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Der Gartenpapst Hermann Göritz

Gartenkultur in Potsdam Der Gartenpapst Hermann Göritz

Der Gartenarchitekt Hermann Göritz (1902-1998) hat in Brandenburg seine Spuren hinterlassen. Er war der berühmteste Gärtner der DDR. Weit über 100 Privatgärten schuf er. Seinen eigenen Garten in Potsdam-Bornstedt gibt es noch. Die MAZ war dort.

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Im Reich des Gartenpapstes Herman Göritz. Hiltrud Berndt pflegt heute seinen botanischen Nachlass.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Die rostroten Vorhänge sind noch immer am Fenster, wo das Arbeitszimmer von Hermann Göritz war. Sein Ohrensessel steht dort in der Ecke, in dem er bis zu seinem Tode 1998 oft saß. Über der Treppe hängen Fotos, so von Gräsern, auf denen man fast jede Faser erkennt. Er hat sie im Keller selbst entwickelt. Auch ein zweitüriger Schrank mit Wurzelfurnier ist von ihm noch da. In diesem Haus in der Bornstedter Eichenallee, 1934/36 nach dem Entwurf des Architekten Charles du Vinage im Landhausstil errichtet. Göritz wohnte dort als Erstmieter. Der Potsdamer Garten- und Landschaftsarchitekt war ein wichtiger Gehölzexperte in der DDR und gehörte zum „Bornimer Kreis“ um den berühmten Staudenzüchter Karl Foerster, dem „Worpswede der Gartengestalter“.

„Irgendwie spür ich eine Verbundenheit mit ihm, wenn ich all diese Dinge seh“, sagt Hiltrud Berndt, „aber vor allem in seinem Garten.“ Den ersten Teil, 300 Quadratmeter groß, legte Göritz 1937 an, ab 1951 entstand der zweite hinterm Haus mit einer Fläche von 2200 Quadratmetern. Auf dem sogenannten Teufelsacker, einst braches Land unweit des Drachenhauses von Sanssouci, hat er ihn angelegt. Seit 1997 ist er ein Gartendenkmal. Für Göritz war ein grünes Reich so etwas wie eine Behausung: „Bäume und Sträucher bilden das Grundgerüst eines Gartenraumes. Blumen und Rasen dessen Möbel. Beide zusammen ergeben die mit Leben erfüllte Wohnlichkeit.“

Wo hat Göritz nicht überall im Märkischen seine Spuren hinterlassen. Weit über 100 Privatgärten schuf er dereinst. Für Regisseur Wolfgang Langhoff in Teupitz, den Filmproduzenten Walter Heynowski in Kallinchen, den Pianisten Roland Brettschneider in Caputh, die Handweberin Henny Jaensch-Zeymer in Geltow, die Keramikerin Hedwig Bollhagen in Marwitz. Am Amtssitz von Wilhelm Pieck, Präsident der DDR, in Berlin-Niederschönhausen pflanzte Göritz einen Staudengarten. Mit Karl Foerster besuchte er Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, um dessen Gartenanlage zu besprechen. Auch für Friedhöfe wie in Ferch, Halbe und Zeuthen machte er 1949 bzw. 1950 Pläne. Von 1958 bis 1968 inventarisierte er die ländlichen Parks im einstigen Bezirk Potsdam. Und vor dem Krieg war er ein Pionier der grünen Einbettung von Autobahnen. So kümmerte er sich um die Strecken Berlin-Dresden bis Teupitz, Berlin-Magdeburg bis Lehnin und jene von Berlin über Stettin bis Danzig.

„Ich hab ihn bestaunt und verehrt“, sagt Hiltrud Berndt, „er war ja in der DDR weithin bekannt.“ Schon als Schülerin kaufte sich die heute 71-Jährige Göritz’ Buch „Laubgehölze“. Mit Schwung legt sie es auf den pilzförmigen Steintisch, dessen Platte ein uralter Mühlstein ist, den sich Göritz irgendwo besorgt hatte. Für dieses lauschige Plätzchen unterm Apfelbaum. Hiltrud Berndt besitzt auch seine Bände „Blütenstauden, Gräser, Farne“ und „Laub- und Nadelgehölze für Garten und Landschaft“.

