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Der Maßstab

Tenor Peter Schreier feiert 80. Geburtstag Der Maßstab

Mit begnadeter Stimme: Der Dresdner Tenor Peter Schreier beherrschte in den 70ern, 80ern und 90ern die Opernbühnen in den Metropolen rund um den Globus – von Mailand bis New York. Im Jahre 2005 zog er sich als Sänger – er brillierte beispielsweise als Evangelist mit Bachs Passionen – zurück. Schreier feiert am Mittwoch seinen 80. Geburtstag.

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Zog sich als Sänger 2005 zurück: der Tenor Peter Schreier.

Dresden. „Er singt alles so, wie man muss. Und wer etwas Anderes macht, der ist falsch.“ Dies schrieb Kurt Masur, der von 1970 bis 1997 Gewandhauskapellmeister in Leipzig war, seinem Freund Peter Schreier ins Stammbuch. Das war im Jahr 2011, als der Sänger aus Dresden, der am Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert, den Leipziger Mendelssohn-Preis erhielt. Was für ein Lob – und welche Last aber auch zugleich: der Maßstab zu sein. Aber genau das war Peter Schreier über Jahrzehnte. Zumindest im Oratorienfach bei Bach und Haydn. Oder in der Oper bei Mozart. Oder beim Lied Schuberts, Schumanns, Mendelssohns sowie Beethovens.

Peter Schreier beherrschte in den 70ern, 80ern und 90ern die Bühnen von Konzert und Musiktheater in den Metropolen der Welt, auf den einschlägigen Festivals. Und, wichtiger noch: Er beherrschte den Plattenmarkt. So hat sich seine Stimme tief ins kollektive Bewusstsein gegraben. Makellos war sie, ungeheuer beweglich durch alle Lagen, dynamisch von einzigartiger Geschmeidigkeit. In beinahe schmerzlicher Intimität konnte sie dem Zuhörer im Lied auf die Pelle rücken, mit Ehrfurcht gebietender Autorität von der Opernbühne über den Graben tragen. Ein wenig schneidend konnte sie auch sein. Aber die metallische Schärfe, sie kam nur durch, wenn Peter Schreier, der über unvergleichliche Technik, mystisches Legato, instrumentale Geläufigkeit verfügte, es wollte. Wenn es der Gestaltung diente, dem Ausdruck, der musikalischen Wahrhaftigkeit.

Schreier ging immer vom Wort aus, verstand Musik als Vehikel, dessen Sinn in die Herzen der Zuhörer zu tragen. Und dass es ihm gelang, belegen die zahlreichen Aufnahmen, die ihn in Bachs Passionen unsterblich machten. Dieser Jahrhundert-Evangelist ist nicht nüchterner Chronist, er durchlebt die Leidensgeschichte Christi, gibt dem Schmerz und der Hoffnung Farben und Nuancen wie kaum ein anderer. Hier galt es für Jahrzehnte, Masurs unumstößliches Urteil: „Wer etwas Anderes macht, der ist falsch.“

Auf allen großen Opernbühnen der Welt

Geboren wurde Peter Schreier am 29. Juli 1935 im sächsischen Gauernitz bei Meißen. Mit acht Jahren kam er zum Dresdner Kreuzchor.


Von 1956 bis 1959 Studium am Dresdner Konservatorium: Gesang, Chorleitung, Dirigieren. Der Durchbruch gelang ihm 1962 an der Dresdner Oper als Belmonte in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. 1963 wechselte er an die Berliner Staatsoper.


Er debütierte drei Jahre darauf bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth und 1969 als Dirigent. Er feierte Erfolge auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt – von Mailand bis New York.

Dennoch ist derlei gefährlich. Denn in der Kunst gibt es mehr als eine Wahrheit. Keiner weiß das besser als Peter Schreier selbst, der sich bereits im Jahr 2000 von der Oper verabschiedete und 2005 als Sänger ganz zurückzog, und so dafür sorgte, dass kein Schatten auf sein musikalisches Denkmal fiel. Darum hat er, wenn er als Lehrer mit anderen Sängern arbeitete oder als Dirigent, nie versucht, Stimm-Klone zu erschaffen, sondern sich eher bemüht, einen Geist weiterzugeben, der aus größter Ernsthaftigkeit, tiefster Kenntnis und absoluter Hingabe heraus Musik von innen heraus in aller Demut neu erschafft, immer wieder.

Diesem Geist ist auch der Dirigent Peter Schreier treu geblieben. Obschon seine Bedeutung am Pult weit hinter der des singenden Interpreten zurückblieb, hat sein Tun dort nichts zu tun mit den landläufigen Bemühungen abgewirtschafteter Sänger um die Verlängerung der eigenen Bedeutsamkeit. Denn erstens hat er das Dirigieren während seines Studiums in den 50ern in Dresden von der Pike auf gelernt. Und zweitens betreibt er auch diese Profession mit dem beseelten Perfektionismus, der seinen Gesang auszeichnet.

Hier aber, zumal wenn Bach auf dem Pult liegt, bekam der Tenor-Maßstab es zunehmend damit zu tun, dass andere die stilistischen Maßstäbe setzten: Lange beherrschten die Aufführungspraktiker und Darmsaitler dieses Feld unangefochten, immer in der festen Überzeugung: Wer etwas Anderes macht, der ist falsch.

Schreier macht es anders, nachzuhören im Dezember im Leipziger Gewandhaus, wo er noch einmal das Weihnachtsoratorium dirigiert, bevor er sich auch vom Pult zurückzieht. Denn gegen die eigenen Überzeugungen kann man nicht anmusizieren. Als Sänger nicht und auch nicht als Dirigent.

Schreier hat gerade deshalb tiefe Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen. Bach und Mozart sänge man anders ohne ihn, Mendelssohns Lieder womöglich gar nicht. Im Angesicht dieses gewaltigen Lebenswerks klingt die Bescheidenheit ein wenig kokett, mit der Peter Schreier zu Protokoll gibt, er blicke „vielleicht mit ein wenig Stolz“ auf seine Karriere zurück, sei zufrieden mit seinem Leben, genieße den Ruhestand. Das wiederum passt zur Einschätzung Kurt Masurs von einem, „der nicht Star sein möchte und doch einer der größten ist“.

Von Peter Korfmacher

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