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Kultur Deutsche und Russen im Gropius-Bau
Nachrichten Kultur Deutsche und Russen im Gropius-Bau
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14:33 29.10.2015
In der Ausstellung „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ zeigt eine Informationswand ein Foto von Generalfeldmarschall Keitel bei der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst im Mai 1945. Quelle: Foto: dpa
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Berlin

Vor zwei, drei Jahren schien zwischen Deutschland und Russland noch fast alles im Lot zu sein. Zeitungsbilder zeigten Putin und Merkel einander repräsentativ tätschelnd. Gemeinsames Probesitzen im Sportwagen bei einem Messebesuch, vertrauliche Gespräche im Flüsterton auf der Terrasse des Kanzleramtes und vor den goldenen Türen im Kreml. Gipfeltreffen hießen noch „G8“ und nicht „G7“. Ärger gab’s zwar genug – Menschenrechte, Pussy Riot und so. Aber, um sich zu überwerfen, war man zu sehr der Versöhnung verpflichtet – und auch dem wirtschaftlichen Erfolg beider Staaten.

Wie schnell sich Geschichte wandelt, hat sich im Laufe weniger Monaten erwiesen – die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine, die Sanktionen, der russische Militäreinsatz in Syrien. Die bis zum 13. Dezember im Berliner Martin-Gropius-Bau geöffnete Ausstellung zur Annäherung von Deutschen und Russen illustriert den historischen Wandel über eine längere Zeit als ein paar Jahre. Die neun stellvertretend ausgewählten historischen Zäsuren, von der Kapitulation der Wehrmacht am 8./9. Mai 1945 bis zur Rede des russischen Schriftstellers Daniil Granin am 27. Januar 2014 im Bundestag, markieren eher die Aufs als die Abs. Das Staatsarchiv der Russischen Föderation hat sich als Kooperationspartner beteiligt, das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst konzipierte die Ausstellung. Dem Titel „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ müsste eigentlich noch ein „… und wieder zurück“ angefügt werden.

Die Vorbereitungen zu der Ausstellung stehen selbst als bester Beweis dafür, dass das Verhältnis zwischen den Staaten wieder ins Stocken geraten ist. Als das Deutsch-Russische Museum 2013 mit der Arbeit vertraut wurde, sei „die Welt noch in Ordnung gewesen“, sagt sein Leiter Jörg Morré, „dann haben wir angefangen – und da kam die Politik dazwischen“. Zwischenzeitlich mussten die Vorbereitungen, während des sich zuspitzenden Ukraine-Konfliktes, ganz ruhen. Das Bemerkenswerteste an der Ausstellung ist also, dass sie überhaupt realisiert wurde.

Parallel-Ausstellung in Moskau

In Berlin läuft die Ausstellung noch bis zum 13. Dezember 2015 im Martin-Gropius-Bau in der Niederkirchnerstr. 7. Mi-Mo von 10 – 19 Uhr. Dienstags ist geschlossen. Der Eintritt ist frei.


Unter dem gleichen Titel wird auch in Moskau im Staatlichen Historischen Museum ab dem 10. November 2015 eine Ausstellung zu sehen sein. Anlass für das bilaterale Projekt ist der 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs.


Das Budget für die Ausstellung in Höhe von mehr als 630.000 Euro kommt als Sonderförderung vom Staatsministerium für Kultur und Medien.

Die meisten herausgepickten Meilensteine sind obligatorisch, etwa die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und der Sowjetunion im September 1955. Interessanter ist der Verweis auf den Abschluss des Erdgas-Röhren-Geschäftes am 1. Februar 1970, den die Ausstellung ebenfalls in ihre Top 9 der historischen Zäsuren aufgenommen hat. Was so lapidar klingt, war der bis dato wichtigste Wirtschaftsvertrag zwischen deutschen Unternehmen und der Sowjetunion. Eine Art Vorläufer späterer Pipeline-Deals, den passenden Gesichtern begegnet man im letzten Ausstellungsraum: Gerhard Schröder und Wladimir Putin, die sich einen Kumpelblick zuwerfen, daneben steht „Strategische Partnerschaft“.

Vom Ausstellungsdesign markant, mit historischen Erklärungen auf Dreiecken, die wie Klingen aus der Wand ragen, ist die Präsentation inhaltlich arg staatstragend geraten. Allein der gute Wille und die Chronistenpflicht sind schlechte Berater beim Konzipieren einer Ausstellung. Im Abhaken historischer Haltestellen tangiert sie nur die Oberfläche. Die auf ein paar Zeilen abgehandelten Promi-Biografien wie Heinrich Böll, Wladimir Kaminer oder die in Sibirien als Kind russlanddeutscher Eltern geborene Helene Fischer verraten nichts über Suchen und Finden deutsch-russischer Identität. Interessanter wäre es gewesen, das Thema Spätaussiedler von denen erklären zu lassen, die es betrifft. Aus dem Leben gegriffen, statt aus dem Archivschrank gezogen. Die ausgestellten staatlichen Erlasse verraten nichts über das Leben der Menschen, nur wie es vom Staat verwaltet wurde.

Aufschlussreicher ist ein Raum am Rande der Ausstellung. Eine Video-Installation verleiht den Besuchern eine Stimme. An einem Sprecherpult können sie auf Fragen antworten, die Tonaufnahmen werden archiviert, eine Spracherkennung filtert die häufigsten Antworten heraus, bebildert sie in Diagrammen. Es geht zum Beispiel darum, ob man das deutsch-russische Verhältnis eher als Stillstand oder Weiterentwicklung begreift. Umso mehr Antworten kommen, desto ausdrucksstärker werden die Grafiken. Der interessanteste Teil der Ausstellung entsteht also erst noch.

Von Maurice Wojach

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