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Der Neuruppiner Max Rotbarth macht Karriere

Theatertreffen Der Neuruppiner Max Rotbarth macht Karriere

Klavierstunde in Rheinsberg, Bigband in Neuruppin. Der heute 26-jährige Max Rothbart wurde dann aber Schauspieler und heuerte nach dem Studium in Leipzig beim Theater Basel an. Nach knapp zwei Berufsjahren wird er nun schon zum zweiten Mal mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen beehrt.

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2016 gastierte das Theater Basel mit Max Rothbart (r. als Sohn Erhart) beim Berliner Theatertreffen mit Ibsens „John Gabriel Borkman“.

Quelle: FOTO: Werner

Potsdam. Auf seinen gewohnten Dreitagebart verzichtet Max Rothbart derzeit. Als Rütli-Verschwörer in einer „Wilhelm Tell“-Inszenierung bekommt er nämlich einen Vollbart angeklebt. „Und der fällt während eines Monologs schnell mal ab, wenn man nicht glatt rasiert ist“ verrät der 26-jährige am Telefon. Der Neuruppiner wohnt seit fast zwei Jahren in der Schweiz, wo er als Ensemblemitglied des Theaters Basel einen unglaublichen Senkrechtstart erlebt.

Das zweite Mal in Folge wurden Rothbart und das Schauspiel Basel zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Jedes Jahr ermittelt eine Jury die zehn bemerkenswertesten Aufführungen einer Saison im deutschsprachigen Raum. Den meisten professionellen Schauspieler bleibt diese Auszeichnung ein Leben lang verwehrt. Und Berufsanfänger Rothbart kann nach seinem Studium in Leipzig nun schon zum zweiten Mal in Folge bei einem Berliner Theatertreffen mitwirken.

Heute Abend darf sein Ensemble im Haus der Berliner Festspiele mit Anton Tschechows „Drei Schwestern“ sogar die zweiwöchige Leistungsschau des deutschen Regietheaters eröffnen. Von der großformatigen Auftaktinszenierung wird in der Regel erwartet, dass sie Welle macht und die Bedeutung des Mediums Theater herausstellt. Regisseur Simon Stone lässt die Baseler „Drei Schwestern“ aber keine politischen Flaggen schwenken oder Nackttänze aufführen. Seine Inszenierung atmet „den Esprit einer Daily Soap“, wie es in der Ankündigung heißt. Für Festivalchefin Yvonne Büdenhölzer ist die Aufführung deshalb relevant, „weil es sich um eine ,Überschreibung’ handelt und kein einziges Wort von Tschechow stammt“.

Rothbart spielt den etwas ungelenken, unglücklich verliebten Baron Tusenbach. „Bei Tschechow sind es vor allem Offiziere, die in der russischen Provinz von einem erfüllten Leben in Moskau träumen. Wir haben uns gefragt, wie dieses Milieu im 21. Jahrhundert aussehen würde und das Geschehen in ein Ferienhaus in der Schweiz verlegt“, erzählt Rothbart. Die ursprünglichen Figuren und deren Konflikte galten also als gesetzt, um so konsequenter wurden Dialoge und Requisiten den heutigen Bräuchen angepasst. „Statt eines Samowars wird bei uns ein Seranoschinken-Schneidemaschine verschenkt. Wir sehen alle ganz normal aus, ich zum Beispiel trage unauffällige Outdoor-Klamotten“, so Rothbart. Die Spielweise sei eher filmisch. „Wir Schauspieler sind angehalten, nicht zu viel zu spielen.“ Mikroports machen es möglich, dass die Zuschauer die Dialoge auch verstehen, wenn hinter großen Glasfenstern eines schicken Holzhauses gesprochen wird.

