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20:24 15.03.2018
Bernd Geiling (l.) spielt den Stefan Riedl, der bei der Feier seines 80. Geburtstages für seine Familie eine handfeste Überraschung bereithält. Marie Fischer, Marianna Linden und Meike Finck (v.l.) sind geschockt. Quelle: HOT/HL BOEHME
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Potsdam

Es ist dies eine ziemlich eigenwillige Konstellation: Christoph Nußbaumeders Stück „Das Wasser im Meer“ hat zwar neun tragende Rollen, den Hauptpart aber hat eine nicht mehr ganz junge Katze. Sie ist die eigentliche Lebensgefährtin des Stefan Riedl, der vor seinem 80. Geburtstag steht. Die Frau ist tot, Kinder und Enkel sind weit weg. Klar, zum Jubiläum rücken sie alle an, wenn auch widerwillig.

Auf der Feier hat Riedl eine Überraschung parat, die alle schockt. Er möchte, so verkündet er, nicht in seinem Wohnort im Münsterland begraben werden, sondern in seiner alten Heimat. Riedl gehört zum Millionenheer derer, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zu Flüchtlingen wurden, im Westen Deutschlands als Vertriebene, im Osten als Umsiedler bezeichnet. Aus ihm bricht alles heraus, was sich in den letzten 70 Jahren angestaut hat: Dass er für die Ortsansässigen doch immer der Zugezogene geblieben ist, dass er trotz Karriere nie ganz heimisch wurde in der neuen Umgebung. Und dass nun im Alter die Sehnsucht nach den Wurzeln, nach den Orten seiner Kindertage, die heute in Tschechien liegen, die Oberhand gewonnen hat.

Zur Person: Christoph Nußbaumeder

Christoph Nußbaumeder wurde 1978 in Niederbayen geboren, seit 1999 lebt er in Berlin. Er studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Geschichte. Seit 2005 schreibt er Theaterstücke, die unter anderem bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen und an der Berliner Schaubühne uraufgeführt wurden.

„Das Wasser im Meer“ war eine Auftragsarbeit des Landestheaters Linz (Österreich). Für deutsche Bühnen hat der Autor eine Neufassung vorgelegt, die in Potsdam erstaufgeführt wurde.

Nächste Vorstellungen am 13. und 22. Oktober im Neuen Theater, Schiffbauergasse. Karten unter Tel. 0331/98118.

Dabei verknüpft Riedl sein Vorhaben auch noch mit einer Bedingung an die Seinen: Er will zu Fuß zurückgehen, so wie er einst vertrieben wurde, und nur der wird nach seinem Tod beim Erbe bedacht, der ihn auf diesem Weg begleitet. Derweil die Familie über dieses Ansinnen diskutiert, verschwindet erst die Katze und nach und nach kommen immer mehr Fragen auf den Tisch, die das Familienklima belasten.

Was da alles offengelegt wird, mag auf den ersten Blick in seiner geballten Ladung etwas Klischeehaftes haben, aber dem Autor gelingt es doch, dieses Panorama deutscher Familienabgründe schlüssig aus seinen Figuren abzuleiten und spannend zu erzählen. Regisseur Stefan Otteni wiederum ist es zu danken, dass die deutsche Erstaufführung des Stücks derart lebensprall über die Bühne geht, dass man sich ihrem Sog nicht entziehen kann.

Was die behandelten aktuellen Themenkreise anlangt, ist kaum etwas ausgelassen. Es gibt die linke Gesellschaftskritik und den jungen Rechten, es gibt Anklänge an den Holocaust und die Schuld der Nazi-Großväter, es gibt die Gastarbeiterproblematik und den Ossi, der im Westen um seinen Platz kämpft. Vor allem aber wird das Vertriebenenschicksal vom Ende des Zweiten Weltkrieges mit der derzeitigen Flüchtlingsfrage gespiegelt – auf der Bühne ein drehbarer Metallkasten, der eine Ahnung von Lager, Turnhalle, Massenunterkunft gibt, mit Projektionen mal von böhmischen Traumlandschaften, dann wieder Szenen aus heutigen Flüchtlingsunterkünften. Auf raffinierte Art schafft es das Stück, das Private mit den großen politischen Fragen zu verknüpfen.

Was die Schauspieler angeht, ist zuerst Bernd Geiling zu nennen, der Patriarch, der doch nur das Beste für die Seinen wollte, und der, wie sich nun herausstellt, dabei auch vor unlauteren Mitteln nicht zurückschreckte. Geiling zeigt die Kraft dieses Mannes, aber auch das Zerrissene, das Verletzte, das Verletzliche, dazu seine Hoffnung, mit dem letzten Schritt doch noch alles richtig zu machen. Als seine Töchter Meike Finck, Marianna Linden und Katrin Hauptmann. Deren Anna, eine Meeresbiologin, ist es, die jenen Satz sagt, der den Stücktitel abgibt: „Wir sind wie das Wasser im Meer, treiben ruhelos umher.“ Getriebene sind auch die Partner der Frauen Florian Schmidtke und René Schwittay, als Enkelgeneration Marie Fischer und Jonas Götze. Wenn die Sprachlosigkeit der Beteiligten angesichts all des Offengelegten kaum noch überwindbar scheint, ist es Roland Kuchenbuch als Riedls Jugendfreund, der auf charmant-liebenswerte Art die Situation rettet.

Am Ende haben weder Riedl noch die alte Katze eine Zukunft. Aber für die Jungen war der Strudel, in den sie gerieten, durchaus heilsam, sie überdenken ihr Leben neu. Mit „Das Wasser im Meer“ ist dem Team um Intendant Tobias Wellemeyer ein bemerkenswerter Auftakt seiner letzten Spielzeit am Potsdamer Theater gelungen.

Von Frank Starke

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