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Deutsche Ordnung beim Autowaschen, auch in Krieg und Fußball

Konferenz Deutsche Ordnung beim Autowaschen, auch in Krieg und Fußball

Die Potsdamer Konferenz „Das Jahrhundertspiel – Fußball und gesellschaftliche Ordnung im 20. Jahrhundert“ schaut auch auf die Nationalklischees im Sport. Die Franzosen spielen „Champagnerfußball“, die Brasilianer „Sambafußball“? Rolf Parr hat es sich genau angeguckt – er kommt aus einer Stadt, die sportlich sehr zu leiden hatte.

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Plakat, mit dem die Fußballkonferenz in Potsdam für sich wirbt.

Quelle: Archiv, Lars Grote

Potsdam. Rolf Parr hat in Dortmund an der Universität gelehrt, als das Stadion der Stadt noch „Rote Erde“ hieß und keine Rede war vom großen Menschenfischer Jürgen Klopp – „ich konnte in meinem Büro hören, wenn ein Tor gefallen ist“, sagt er. Der Weg hat den Professor für Germanistik, einen ausgewiesenen Fachmann für Literatur und Medienpraxis, längst an die Hochschule in Essen geführt.

Essen ist, fußballerisch gesehen, ein tragisches Pflaster. Der Verein Rot-Weiß war 1955 Deutscher Meister, nun spielt er, nach Jahren der Insolvenz und aktueller Dopingfälle, in der vierten Liga. Doch das Image der Vereine aus dem Ruhrgebiet ist allgemein noch immer blendend: Treue Fans, große Tradition, ehrlicher Fußball. Diese Klischees werden Parr, 58 Jahre alt, im Zweifel noch mehr interessieren als die Tabelle. Denn sein Forschungsgebiet, über das er am Donnerstag auf der Potsdamer Konferenz „Das Jahrhundertspiel“ des Zentrums für Zeithistorische Forschung referierte, heißt „Nationalstereotype im europäischen Fußball“. Rolf Parr hat die Zeitungen nach stetig wiederkehrenden Klischees durchforstet. Der Fußball in Deutschlands tiefem Westen kommt dort, und sei es aus Nostalgie, glänzend weg.

Parr hat sich vor allem auf die internationale Entwicklung konzentriert, er untersuchte die Welt- und Europameisterschaften seit dem Jahr 2000. Um mit dem Ende zu beginnen: „Von der WM 2014 war ich trotz des deutschen Titels fast enttäuscht – denn als Wissenschaftler gab es für mich wenig zu ernten, die Länder spielten losgelöst von den Klischees, Zeitungen sprachen aufgeschlossen über die Nationen, nicht mehr im Raster alter, festgefahrener Vorurteile.“

Was waren das um die Jahrtausendwende noch für lustige, scheinbar unwiderlegbare Muster, Parr referiert sie mit einem Lächeln: „Der Deutsche ist ordentlich, der Österreicher schlampig, der Engländer skurril. Das galt nicht nur charakterlich, sondern auch auf dem Fußballfeld.“ Die Ordnung der Deutschen sei legendär, sagt Parr, „das gilt für das gewaschene Samstagsauto und den Krieg. Und halt auch dann, wenn er spielt.“

„Solche Zuschreibungen sind nicht immer der Realität abgeschaut, sie können reiner Einbildungskraft entstammen – die Klischees speisen sich meist genau aus der Schnittmenge dieser beiden Sphären. Was Parr sagen will, ist: Kein Klischee entsteht vollkommen grundlos, doch es scheint schwer möglich, es je zu überwinden und abzuwerfen.

In den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts wurde mit Vorurteilen jongliert, die eine lange Tradition aufweisen, hat Rolf Parr beobachtet. So legendär wie gleichermaßen abgeschmackt klangen die Zuschreibungen des „Champagnerfußballballs“ für Frankreich und der „Sambafußball“ für Brasilien. „Doch es gibt jeweils zwei Seiten einer Stereotype, die positive und die negative, zwischen denen sich die Presse eine aussucht: Die Niederländer spielen elegant oder zeigen Nerven, die USA treten auf wie Weltmeister oder Hausmeister, die Engländer behalten im Spiel die Kontrolle oder geben sich spielerisch minimalistisch.“ Beide Deutungen entspringen letztlich der Wurzel desselben Klischees.

Rolf Parrs Sympathien gelten Borussia Dortmund, doch er fürchtet, dass Bayern Meister wird. Warum? „Der Bayerndusel“, sagt er lächelnd, wenn er weitere Vorurteile bemüht. Als Wissenschaftler glaubt er schlicht: „München hat die bessere Ersatzbank.“

Von Lars Grote

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