Der 33-jährige Regisseur Simon Stone ist dafür bekannt, dass er realistische Stoffe aus dem 19. ins 21. Jahrhundert transferiert. Der Australier wurde in Basel geboren, schreibt aber englisch und macht aus alt neu. Seine „Brachial-Aktualisierung“ von Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“, bei der Rothbart beim letztjährigen Theatertreffen neben Stars wie Brigit Minichmayr und Martin Wuttke auf der Bühne stand, wurde von manchen Kritikern auch als Klamauk abgetan.

Für Max Rothbart zählt, dass der neue Intendant Andreas Beck das Schauspiel in Basel in nur zwei Jahren zu einer beachteten Adresse entwickelt hat. „Das Publikum in dieser reichen Stadt ist sehr aufgeschlossen.“ Er telefoniert oft mit seiner langjährigen Freundin Nina Gummich, die es nach dem Studium ans Hans-Otto-Theater nach Potsdam verschlagen hat. Die gleichaltrige Ausnahme-Schauspielerin, mit der Rothbart in Leipzig studiert hat, wurde gerade zum zweiten Mal von dem großartigen Regisseur Andreas Kriegenburg ans Deutsche Theater gastverpflichtet.

„Nach Moskau!“ lauten die berühmten Sehnsuchtsworte aus Tschechows „Drei Schwestern“. Die Baseler Schauspieler schwärmen stattdessen von New York und Berlin. Wie erging es Rothbart, der im Osten Berlins geboren wurde und zehn Jahre alt war, als er mit seiner Mutter zunächst in das Dorf Zechlin bei Rheinsberg zog? „Ja das war schon ein Einschnitt“, erzählt er. „In Berlin konnte ich gerade allein Straßenbahn fahren und in Zechlin musste ich erst einmal lernen, Fußball zu spielen.“ Zum Klavierunterricht fuhr er nach Rheinsberg, wo sein Stiefvater, Peter Böthig, das Tucholsky-Museum leitet. Dann kam er an das Evangelische Gymnasium nach Neuruppin, wo er mit seinen Eltern fortan auch wohnte. Sein Radius wurde größer.

Dankbar zählt er die vielen Angebote auf, die er wahrnehmen konnte. Er trommelte in der Bigband der Musikschule, bevorzugte später die Theater-AG der Jugendkunstschule mit dem für ihn wegweisenden Lehrer Sebastian Eggers und spielte auch als Laie beim Theatersommer in Netzeband mit. Im Café Hinterhof in Neuruppin lernte er Didgeridoo. Und nachdem Rothbart von Freie-Heide-Pfarrer Benedikt Schirge konfirmiert wurde, fühlte er sich auch in der Neuruppiner Jungen Gemeinde zu Hause.

In Berlin, wo sein leiblicher Vater, der Verleger Uwe Warnke lebt, schätzte Rotbarth den Besuch von Theateraufführungen von Frank Castorf, Jürgen Gosch und Michael Thalheimer, die für ihn wichtig waren. Und natürlich freut er sich auf Berlin, wo er heute abend unter den Zuschauern einige seiner Freunde und Verwandten weiß. Aber Basel hat es ihm leicht gemacht, sich auch in der Fremde wohl zu fühlen.

Gerade hat er sich ein Motorrad gekauft und erkundet in freien Stunden die interessante Grenzregion, zu der auch das Elsass und der Schwarzwald zählen. Neuerdings fliegt er auch wiederholt nach Griechenland, um Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan zu unterrichten, die auf der kleinen Insel Chios gestrandet sind. Jeden, den er kennt, bittet er für diese Arbeit zu spenden, da ihn die Arbeit des Basler Organisation BAAS („Be aware and share“) absolut überzeugt.

Eine Frage noch: Würde es ihn reizen, einmal den Originaltext der „Drei Schwestern“ aufzuführen? „Ja, das wäre mit der jetzigen Erfahrung interessant.“ Wie er überhaupt offen ist für vieles. „Mal sehen, was noch so kommt. Nach Berlin und Basel vielleicht Bielefeld?“, scherzt er. Er will aber Zechlin und Neuruppin nicht unterschlagen.

Von Karim Saab

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