Sie hatte an der Berliner Humboldt-Uni Garten- und Landschaftsgestaltung studiert, war 1970 nach Potsdam gekommen und wurde Mitglied der Fachgruppe Landschaftsarchitektur, die Exkursionen unternahm. Auf einer lernte sie Hermann Göritz kennen. „Er war so beseelt von der Pflanzenwelt. Er sprühte vor Hingabe im Beruf. Nicht verbissen, sondern mit Glut“, erinnert sie sich. „Und er war so ein bescheidener und herzlicher Mensch.“ Einmal nahm Göritz sie in seinem Wartburg zum Flughafen Schönefeld mit. Als es mit Bildenden Künstlern auf eine Reise nach Moskau und Wladimir ging. Und wie hat sie stets seine Vorträge aufgesogen.

Ein Leben für die Pflanzen

Geboren wurde Hermann Göritz am 16. September 1902 im westpreußischen Krone an der Brahe. 1920 arbeitete er in der elterlichen Försterei und danach machte er bis 1921 eine Lehre als Gärtner in Lötzen.

Göritz studierte 1925/26 an der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem und war seit 1930 in Potsdam ansässig. Ab September 1929 bis ’32 war er Mitarbeiter der in Deutschland bekannten „Arbeitsgemeinschaft Foerster - Mattern - Hammerbacher“, in der Karl Foerster, Hermann Mattern und Herta Hammerbacher gemeinsam in Potsdam-Bornim wirkten. Ab den 50ern sprach man in Fachkreisen vom Bornimer Stil.


Von 1931 bis zu deren Verbot 1933 war Göritz Mitglied der KPD. Als Garten- und Landschaftsarchitekt war er seit 1935 u. a. bei Gartenausstellungen wie der mit Sommerblumen am Berliner Funkturm sowie in ganz Deutschland – so bei der Reichsgartenschau 1939 in Stuttgart – tätig. 1938 erstellte er für die Potsdamer Freundschaftsinsel Pflanzpläne, weitere folgten. Von Oktober 1945 bis Ende 1948 leitete er die Karl-Foerster-Gartenausführung KG in Potsdam-Bornim.

Nach 1949 war Göritz der einzige freischaffende Garten- und Landschaftsarchitekt der DDR. Er arbeitete für öffentliche Aufträge, schuf aber auch weit über 100 Privatgärten für Künstler und Schriftsteller.

Am 30. Januar 1998 starb Hermann Göritz.

Hiltrud Berndt gestaltete fürs Potsdamer Wohnungsbaukombinat Freiflächen, war ab 1977 im Büro des Stadtarchitekten Werner Berg und machte Vorplanungen für Grünanlagen Am Schlaatz, in der Waldstadt. Zuletzt arbeitete sie bei der Potsdamer Grünverwaltung.

Göritz’ Bornstedter Garten sah sie das erste Mal in den 70ern. Dieses Kleinod mit den 198 Laub- sowie 34 Nadelgehölzen. „Ich war gleich fasziniert von dieser idealisierten Form von Landschaft im Kleinen. Hab bewundert, wie Göritz es verstanden hat, auf verhältnismäßig kleiner Fläche so ein räumliches Parkerlebnis zu erschaffen.“

Zur Wende hatte sie sich gerade einen Kleingarten in einer Sparte zugelegt. „Dann passierte was, das gar nicht in meiner Lebensplanung war“, erzählt Hiltrud Berndt, „ein Kollege von der Gartendenkmalpflege fragte mich, ob ich nicht Göritz’ Garten übernehmen wolle. Mit der Verpflichtung, ihn zu hegen und zu pflegen.“ Sie kaufte ihn der Erbengemeinschaft ab, wohnt nun in jenen Räumen, wo Göritz mit seiner Frau lebte.

„Der Garten passt zu mir“, sagt Hiltrud Berndt, „ich hab’s nicht bereut.“ Wenngleich sie bei Stürmen besorgt nach draußen schaut. Im Orkan „Emma“ stürzte eine Amonika-Fichte um, die lag mit der Spitze vorm Küchenfenster. „Auch wenn so ein trockener Wind den letzten Rest der Feuchtigkeit rauszieht aus den Pflanzen, leide ich körperlich mit ihnen.“ Das kann nur jemand sagen, für den sie mehr als schön anzusehende lautlose Geschöpfe sind.

Aber sonst? „Im Frühling freu ich mich auf die Winterlinge. Im Herbst möchte man noch alles festhalten“, sagt sie. Jede Blüte. Jede Färbung. Am Götterbaum wird’s dann wunderbar rot, wie am wilden Wein. Der Gingko goldgelb – in diesem Paradies, das Hermann Göritz hinterließ.

