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Der wundersame Wortverdreher Martin Luther

Ausstellung im Kleist-Museum Der wundersame Wortverdreher Martin Luther

Martin Luther war ein Wortakrobat – und als solcher hat er die Sprache bis heute beeinflusst. Das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder hat im Reformationsjahr – 500 Jahre nach Luthers Thesenschlag – eine Ausstellung initiiert, die zwischen dem Reformator und Kleist eine Brücke schlägt. Wir waren vor Ort und haben geprüft, ob das funktionieren kann.

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Wort- und Satzfetzen von Martin Luther und Heinrich von Kleist.

Quelle: dpa-Zentralbild

Frankfurt (Oder). Als Martin Luther 1521 in seiner Studierstube auf der thüringischen Wartburg an seiner Bibelübersetzung tüftelte, bedeutete fromm nichts anderes als nützlich. Was billig war, war rechtens und der Kopf galt als Behälter, aus dem die Menschen Wein tranken. Ein Trinkbecher, kein Körperteil. Wenn man einem Ritter mit dem Schwert eins auf den Helm gab, klang es, als würde man den Löffel gegen einen Zinkbecher schlagen. Auf diese Weise setzte sich im späten Mittelalter noch eine zweite Bedeutung durch, nämlich die des Körperteils. Denn bis dahin war „Haupt“ die alleinige Bezeichnung für das, was wir heute „Kopf“ nennen. Und wir würden dieses Wort vielleicht gar nicht mehr kennen, hätte der berühmte Theologe es nicht in der Bibel verwendet. Auch die religiöse Bedeutung von „fromm“ hatte sich erst Luther erdacht.

Es sind Geschichten wie diese, die Besucher des Kleist-Museums in Frankfurt (Oder) in einer neuen Ausstellung erfahren können. Es geht um Martin Luthers Einfluss auf eine einheitliche deutsche Schriftsprache und darum, wie er das Werk des in Frankfurt geborenen Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777-1811) prägte. Klar wird auch: Luther beeinflusst die Sprache bis heute. „Glaube. Liebe. Sprache. Das Lutherjahr im Kleistmuseum“ lautet der Titel der Ausstellung, die den Nachsatz trägt: „Worte, Worte, nichts als Worte / Wortgeschichten von Luther und Kleist.“

Die Sprache Luthers verbreitete sich durch die Bibel überall

„Sprache ist nicht beständig. Worte wandern“, sagt die Kuratorin Barbara Gribnitz: „In diesem Jahrhundert zwischen Luther und Kleist erzählen die Worte besonders spannende Geschichten.“ Die Ausstellung umfasst zwei große Räume, der erste war kurz vor der Eröffnung noch leer. Darin werden auf einer langen Tafel Pergamentrollen ausliegen, in denen die Besucher die Historie einzelner Begriffe verfolgen können. „Wortkarrieren“ – so haben die Macher sie genannt.

Luthers Worte in gelb, Kleists in grün

Luthers Worte in gelb, Kleists in grün.

Quelle: dpa-Zentralbild

Es ist die Zeit, die aus dem Frühneuhochdeutschen, in der es zahlreiche lokale und regionale Dialekte gab, ins Neuhochdeutsche mit einer einheitlichen Schriftsprache führte. „Konfession war ein ganz großer Impuls, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Die Bibel war der deutsche Standard“, sagt Gribnitz. Beinahe jeder kannte das Werk, die Sprache Luthers verbreitete sich bis in jeden Winkel.

Luther, der Wortakrobat der tagelang über Sprache sinnierte

Im zweiten Raum quetschen sich die Besucher an raumhohen, dickbäuchigen Ballons vorbei, auf denen Sätze aus Luthers Bibelübersetzung solchen aus Kleists Novelle vom rachsüchtigen Junker „Michael Kohlhaas“ gegenüberstehen. Es sind Wortfetzen, die einem begegnen. Luthers Worte in gelb, Kleists in grün. Man muss sie ein paar Mal umrunden, bevor das Geschriebene einen Sinn ergibt. „Es begab sich“, hat Luther einst rund 90 mal in seiner Bibel geschrieben und die Bedeutung des Verbes erweitert. „Bis dahin benutzte man es nur im Sinne von, sich irgendwo hinbegeben“, so die Kuratorin. „Nun begab es sich“, schreibt auch Kleist.

Luther war ein Wortakrobat, der zuweilen tagelang über einen Begriff sinnierte. Treffend sollte die Sprache seine Bibelübersetzung sein. Leicht zu verstehen. Einem breiten Publikum zugänglich. „Auch Kleist war ein Spracharbeiter, einer der um Worte rang“, sagt Gribnitz.

Museum möchte etwas zum Lutherjahr beitragen

Trotz solcher offensichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Theologen und dem Dramatiker, wirkt der Bezug zu Heinrich von Kleist etwas konstruiert. Wir hätten es einfach schade gefunden, wenn wir nichts zum Lutherjahr beigetragen hätten“, verrät Gribnitz.

Dennoch bietet die Ausstellung eine Möglichkeit, über Sprache nachzudenken. Darüber wie sich Worte durch politische und gesellschaftliche Umwälzungen verändern und manchmal auch wieder verschwinden. „Reisige“ ist ein solcher Begriff, der es gerade einmal 600 Jahre in den deutschen Wortschatz geschafft hat. Er stammt vom Reisen ab und steht für einen, der in den Krieg aufbricht. „Sprachwandel hört niemals auf“, sagt Gribnitz und erinnert an Worte wie Flüchtlinge und Geflüchtete, an Studenten – „ein Wort, das man gar nicht mehr benutzt“ – und Studierende. „Wortbedeutungen verändern sich unglaublich schnell. Das dauert fünf bis sechs Jahre“, sagt die Kuratorin.

Von Marion Schulz

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