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16:05 04.02.2018
Die Faszination des Gilgamesch-Epos, das sich aus vielen einzelnen Erzählungen speist, währt seit über tausend Jahren. Jetzt hat sich der Comiczeichner Jens Harder des historischen Stoffes angenommen. Quelle: Jens Harder
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Hannover

Herrlich sein Name. Prächtig seine Gestalt. Zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch. Heldenhafter Abkömmling Uruks. Wer so vorgestellt wird, muss ein toller Typ sein, allerdings scheint es der tolle Typ etwas zu toll zu treiben mit der eigenen Macht und den fremden Mädels, denn die Götter zaubern ihm mit dem Wilden Enkidu bald ein Korrektiv an die Seite. Doch wie es bei Mannsbildern mit gehörig Testosteronüberschuss so ist: Erst prügeln sie sich, dann befreunden sie sich, und später bringen sie sich gemeinsam auf dumme Gedanken, um endlich ihrem Trieb nach wilden Abenteuern folgen zu können.

Klingt nach dem letzten Actionthriller? Ist aber das älteste überlieferte Heldenepos der Weltgeschichte, das von den Taten des sumerischen Königs Gilgamesch und seines Freundes Enkidu auf zwölf Tontafeln in Keilschrift berichtet. Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. soll Gilgamesch gelebt haben, um 1700 v. Chr. ist wohl eine von mehreren Fassungen der anfangs elf Tafeln mit rund 3600 Versen entstanden. Was davon Realität ist und was Fiktion, ist schwer einzuschätzen. Der Faszination dieses literarischen Epos, das sich aus vielen einzelnen Erzählungen speist, tut das keinen Abbruch, und so hat sich der Comiczeichner Jens Harder des historischen Stoffes bemächtigt, mit dem er bereits 1997 während seines Kommunikationsdesign-Studiums das erste Mal konfrontiert war.

Der Berliner Grafiker und Altertumsforscher Jens Harder. Quelle: anjazwei.de

Harders Begeisterung für große Themen in großen Projekten hat ihm bislang einiges Renommee eingebracht. Seine Comic-Trilogie der Evolutionsgeschichte startete 2009 mit dem mehr als 300 Seiten dicken Band “Alpha“, an dem er fünf Jahre arbeitete. Der erste Teil des zweiten Bandes “Beta“ ist 2014 erschienen, der zweite Teil ist für 2020 angekündigt. Wann mit “Gamma“ der Abschluss erfolgt, steht noch in den Sternen. Dafür schiebt er nun “Gilgamesch“ ein, gut drei Jahre hat er damit zugebracht, recherchiert und gezeichnet. Nach seinen Maßstäben eine Veröffentlichung fast nebenbei, die dennoch, keine Überraschung, alle hohen Standards hält.

Seine grafische Erzählung adaptiert den historischen Mythos mit größtem Respekt in seiner inhaltlichen und stilistischen Umsetzung. Harder will nah an den Quellen bleiben. Er weiß aber auch, dass textliche Lücken oder Widersprüche manchmal eine sanfte Intervention erfordern. Dazu kommt, dass die Darstellung allein in einem der damaligen Zeit entlehnten reliefähnlichen, ornamentalen Stil, der die Personen nur seitlich oder frontal zeigt, aus heutiger Sicht zu wenig Dynamik und Lebendigkeit vermittelt.

In der Chronologie der Tontafeln arbeitet er sich durch die göttliche Abenteuergeschichte von Gilgamesch und seinem aus Lehm erschaffenen Kumpel Enkidu, die von Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Menschlichkeit und Endlichkeit als Suche nach sich selbst erzählt.

Szene aus dem Gilgamesch-­Comic: Gilgamesch (links) und Enkidu sind wahre Freunde. Quelle: Jens Harder

Der 1970 geborene Berliner Grafiker und Illustrator zeigt die beiden Helden als bärtige Muskelprotze, der eine weiß, der andere schwarz, zwei Gestalten einer Existenz. Für ihn symbolisiert Gilgamesch die Stadt und die Kultur, die Macht und das Alte, Enkidu das Land und die Natur, die Machtlosigkeit und das Neue. Doch Gegensätze ziehen sich an, wofür sinnbildlich ein Motiv steht mit Gilgamesch und Enkidu zusammengerollt in einem Berg. Dabei bildet jeder Körper einen Halbkreis, beide Körper zusammen einen Kreis. Fuß an Kopf, Kopf an Fuß – wie beim Yin-Yang-Symbol.

Solche präzisen Bilder erschafft Harder immer wieder, ob bei der symbolhaften Darstellung der Dialektik von Mensch und Tier, Gott und Mensch oder Leben und Tod. Wie schon in seinen bisherigen Arbeiten finden sich Bildzitate aus dem reichen Fundus der kunst- und kultursinnigen Menschheit: In der Sintflut-Story von Tafel XI, später im Alten Testament aufgegriffen, verweist eine besonders imposante Sturmwelle auf Katsushika Hokusais Farbholzschnitt “Die große Welle vor Kanagawa“ – eines der berühmtesten grafischen Werke überhaupt.

Sonst profitiert der in Tonfarben kolorierte Comic “Gilgamesch“ vom gekonnten Umgang mit Kontrasten und Konturen. Der Text ist an den unteren Rand verbannt und lässt den Panels genügend Raum und Freiheit, ihre wie gemeißelte Retro-Relief-Optik zu entfalten. Reduktion und Dekor finden eindrucksvoll zusammen. Am Anfang ist im Comic die Erde, aus der nach und nach Leben gedeiht. Am Ende lösen sich Gilgamesch, der fünfte König von Uruk, einer der größten Städte seinerzeit, und Enkidu, der erste Wilde von Götter Gnaden, nach und nach auf und werden zu der Erde, die sie eingangs hervorbrachte. Der Kreislauf des Lebens. Ein Kapitel schließt sich, ein neues wird aufgeschlagen. Der Comickünstler als Evolutions- und Altertumsforscher: Jens Harder hat auch dieses Werk mit Bravur vollbracht.

Jens Harder: Gilgamesch, 144 Seiten, Carlsen Verlag 2017, 24,99 Euro.

Von Oliver Seifert

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