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Kultur Provokation, Sex und Prophetie
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15:26 23.02.2018
Michel Houellebecq Quelle: dpa
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Potsdam

Wer wieder aus so einer Lesung kommt, wo auf dem Tisch als Treibstoff nur ein Fläschchen Wasser steht, der spürt den Drang nach mehr Umdrehungen. Bücher werden heute von Autoren häufig wie die eigene Todesanzeige vorgetragen. Und in der Diskussion erkundigt sich ein Studienrat dann hinterher, ob alles selbst erlebt und ungebrochen aus dem Leben des Verfassers stammt.

Der Wunsch nach einem intellektuellen Clown, nach einem geistig gelenkigen Seiltänzer wird wach, wenn man von einem dieser müden Abende nach Hause kommt – denn die Romane haben heute selten noch die Wucht oder den Schliff der alten Salons. Auf der anderen Seite fehlt der aktuellen Literatur der Schmutz der Straße. Darum ist die Lust verständlich, sich auf Michel Houellebecq einzulassen, einen Schreiber mit Fallhöhe und verwirrender Selbstinszenierung.

Houellebecq veröffentlicht neben Büchern auch Meinungen

Houellebecq veröffentlicht Bücher, aber vor allem Meinungen, Skandale und Rechthabereien. Man kann das unterm Stichwort „Provokation“ verbuchen, weil die immer dort gedeiht, wo die Politik nur noch den alten Glanz beschwört, mit den Mätressen schäkert und Strategien in den Hinterzimmern auswürfelt.

Dieses marode Bild hatte man lange Zeit von Frankreich, bis Macron gekommen ist. Dass dieser liberale, diskussionsfreudige Präsident gewählt wurde, und nicht Marine Le Pen, die ihre Reden immer aufs „Es war einmal“ gegründet hat und für die Gegenwart bloß schlecht gelauntes Achselzucken übrig hatte, liegt auch an Michel Houellebecq. Er hat die Franzosen gereinigt mit seinen Büchern, in denen Frankreich immer dunkler wurde, immer blasser. Wenn man die Romane auch nur ansatzweise gründlich las, spürte man: In diesem dunklen Land der Prosa von Houellebecq will man nicht wohnen. Das Bedürfnis nach Licht ist gewachsen, es mündete in Macron.

Ausschweifender Sex in seinen Romanen

Michel Houellebecq, der am Montag 60 Jahre alt wir, ist selbst ein Mann des Lichts, sicher kein Parteigänger von Le Pen. Er mag die Deutschen lieber als die Franzosen, weil die Deutschen – so glaubt es Houellebecq zumindest – von Leuten wie Schopenhauer erzogen wurden. Schopenhauer war ein Pessimist, der Fußnoten gerne in Altgriechisch setzte. Das gefällt Houellebecq, er kreuzt das Elitäre vorzugsweise mit dem Vulgären. Es gibt ausschweifenden Sex in seinen Büchern, der reicht in seiner schieren Menge für drei Lebenswerke deutscher, gut erzogener Schriftsteller.

Im nächsten Atemzug trifft man bei ihm auf die Verachtung fürs linksliberale Bürgertum, das seine Wurzeln im geistigen Aufbruch von 1968 hat. Diese Aversion könnte sich kein Autor in Deutschland leisten, der wirklich Bücher verkaufen will. Es sei denn, er heißt Martin Mosebach.

Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt

Wenn Houellebecq mal keinen Sex in seine Bücher steckt, erhält er gleich den Prix Goncourt, Frankreichs bedeutendste Literaturauszeichnung. Ein Aufatmen ging durch die Reihen der Kritiker, als Michel Houellebecq seinen Roman „Karte und Gebiet“ 2010 veröffentlichte, eine Satire auf den Kunstbetrieb, in der kaum gevögelt wird. Endlich durfte man das Buch aus vollem, kultiviertem Herzen lieben. Und es bedenkenlos krönen.

Ein aktuelles Porträt von Julia Encke

Im aktuellen Porträt von Julia Encke (Wer ist Michel Houellebecq? Rowohlt, 255 Seiten, 19,95 Euro) ist die literarische Biografie des Autors elegant und kundig nachgezeichnet, immer unterlegt mit privaten Wendepunkten seines Lebens, die naturgemäß in Katastrophen enden. Houellebecq sehnt solche Überwerfungen herbei, wenn er etwa in „Elementarteilchen“ den Namen seiner Mutter einbaut und sie als herzlose Hexe schildert, die ihren Sohn links liegen ließ. Im echten Leben sagte sich die Mutter öffentlichkeitswirksam los von ihrem Sohn („Wenn er unglücklicherweise wieder meinen Namen irgendwo draufschreibt, kriegt er mit dem Gehstock eins auf die Rübe“). Das mögen die Leser der „Bunten“, aber selbstverständlich auch die Intellektuellen, die davon schwärmen, welche Sprengkraft ein Roman noch immer haben kann.

Religion als „die dümmste Religion“

Houellebecq gilt als Provokateur, der in seiner Rolle als Literat gerne die Lunte zündet – mit Sätzen wie diesem, der Islam sei die „dümmste Religion“. Als Privatmann widerruft er das alsbald und schreibt sie der Kunstfigur zu, die er geschaffen hat. Die aber oft Michel heißt und von Michel, dem Privatmann, schwer zu unterscheiden ist.

Neben der Provokation beherrscht Houellebecq das Handwerk der Prophetie. Mitunter hält man inne: Was war eher da, sein Roman oder die Wirklichkeit? Er gab der „New York Times“ ein Interview über die Gefahr des Islamismus, das am 11. September 2001 erschien, genau am Tag des Anschlags auf die Stadt. Sein Roman „Unterwerfung“, in dem Frankreich eine islamische Regierung wählt, kam am 7. Januar 2015 heraus, dem Tag des islamistischen Attentats auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“.

Interessant für den Nobelpreis?

Mit den Jahren hat Houellebecq die Flucht in eine Garderobe und Frisur gewählt, die zwischen zotteligem Professor und trinkfestem Ganoven schwankt. Doch wie immer darf man diesen Mann nicht unterschätzen. Mit 60 Jahren wird ein Autor, der noch so gut bei Stimme ist, generell ja interessant für den Nobelpreis. Eine Auszeichnung freilich, gegen die er mit Macht und allen Mitteln der politisch inkorrekten Renitenz anschreibt.

Von Lars Grote

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