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Kultur Schnittlauch-Party für Wolf Wondratschek
Nachrichten Kultur Schnittlauch-Party für Wolf Wondratschek
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01:15 03.09.2018
Mag eigentlich keine „ Menschen in Gruppen“: Wolf Wondratschek lässt sich vom Literaturbetrieb im Literaturhaus Fasanenstraße feiern. Quelle: Nadine Staedtner
Berlin

„Eigentlich ist er unerträglich!“ stand als Motto auf der Einladungskarte. Der Ullstein-Verlag, der für elf Jahre die Rechte am Gesamtwerk von Wolf Wondratschek erworben hat, lud am Donnerstagabend exklusiv ins vornehme Literaturhaus Berlin ein, um „Ein Fest für Wolf Wondratschek“ zu feiern.

Der Schriftsteller, der gerade 75 geworden ist, galt im Westdeutschland der 70er und 80er Jahren als Kultautor. Er trieb sich demonstrativ jenseits des Literaturbetriebs im Rotlichtmilieu herum, pflegte Umgang mit Boxern und Huren, Trinkern und Rockern. Einzelne Gedichtbände von ihm verkauften sich 300 000 Mal. Und das, obwohl sie lange in keiner Buchhandlung auslagen, sondern nur über den Direktversand Zweitausendeins zu beziehen waren. Ullstein ediert nun Wondratscheks gesammelte Verse in einer schmucken 13-bändigen Kassette.

2015 fand Wondratschek keinen Verlag, der für seinen Roman „Selbstbildnis mit Ratte“ ein anständiges Honorar hinlegen wollte. Der apolitische Barde der 68er Generation verkaufte das Manuskript kurzerhand für 40 000 Euro an einen Mäzen, der sich nun glücklich schätzen kann, als einziger den Text zu kennen. Wondratscheks neuste Prosa, „Selbstbild mit russischem Klavier“, kam gerade bei Ullstein heraus und wurde in dieser Woche in den Feuilletons der großen deutschen Tageszeitungen freudig begrüßt. Es hat sich herumgesprochen, dass der Lebemann längst nicht mehr nur den Rabauken raushängt, sondern im Kern ein Feingeist ist, der selbst Cello spielt und klassische Musik dem Rock ’n’ Roll vorzieht.

Ullstein-Verleger Gunnar Cynybulk ging mit seiner Veranstaltung ein hohes Risiko ein. Wondratschek sagt Sätze wie „Ich kann Menschen in Gruppen kaum noch ertragen“ oder „Ich kann Blabla nicht ertragen, ich stehe auf, wenn es mir nicht mehr gefällt, wenn es mich langweilt.“ In seiner Eingangsrede zeigte sich der Verleger erleichtert, dass Wondratschek, der heute in Wien lebt, überhaupt zur Feier erschienen ist. Und regte an, einmal darüber nachzudenken, was es bedeutet, dass Wondratschek 1943 in Rudolstadt geboren wurde. In der Tat gibt es einige wichtige Schriftsteller der alten Bundesrepublik, denen ihre Geburtsorte fremd geblieben sind, angefangen von Botho Strauss (1944 in Naumburg) bis hin zu Birgit Vanderbeke (1956 in Dahme/Mark). Wondratschek beruft sich am liebsten auf böhmischen Vorfahren, wohl auch, um sich als Bohemien zu rechtfertigen.

Statt Blumendeko und einem üppigen Buffet, das viele Gäste erwartet hatten, gab es nur Schnittlauch in Blumentöpfen. Daneben lagen Nagelscheren und die Gäste sollten sich ihre Butterbrote selber belegen. Das Fest nahm nicht den geplanten Lauf. Nach der vorstellenden Lobpreisung des Autors machte der Verleger die Gäste mit der Liturgie des Abend bekannt, die in einer vierspaltigen Excel-Tabelle festgehalten war. Planmäßig sprang eine junge Schauspielerin auf und las im harten Brecht-Ton ein Wondratschek-Gedicht, das mit dem rhetorischen Wort „Erstens …“ begann. Der Meister fuhr er dazwischen: „Nein, das ist nicht mein Gedicht. So wie Sie das gelesen haben“, beschwerte er sich. Vergeblich versuchte Cynybulk ihn zu besänftigen. „Muss ein Autor nicht mit anderen Lesarten leben, wenn er publiziert?“ Nein! Wondratschek bleib entschieden, und es sei „notwendig, diese junge Schauspielerin früh an Kritik zu gewöhnen“.

Wondratschek bestand nun darauf, seine Lesung aus dem neuen Roman vorzuziehen. „Das ist ein Fest für mich. Ich will Rotwein trinken, und wenn ich getrunken habe, kann ich nicht mehr lesen.“ Und rechtfertigte sich mit einer effektvoll erzählten Anekdote, die von den beiden russischen Schriftstellern Afanasjew und Solschenizyn handelt. Erster soll über letzteren sinngemäß gesagt haben, mit Leuten, die nicht trinken und nicht rauchen, könne man sich eigentlich gar nicht unterhalten.

Und dann las Wondratschek trotzig, aber ruhig und mit sonorer Stimme nur das zweite Kapitel des neuen Buches, was auch anders verabredet war. Vergeblich versuchte nun der Verleger, das Festpublikum in eine kleine Pause zu schicken. Doch die Journalistin Julia Encke bestand auf das Wort und sprach Wondratschek ihre Hochachtung aus, weil er immer so konsequent sei. Was der FAZ-Redakteurin in diesem Fall aber nicht zum Vorteil gereichte, denn Wondratscheks Bedingung, dem Abdruck einer langen Geschichte in der FAZ nur zuzustimmen, wenn keine Werbung und kein Foto auf der Seite steht, konnte sie in ihrem Kollegenkreis nicht durchsetzen.

Von Karim Saab

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