Der Weg hinein ist gesäumt mit Storchschnabel. Rhododendron, Eibe, Hortensie, Blasen- sowie Zierapfelbaum finden sich auch. „Die Birke hier ist eine Nachpflanzung“, erklärt Hiltrud Berndt, „die von Göritz ist schon altersschwach.“ Selber ausgesät indes hat sich die Stechpalme von zwölf Metern. Ein Stück weiter noch eine – um die Efeu wuchert, der sie zu erwürgen droht. Ein Kaskadenwacholder hatte mittlerweile fast den Vorgarten eingenommen. Hat sie ihn gekappt? „Das hätte ich nicht gewagt“, erklärt Hiltrud Berndt. Überhaupt müsse sie ja Veränderungen mit der Gartendenkmalpflege abstimmen. Der Wacholder war von einem Pilz befallen, ihn raffte es schließlich dahin, als vor Jahren Keller-Ausschachtungen anstanden. Er wurde durch einen neuen ersetzt.

Wie auch jene Skulptur, der Waldteufel. Den nahm sich eine Göritz-Tochter nach dem Tode des Vaters als Erinnerung mit. Nun wacht auf einer Stele ein anderer, ein Pan. Zwischen Weißbuchenblättern lugt er mit seinen zwei Hörnern hervor.

Üppig ranken immergrüne Heckenkirsche, Trompetenwinde und Akebie. Am Schuppen, den Göritz gebaut hat und wo er in den Notzeiten Schafe und Hühner hielt, windet sich der Wein. „Nach dem Krieg wollte er zurück in seine ostpreußische Heimat. Doch die Geschichte hat das ja hinfällig gemacht“, sagt Hiltrud Berndt.

Die an die 30 Meter hohe Riesenlärche, hinter ihr schimmert ein rotlaubiger Perückenstrauch hervor, dominiert den Garten. Auf der Holzbank darunter verweilte Göritz so gern. Auch Eva und Karl Foerster waren hier oft zu Gast, mit denen er befreundet war. Dann wandert der Blick zum Geweihbaum mit den langen, gefiederten Blättern. „Im Herbst sind die Äste knorrig wie ein Hirschgeweih.“ Ein bisschen weiter Omorika- und Nest-Fichte, Kornelkirsche sowie die Schirlingstanne, die aus Nordamerika stammt.

Hinterm Mühlstein-Tisch hat das Gelände einen Buckel, den Göritz aufgeschüttet hat. „Eine Hypothese besagt, das war das Queckengrab. Da hat er das Unkraut, das störte, verbuddelt“, sagt Hiltrud Berndt. Die Strauchkastanie ist jetzt mit weißen Blüten geschmückt, in Lampenputzerform recken sie sich nach oben. Die Ölweide indes, in dessen Nähe Göritz ein Vogelbad anlegte, das er mit Schieferplatten einfassen ließ und in dem mal ein Fasan landete, befindet sich in Schräglage. Und der Bambusbusch ist nur noch ein Gerippe.

Wachsen und Vergehen. Auch ein Gartendenkmal verändert sich. Aber Göritz’ Reich hat noch immer etwas ganz Eigenes. „Eine kanadische Besucherin hat es mal peacefull Garden genannt. Friedlicher Garten“, erzählt Hiltrud Berndt, die sie hindurch führte. Besonders friedvoll erscheint er ihr abends. „Wenn ich darin gearbeitet hab und schon der Mond durch die Zweige lugt.“

Zum Geburtstag vor ein paar Wochen bekam sie eine Gartenschürze. Auf ihr steht gedruckt: „Auch ein kleiner Garten ist eine endlose Aufgabe.“ Klar, Lebensgefährte Bodo hilft beim Schreddern. Aber alles andere - sie mäht, sägt aus, gießt, schneidet die Hecke. „Es gibt Tage, wo ich’s wachsen lasse und hoff, dass es regnet. Und es gibt diese Attacken, wo ich sag: Mir ist’s zuviel.“ Wie im Herbst, wenn über Wochen Laub und Nadeln fallen und sie mit dem Wegharken kaum nachkommt. „Ich versuch aber Frieden zu finden mit dem Giersch.“ Dem lästigen wilden Kraut. Einmal rückte sie ihm jedoch mit der Spitzhacke zu Leibe. Versuchte, zwischen ihm und dem Topinambur eine Bresche zu schlagen. „Ich muss die Natur doch auch ein bisschen in Schach halten“, sagt Hiltrud Berndt. Das hat Hermann Göritz ja auch gemacht.

Von Angelika Stürmer

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