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Der Siegeszug der Satire

Meister des bösen Wortes Der Siegeszug der Satire

Wer hat die Kraft, die verwirrende neue Welt zu sortieren? Immer mehr Menschen wenden sich den Satirikern zu – die mittlerweile in Deutschland mehr Einfluss haben denn je.

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Jan Böhmermann ist der Liebling der jungen Aufgeklärten.

Quelle: imago stock&people

Potsdam. Gespräche stocken, verstohlene Blicke wandern zu ihm hin. Fabian Köster schreitet mit dem orangefarbenen ZDF-Mikro durch die Reihen. Der junge Reporter der satirischen ZDF-„heute-show“ hält auf dem Grünen-Parteitag Ausschau nach seinem nächsten Opfer.

Hoffen und Bangen erfüllen da viele Delegierte. Einerseits müssen sie als Politiker ja stattfinden im Fernsehen, und was ist dazu besser geeignet als eine weithin beliebte ZDF-Show am Freitagabend? Andererseits lässt niemand sich gern veralbern, schon gar nicht vor Millionenpublikum. Claudia Roth gibt dem jungen Mann einen Korb, sie habe jetzt keine Zeit für ihn. Doch da läuft die Kamera schon – und Fabian Köster hat Roth im Nu in ein Gespräch über das Nicht-miteinander-sprechen-Wollen verwickelt. Satire siegt, mal wieder.

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Die Satire erlebt aktuell einen Siegeszug. Intelligente Satire knöpft sich neben „denen da oben“ auch den kleinen Mann vor und die Ressentiments der Masse. Viele Menschen wenden sich in der „neuen Welt“ den Satirikern zu – und die haben mehr Einfluss denn je. Das sind die Meister des bösen Wortes.

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Die Unernsten spüren eine neue Macht. Ihnen hilft, ob Fernsehschaffende oder Schreiber, die sprunghaft gewachsene Unübersichtlichkeit der Welt. Wie zu allen Zeiten reagieren die Leute erst mal ganz gern mit einem Lachen. Donald Trump wird Präsident der USA! Bob Dylan ist Literaturnobelpreisträger! Die deutsche Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ druckt triumphierend Schlagzeilen wie diese – und genießt das Verschwimmen von Wahrheit und Absurdität zu einem verwirrenden Ganzen.

Satire boomt. Das Publikum der „heute-show“ ist mittlerweile auf knapp vier Millionen gewachsen – und damit erstmals zahlenmäßig auf dem Niveau des „heute-journals“ angelangt. Auch in Regionalprogrammen von Fernsehen und Hörfunk sind Satiresendungen wie „extra 3“ („Der Irrsinn der Woche“) oder die „Intensiv-Station“ Kult.

Satiriker werden zu zentralen Figuren

Mehr denn je werden Satiriker zu zentralen Figuren – und ihre Beiträge zum neuen Pflichtprogramm für Deutschlands Eliten. So ragte in der Auseinandersetzung mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan nicht ein Politiker, sondern ein Satiriker als wichtigster Gegenspieler in Deutschland heraus: Jan Böhmermann.

Mit seinem „Neo Magazin Royale“ besetzte Böhmermann anfangs nur eine kleine Nische. Doch mit viel Frechheit und Kreativität verschaffte er sich immer mehr Gehör. Das „GQ Magazin“ kürte ihn gar zum Meinungsmacher Nummer eins – noch vor den Vertretern klassischer Medien wie Giovanni di Lorenzo (Platz 2).

Welke gucken wird Pflicht

Im politischen Berlin ist vor allem die „heute-show“ ein Muss. Die Politiker fürchten, von Oliver Welke und seinen Leuten verhöhnt zu werden – und atmen auf, wenn sie halbwegs cool rüberkommen.

