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Kultur Die Äpfel im Garten der Nachbarin
Nachrichten Kultur Die Äpfel im Garten der Nachbarin
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21:48 25.09.2017
Barbara Kenneweg Quelle: Ullstein Verlag
Berlin

In den sauren Apfel der Erkenntnis beißt die Erzählerin schon in der ersten Szene. Da ist ein Kater und da ist eine Meise mit runden Äuglein. Zwei liebe Tiere, ein Idyll also. Von wegen! Der Kater hat die Meise im Maul und will sie gerade fressen. Die Ich-Erzählerin des neuen Romans der Berlinerin Barbara Kenneweg befreit den Vogel und lässt den Kater „enttäuscht“ zurück. Doch sofort kommen ihr „allergrößte Zweifel“ angesichts ihrer Rettungstat. „Wähne mich naturnah und halte das Fressen und Gefressenwerden nicht aus“, sagt sie. „Ich bin eine verhinderte Umstürzlerin, weil ich kein Blut sehen kann“. Anders ausgedrückt: In „Haus für eine Person“ trifft die Utopie auf die Wirklichkeit, scheitert an ihr, wächst am Scheitern und scheitert wieder. Und so geht es munter dialektisch weiter, 222 traurige, schöne, fein beobachtende und oft genug schreiend komische Seiten lang.

Ein negativer Bildungsroman, ein Schelminnenroman der Post-68er Generation. Nicht umsonst spielt Kenneweg beim Namen ihrer Heldin auf eine Person der jüngeren deutschen Geschichte an. Rosa Lux, die Hellsichtige, Hellfühlende wurde von ihren 68er Eltern bewusst in Anspielung auf die sozialistische Theoretikerin Rosa Luxemburg so genannt. Dabei liegt Rosa nichts ferner, als den Menschen den Weg in die Freiheit zu weisen. „Lux“ steht bei ihr eher für zu viel Licht der Erkenntnis. Darum geht es: Was geschieht mit den Menschen, was mit der Gesellschaft, wenn die Aufklärung an ihr Ende gekommen ist und die Welt als das trostlose Jammertal erscheint, das sie ist?

Das Schicksal ihrer eigenen Generation ist ihr bewusst.

Nichts, lautet die erste, die oberflächliche Antwort. Nichts mehr tut Rosa Lux nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter. Sie kündigt die Beziehung zu ihrem Freund Olaf, kündigt ihren Job als Rundfunkmoderatorin und verbunkert sich in einem alten, schnell gekauftem Bungalow in einem von Gott und Stadtplanung vergessenem, nur noch von alten Leuten bewohntem Bezirk im Osten Berlins. Eine Erbschaft erlaubt ihr das Nichtstun und das Nachdenken. Rosa, Anfang Dreißig, macht sich keine Illusionen über den Gang der Welt, nicht darüber, dass der vermeintlich revolutionäre Impetus ihrer Eltern eher Mode und verkappter Egoismus, denn ernst gemeinter Aufstand war, und auch nicht darüber, dass der Spätkapitalismus die jüngste Form des Fressens- und Gefressenwerdens ist, manifestiert im trostlosen „Zenter“, einer Shoppingmall, in welcher alptraumhafte Muttis mit gefärbtem Haaren synthetisches Eis schlabbern. „Wenn die Straße, in der ich wohne, eine Kampfzone ist, dann ist das Zenter verbrannte Erde“. Dort gibt es nur „Ödnis“ und den „Kleinkrieg der Verlierer“, denkt Rosa Lux.

Auch das Schicksal ihrer eigenen Generation ist ihr bewusst. Sie sind die, die nicht gebraucht werden und sich mühsam von Job zu Job hangeln – zum Beispiel in der Medienbranche. „Der Rundfunk als Moodmanagement und die Moodmanager alle auf Pillen, um es täglich neu bringen zu können, immer den gleichen Salat.“ Das emotionale Desaster und der Seelenhaushalt einer Generation in einem Satz. Rosas Altersgenossen sind anpassungswillig, folgsam und beugen sich widerspruchslos dem Diktat der Leistungs- und Ausbeutungsansprüche. Sie selbst bekommt deswegen Psychopharmaka verschrieben. Daneben absolviert man Praktika, die obligatorischen Asientouren durch Nepal und Tibet, nutzt Apps und Facebook, geht Beziehungen ein und beendet sie wieder.

