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Kultur Die DDR-Kritik der Modezeitschrift Sibylle
Nachrichten Kultur Die DDR-Kritik der Modezeitschrift Sibylle
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16:15 10.12.2017
DDR-Modefotografie, 1964 – das Motiv mit weißem Laken in der luftverschmutzten Chemieregion Bitterfeld sorgte eher für Unverständnis. Quelle: Erbengemeinschaft Arno Fischer/Ostkreuz
Cottbus

Wer in den 60er-Jahren nahe der Bitterfelder Industriegebiete weiße Bettlaken an die Wäscheleine hängte, war entweder Künstler oder hatte keine Ahnung. Arno Fischer, ansonsten ein Ausnahme-Fotograf der DDR, war es, der diese Szene mit einem Mannequin inszenierte. Die brünette Dame namens Brigitte hat Schmolllippen, frisch frisierte halblange Haare und wahrscheinlich zwei drängende Fragen im Kopf: Warum bitte posiere ich ausgerechnet in diesem schmucklosen Hinterhof und wie lange wird es dauern, bis die Wäsche schwarz sein wird?

Benannt nach Gründerin Sibylle Gerstner

Sibylle Gerstner hat das nach ihr benannte Magazin „Sibylle“ 1956 gegründet. Es erschien sechsmal pro Jahr in einer Auflage von 200 000 Exemplaren. Nach der Wende brach der Umsatz ein. Im letzten Jahr des Erscheinens 1995 wurde die „Sibylle“ im Selbstverlag von mehreren Redakteurinnen herausgebracht.

Die im Magazin präsentierte Mode war in der DDR kaum in Geschäften zu kaufen. Viele Leserinnen versuchten, die Mode aus dem Magazin nachzunähen. Entworfen wurde sie vom Modeinstitut der DDR.

Die Ausstellung im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus ist im Dieselkraftwerk noch bis zum 11. Februar 2018 zu besuchen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Das Bild erschien in der Anfangsphase der fast 40 Jahre langen Geschichte des 1956 gegründeten Modemagazins „Sibylle“. „Bitterfeld stand damals schon synonym für dreckige Luft“, sagt Carmen Schliebe, die Foto-Kustodin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst in Cottbus. „Aber es herrschte der Glaube, die Industrie würde den Staat auf Dauer verbessern.“ Einige Leser fühlten sich trotzdem getäuscht, sie beschwerten sich in Briefen über das unfreiwillig komische Motiv. Eine Ausstellung auf zwei Etagen des Cottbusser Dieselkraftwerks zeigt diesen missglückten und viele gelungene Versuche der Fotografen, das selbstgesteckte Ziel zu erreichen: Die Aufnahmen sollten Frauen in alltagsnahen und dynamischen Situationen zeigen. Die Mode – eigentlich der Mittelpunkt des Magazins – geriet zur Nebensache. Einige Fotografen nutzten die Modefotografie als künstlerische Spielwiese und loteten die Grenzen zur staatlichen Zensur aus. Zu den bildsprachlich provokativ umgesetzten Alltagsgefühlen gehörten zunehmend Skepsis und Orientierungslosigkeit, aber auch ein erstarktes Selbstbewusstsein der Frauen.

Fotos frei von Pathos und voller Poesie

20 Jahre nach den Aufnahmen aus Bitterfeld ist von Wäscheleinen nichts mehr zu sehen. Aus einem Industrieschornstein in Berlin steigt pechschwarzer Rauch auf, daneben Plattenbauten, davor eine breite Straße. Eine dunkelhaarige Frau stemmt ihre Hände in die Hüfte und wirft dem Betrachter einen Was-willst-du-denn-Blick zu. Das Foto stammt von Sibylle Bergemann. Ihre Arbeiten sind frei von Pathos und stecken voller Poesie. Interpretationsspielraum: unendlich. Eine 1976 in Rathenow entstandene Aufnahme zeigt eine blonde Frau in triumphierender Pose auf einer Kugel (die Welt?) vor einem Zirkuszelt (die DDR?) neben einem teilnahmslos

Modefotografie, Herbstmode in Berlin, Gasometer, Ost-Berlin, 1962, DDR#fashion photography, 1962, Berlin, GDR Arno Fischer Berlin 1962 Silbergelatineabzug. Quelle: Erbengemeinschaft Arno Fischer/ Ostkreuz

dreinblickenden Schimpansen (der Mann?). War das der DDR-Staatsführung und der Kommission, die die „Sibylle“-Ausgaben abnahm, nicht zu pessimistisch? „In der Fotografie war vieles möglich, was in der Literatur nicht ging“, sagt Carmen Schliebe und betont, dass die Zeitschrift oft erst kurz vor Andruck bei den Zensoren landete. Dennoch hängen in der Ausstellung Bilder, in denen später die Rocklänge retuschiert oder, wie in einem Bergedorf-Bild missmutiger Badegäste, der Mundwinkel nach oben gezogen wurde. Die Bilder vermitteln trotzdem einen klaren Eindruck: Diese Frauen haben kein Interesse am Aufbau des Kommunismus, sondern am Abbau der eigenen Langeweile.

Mit wehenden Haaren vor dem Berliner Gasometer

Die Kuratoren haben sich zum Glück ganz auf die Fotografen und ihre erstaunlich vielfältige Bildsprache konzentriert. Da ist die Dynamik der Aufnahmen von Arno Fischer, der Frauen im Aufbruch zeigt – zum Beispiel mit wehenden Haaren vorm Gasometer in Berlin. Erotisch aufgeladen und leicht morbide wirken die stark geschminkten Schönheiten, die der heutige „Berghain“-Türsteher Sven Marquardt durch einen Schleier mit schwarzer Blumen-Applikation porträtiert hat. Rätselhaft schön und melancholisch: die Werke von Ute Mahler, ein paar davon sind in einer Ausgabe zum Thema Schwangerenmode Anfang der 1980er erschienen. Die Fotografin zeigt im Hintergrund die Aufsteller von SED-Funktionären, die vermutlich anlässlich eines Feiertags oder Parteitreffens auf einem Berliner Platz stehen. Die Politiker-Porträts sind angeschnitten, im Vordergrund steht eine schwangere Frau, die seitlich nach unten blickt. Ihr Gesicht wirkt, als ob ihr Kopf voller Fragen ist.

Von Maurice Wojach

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