau sind im Dieselkraftwerk Cottbus zu entdecken. Die Tagträume in Schwarz-Weiß sind faszinierend, viele entstanden in dem kleinen Ort Beerfelde (Oder-Spree) zwischen 1984 und 1987.

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Das Porträt einer junge Frau an einem sogenannten Rollenverlesetisch, einer Sortiermaschine für Kartoffeln, entstand 1985 in der LPG Pflanzenproduktion „Aufbau“ in Beerfelde (Oder-Spree).

Quelle: Joachim Richau/akg-images

Cottbus. Nur mit einer Hand greift die Frau zu den Kartoffeln auf dem Sortierband, die andere stützt den Kopf. Was sie gerade denkt, erzeugt Skepsis im jungen Gesicht der Arbeiterin. Sie blickt aus dem Bild heraus, hat – anders als ihre Kolleginnen – die Ärmel ihres schwarzen Pullovers hochgekrempelt. Sei es zum Schuften, oder um abgestützt grübeln zu können. Ackern im Akkord, leben auf dem Dorf – wie mag das alles wohl weitergehen?

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme gehört zu einer Serie, in der sich der Fotograf Joachim Richau zwischen 1984 und 1987 dem Alltag in dem kleinen Ort Beerfelde (Oder-Spree) widmete. Zu sehen sind die Bilder im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus in einer Ausstellung, die sich dem Frühwerk des Berliners widmet. Als Autodidakt entdeckte er mit viel Empathie und Lust an der Fotografie den Alltag der Dorfbewohner. Wenige Jahre später drückte er in poetischer Bildsprache die Gefühle des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit in der Wendezeit aus. Was folgte waren von Unangepasstheit und einem Gespür für Ironie geprägte fotografisch experimentelle Projekte, unter anderem mit Polaroid-Aufnahmen.

Die Bilder aus Beerfelde bilden den Anfang und zugleich das Herzstück der Ausstellung. Der Besucher begegnet kauzigen Typen, die es nicht gewohnt sind, im Blitzlicht des Interesses zu stehen. Keine einstudierten Posen, keine Inszenierung, dafür eine Menge echt menschlicher Regungen: Unsicherheit, Nachdenklichkeit, Stolz. „In einem Dorf, in dem man eigentlich nicht Halt machen würde, sucht er seine Motive“, sagt Carmen Schliebe, die Foto-Kustodin des Museums.

Der Autodidakt

Der freischaffende Fotograf Joachim Richau ist 1952 in Berlin geboren und begann Ende der 70er-Jahre als Autodidakt.

Den ersten Werkkomplex seiner Karriere nennt er „Horizont oder die Illusion der Fremde 1984 – 1996“. Unter diesem Titel sind mehr als 150 Bilder noch bis zum 28. Januar im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLmK) im Cottbuser Dieselkraftwerk zu sehen.

Die Ausstellung ist Teil der Retrospektive „Joachim Richau – Werk Wandel“, die in variierter Form an mehreren Orten, unter anderem in Berlin und Kiel, präsentiert wird und auf das fast 40-jährige Schaffen des Fotografen zurückblickt.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro oder 6 Euro für alle Einzelausstellungen zusammen. Der ermäßigte Eintritt liegt bei 3 Euro und gilt als Kombi-Ticket.

Da ist zum Beispiel der Dorfschmied, ein bulliger Kerl mit freien Oberarmen und Füßen in Schlappen. Er legt die Hände an die Hüfte, macht einen auf Model, spielt mit dem ungewohnten Gefühl, fotografiert zu werden. Dabei leben die Aufnahmen ansonsten gerade davon, dass sie ohne jede Inszenierung auskommen. Die Dorfbewohner lassen Richau ganz nah ran, sie geben sich nicht als etwas aus, sie sind wie sie sind, mürrisch, müde, melancholisch, dann wieder herzlich und heiter. Der Fotograf schafft das, indem er Teil des Dorfes wird. „Er trinkt das eine oder andere Schnäpschen mit den Bewohnern“, sagt Schliebe, „aber bewahrt eine achtungsvolle Distanz. Er schönt nichts, sondern zeigt gelebtes Leben.“

Richaus Bildsprache entfaltet sich in Serien, die einzelnen Bilder sind Mosaike eines übergeordneten Themas. Unter der Überschrift „Berliner Traum“ skizziert er das Lebensgefühl in der geteilten Stadt vor und während der Wende. Die zwischen 1986 und 1990 entstandenen Arbeiten wirken weniger dokumentarisch, sie bilden das Leben nicht nur ab, sie wirken poetisch, spielen mit Ausschnitten, zeigen viel Schatten und wenig Licht. Ein Land – die DDR – dämmert seinem Ende entgegen. Hingucker der Serie ist ein Nilpferd, das regungslos im kargen Gehege liegt. Das diffuse Licht erzeugt eine melancholisch surreale Stimmung. Wie ein Tagtraum in einer ohnehin kaum zu fassenden Phase von Untergang und Aufbruch.

Anfang der 90er-Jahre, als fast alle anderen Berufskollegen sich im deutsch-deutschen Grenzgebiet die Finger wund fotografierten, suchte Richau Abstand. Ihn zog es ausgerechnet an die Ostgrenze der ehemaligen DDR. Während ein paar hundert Kilometer weiter westlich Trabis in die neuen alten Länder rollen, herrscht an der Grenze zum einstigen Bruderland menschenleere Tristesse. Die Bilder zeigen kaputte Brückenpfeiler und Stacheldrahtbüschel. Was mitschwingt: Hier ist ein Fotograf am Werk, der sich dem Mainstream seiner Zunft verweigert. Er geht dorthin, wo es noch was zu entdecken gibt. Seine Bilder zeigen die Realität und sind doch nicht auserzählt, es liegt am Betrachter, sie zu deuten und eigene Erfahrungen auf sie zu projizieren. Noch bis Ende Januar warten in Cottbus mehr als 150 solcher Werke darauf, entdeckt zu werden.

Von Maurice Wojach

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