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Der Schmerz der Lisa Simone

Tochter von Nina Simone im Interview Der Schmerz der Lisa Simone

Ihre Mutter Nina Simone war ein Star. Und trotzdem litt sie unter dem alltäglichen Rassismus in den USA. Ihre Tochter Lisa Simone hat das ihre gesamte Kindheit hindurch spüren müssen. Im MAZ-Interview erzählt sie, warum sie mit ihrer Vergangenheit radikal gebrochen hat. Am Freitag spielt sie im Nikolaisaal in Potsdam.

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Lisa Simone

Quelle: Alex Lacombe Bassdef

Potsdam. Lisa Simone vor ihrem Potsdamer Konzert über das schwierige Verhältnis zur Mutter und Wut, die der Freude gewichen ist.

Ihre Mutter haderte häufig mit dem Publikum, sie wurde wütend, wenn Zuschauer sich nicht auf sie konzentrierten. Wie geht es Ihnen?

Lisa Simone: Ihr Verhältnis zur Musik war ein ganz anderes. Meine Mutter galt als Wunderkind, sie sollte die erste schwarze klassische Konzertpianistin werden. Und das in den USA, wo Schwarze nichts anderes tun sollten, als Weißen das Haus zu putzen. Auf ihr lastete extremer Druck, nur auf der Bühne wurde sie akzeptiert. Ich wurde nicht zur Musik gezwungen, ich habe es mir ausgesucht. Jedes Mal, wenn ich auf die Bühne gehe, tue ich das voller Freude. Und ich freue mich auch auf das Konzert in Potsdam.

Lisa und Nina Simone

Lisa Simone hat erst als 50-Jährige eine Solo-Karriere als Jazzsängerin mit eigenen Alben begonnen. Während ihrer Kindheit lebte sie überall auf der Welt, da ihre Mutter auf Tour war und unter anderem in Liberia und Frankreich lebte. Lisa Simone, 53, diente in der US-Armee, war im Irak stationiert und begann danach in der Jazzband Liquid Soul zu singen und auf dem New Yorker Broadway aufzutreten. Ihr zweites Solo-Album heißt „My World“. Eines ihrer wenigen Konzerte im deutschsprachigen Raum spielt Lisa Simone am Freitag um 20 Uhr im Potsdamer Nikolaisaal. Karten gibt es unter 0331 28 88 82 8

Auch die Mutter Nina Simon e spielt in einigen der neuen Songtexte eine Rolle. Sie ist bis heute einer der einflussreichsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Die 2003 verstorbene Pianistin und Songschreiberin wurde meist dem Jazz und Blues zugeordnet, bestand aber auf den Ausdruck „Black Classical Music“. Sie war mit Songs wie „To Be Young, Gifted, and Black“ eine der zentralen Figuren der US-Bürgerrechtsbewegung, war befreundet mit Martin Luther King und wird heute von Soulstars wie Mary J. Blidge und Lauryn Hill bewundert.

Berühmt sind Nina Simones Versionen von „My Baby Just Cares for Me“ und „I Put a Spell on You“. Ihr Leben war von Gewalt, Drogen, der Diskriminierung als schwarze Künstlerin und schweren Psychosen mitbestimmt. Die für einen Oscar nominierte Doku „What Happened, Miss Simone?“ (2015) beschreibt ihr Leben und die Beziehung zur Tochter Lisa.

Es hat lange gedauert, bis Sie Ihr erstes Solo-Album aufgenommen haben.


Simone: Ich war viele Jahre lang wütend. Davon musste ich mich befreien, um mich durch Songs ausdrücken zu können.

Was hat Ihnen geholfen?

Simone: Die Meditation. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich begann zu meditieren. Es war der 1. Oktober 2011, seitdem verfolge ich Grundsätze der buddhistischen Lehre, ohne dass ich mich selbst als Buddhistin bezeichnen würde. Ich musste mich in mich selbst zurückziehen und erkennen, wie sehr meine Seele litt. Wut tut weh und mein Schmerz musste heilen.

Was musste sich ändern?

Simone: Um etwas beginnen zu können, musst du etwas anderes beenden. Ich hörte auf, wütend auf meine Eltern zu sein. Ich hörte auf, Entscheidungen zu bedauern und Dinge, die ich verpasst habe. Und ich musste Beziehungen beenden, die nicht gut für mich waren. Eine war die zu meinem Heimatland. Ich kam aus den USA mit zwei Koffern nach Frankreich.

Sie zogen in das Haus, in dem Ihre Mutter früher lebte.

Simone: Das war hart, das Haus verkörperte für mich zunächst nichts als Kummer, Tod und Verlust. Das erste Mal, das ich zuvor dort gewesen war, war zu ihrer Beerdigung. Zwischendurch dachte ich, ich werde dort auch sterben.

Warum?

Simone: Mein Mann zog mit meiner Tochter zunächst wieder in die USA. Ich blieb alleine zurück. Da war keine Waffe an meinem Kopf, ich entschied mich, dort zu bleiben und mich meinen Ängsten zu stellen. Ich habe viel geweint, aber heute kann ich umso mehr lächeln. Wer die Faust ballt, kann nichts in die Hand bekommen.

Was bedeutet das für das Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Simone: Als Kind wirft man seinen Eltern ständig etwas vor. Als Mutter habe ich einen neuen Blick darauf gewonnen. Ich glaube heute, dass meine Mutter ihr Bestes gegeben hat. Sie war nun mal voller Schmerzen, sie wurde als Künstlerin zurückgewiesen.

Und durfte ihre Ausbildung als klassische Pianistin nicht abschließen.

Simone: Ja, weil sie schwarz war. Ihre Träume wurden ihr genommen. Meine Mutter liebte mich, aber sie war noch voller Schmerzen. Sie erlebte körperlichen Missbrauch, Diskriminierung und Zurückweisung. Ich habe meiner Mutter vergeben.

Sie war in der amerikanischen Bürgerbewegung aktiv. Sind Sie auch so politisch?

Simone: Ich sehe das globaler. Wenn die Welt uns nicht mehr will, war’s das für uns. Dann ist egal, welche Hautfarbe, Sprache und Herkunft wir haben, dann gehen wir alle drauf. Ich wünsche mir, dass wir unsere Gemeinsamkeiten sehen, statt uns ständig zu beurteilen. Zur Zeit meiner Mutter war es genau richtig, sich für die Rechte der Schwarzen einzusetzen. Und die Diskriminierung gibt es auch heute. Aber wir Schwarzen sind nicht die einzige Gruppe, die darunter leidet. Meine Familie hat viel gegen die Diskriminierung unternommen, meine Familie hat gelitten. Jetzt ist die Zeit, sich von den Schmerzen zu erholen.

Von Maurice Wojach

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