Wer die Sendung am Freitagabend nicht gesehen und es übers Wochenende versäumt hat, sie in der ZDF-Mediathek abzurufen, kann am Montag nicht mitreden. Doch die Haltung vieler Bundestagsabgeordneter zu der Sendung ist gespalten. Einerseits schauen sie Welke mit Vergnügen dabei zu, wie er dem politischen Gegner eins mitgibt. Andererseits fürchten viele, dass Formate wie die „heute-show“ unterm Strich zur Verächtlichmachung der gesamten Politik beitragen – und damit jene Anti-Establishment-Stimmung nähren, die den Populisten hilft. Öffentlich mag das kaum jemand zugeben. Zu groß ist die Sorge, als humorlos zu gelten, oder, schlimmer noch, als Kritiker der Pressefreiheit.

„Ich biete Herrn Welke ein einwöchiges Praktikum bei mir an“, sagt Konstantin von Notz, Vizevorsitzender der Grünen im Bundestag. „Er kann ja mal mitlaufen und sich ein realistisches Bild von der Arbeit eines Politikers machen.“ Natürlich schaut auch von Notz die „heute- show“. Und er kann über sie lachen, auch über den Beitrag vom Grünen-Parteitag. Trotzdem plagen ihn Sorgen: „Unsere Gesellschaft hat den Raum verloren, in dem gesellschaftspolitischer Konsens geschaffen wird“, sagt er. „Früher hat die ,Tagesschau’ diese Funktion erfüllt, doch in unseren postfaktischen Zeiten sind die gemeinsamen Nenner weggebrochen.“

Was darf Satire, was nicht?

Macht die Satire am Ende alles noch schlimmer? Treibt sie, gar unter Hohngelächter, die schwer zu integrierenden Gruppen der Gesellschaft noch weiter auseinander als bisher?

Für Kurt Tucholsky war anno 1919 noch alles klar: Satire darf „alles“. Heute dagegen wiegen viele bedächtig die Köpfe: Darf Satire auch religiöse Bekenntnisse lächerlich machen, wie es sich „Charlie Hebdo“ im Fall der Islamisten erlaubte? Darf sie,wie Böhmermann, auswärtige Staatschefs beleidigen?

Immer mehr Satiriker sehen gewisse Risiken. Muslimfeindliche Satire könne den Falschen in die Hände spielen, meint etwa der deutsch-türkische Kabarettist Serdar Somuncu, der gerade eine DVD seines Soloprogramms „H2 Universe – Die Machtergreifung“ veröffentlicht. „Sollen wir noch Öl ins Feuer gießen?“, fragt er. „Das wäre Provokation um der Provokation willen, das ist nicht mein Verständnis von Satire.“

Die Comedians wünschen sich ein vorurteilsfreieres, besser informiertes Publikum. Dietmar Wischmeyer, in Niedersachsen als „Günther, der Treckerfahrer“ bekannt und derzeit mit seinem Programm „Die Arschkrampen“ in Brandenburg unterwegs, sagt: „Wenn satirische Formate der Erstinformation dienen, ängstigt mich das eher.“

Kritischer Blick auf die Masse

Michael Haller, emeritierter Journalistikprofessor der Universität Leipzig, sieht den Siegeszug der Satire ebenfalls skeptisch. Allzu viele Menschen suchten nur Polit-Satire, die sich mit ihren eigenen Vorurteilen deckt. Ergebnis: Ein Widerhall des Vorsortierten in wachsenden digitalen Echokammern.

Intelligente Satire indessen knöpft sich neben „denen da oben“ auch den kleinen Mann vor und die Ressentiments der Masse. Der Karikaturist Gerhard Mester etwa bricht die Parole „Wir sind das Volk“ konsequent herunter auf den Einzelnen – und lässt verdrossene Bürger mit dem Schild „Ich bin das Volk“ herumstapfen. Und im neuen „Eulenspiegel“ stört eine schrille Hassparole den adventlichen Frieden. „Ich war immer artig“, beteuert ein kleiner Junge, der sich erwartungsvoll dem Nikolaus nähert. Doch der Mann mit der roten Mütze und dem weißen Bart schnauzt ihn an: „Lügenfresse!“

Von Nina May und Marina Kormbaki

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