Naturbeschreibungen, die depressive Stimmungen durchbrechen

Das alles könnte leicht sauer werden – und wird es manchmal auch, etwa wenn in der S-Bahn grundsätzlich nie ein Sitzplatz angeboten wird, nicht mal einer Schwangeren, oder wenn einem die Erzählerin mit nicht mehr ganz so taufrischen Erkenntnissen traktiert. „Ich habe es verstanden“, seufzt Rosa in einem tränennassen Moment, „die einzige Möglichkeit ist die Bejahung. Abzuwägen ist nicht nur sinnlos, sondern auch zerstörerisch.“ Doch andere, tiefere Schichten des Romans öffnen immer wieder den Blick ins Weite und Wesentliche.

Da sind zum einen zarte Naturbeschreibungen, die immer wieder depressive Stimmungen durchbrechen. „Jetzt entdecke ich zwischen den Ritzen winziges Unkraut mit orangefarbenen Blüten“, denkt Rosa. „Fünf fast runde, fein gezeichnete Blättchen rahmen jeweils einen goldenen Stempel.“ Und da sind die mit leichter Hand skizzierten geschichtlichen Rück- und Ausblicke, die in zwei lapidaren Sätzen das Werden der Bundesrepublik und die Mentalität der Wohlstandsbürger zusammenfassen. „Das zweite und das dritte Reich gingen unter, Land und Gut, Zucker und Bonbons, Gemälde und Familiensilber gingen verloren, Identitäten wurden umgewälzt. Mein Großvater erfror 1942 vor Stalingrad. Allein die Aktien haben den Weltkrieg überdauert, wundersamerweise haben sie sogar zugelegt, trotz des Krieges.“ Kennewegs größte Stärke jedoch sind die moralischen Ambivalenten.

Untätig, wild, chronisch passiv, tatkräftig

Die uralte Nachbarin Frau Paul, scheinbar glücklich-naiv, hat ohne Klage „fünf Kinder in drei politischen Systemen“ großgezogen – und wäre doch in einem schlimmen Moment bereit gewesen, ihr Neugeborenes zu töten. Der stramme Nachbar Herr Scholl, ein der Erzählerin unsympathischer Preuße und einstiger Hitlerjunge, zeichnet sich alsbald durch Hilfsbereitschaft und eine geradezu rührende Sohnesliebe aus. Nicht zuletzt widerlegt die notorisch unzuverlässige Heldin und Erzählerin sich ständig selbst. Sie macht nichts, entschließt sich dann aber wild, sie ist chronisch passiv und doch oft tatkräftig.

„Haus für eine Person“ ist Romantik im ursprünglichen Sinn: Wie im frühen 19. Jahrhundert versucht hier eine harmoniebedürftige Heldin die Vielfalt ihrer Eindrücke zu systematisieren, nur um zu sehen, dass es haltbare Systeme nicht gibt. Das ist ironisch, im Duktus sachlich, zuweilen humorvoll und manchmal einfach nur witzig, etwa wenn die Heldin siKontakte zu russischen Einrichtungen kennenKontakte zu russischen Einrichtungen kennench in schwarzen Pulli und Leggins quetscht und sich im Spiegel als „Grufti-Weihnachtskugel mit japanischen Essstäbchen“ erkennt. Trost, gar eine rosa Sicht auf die Welt hat das Buch nicht zu bieten, auch keine Lösung, allenfalls Provisorien. Dafür gibt es aber geballte Erkenntnis, radikale Aufrichtigkeit und nicht zuletzt verdammt viel Spannung, obwohl äußerlich nicht viel mehr passiert, als dass eine junge Frau grübelt, sich sonnt, den Kater füttert und es einfach nicht auf die Reihe kriegt, die reifen Äpfel im verwaisten Garten der Nachbarin zu pflücken.

Barbara Kenneweg: Haus für eine Person. Ullstein, 224 Seiten, 18 Euro.

Von Rüdiger Braun

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