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Die DDR: Mehr als Plattenbau und Pitti

Alltagskultur Die DDR: Mehr als Plattenbau und Pitti

Florentine Nadolni ist gerade einmal 36 Jahre alt und leitet bereits drei Kultureinrichtungen in Beeskow und Eisenhüttenstadt (Oder-Spree). Sie begeistert sich schon seit Jahren für Alltagskultur aus der DDR – und beweist, dass die DDR mehr ist als Plattenbau, Stasi und Pittiplatsch.

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In Eisenhüttenstadt werden Gebrauchsgegenstände der DDR gesammelt.

Quelle: dpa

Beeskow. Florentine Nadolnis neues Büro auf der Burg Beeskow (Oder-Spree) taugt nicht, um zu protzen. Zwei Computerbildschirme und ein Ordner stehen auf dem Boden, dazu drei Stühle, einer dient als Tisch, um Kaffeetassen abzustellen. Das einzige Schmuckstück: eine Designerlampe mit trichterförmigem Schirm. Auf einem angerissenen Aufkleber steht der Betrieb, der sie produziert hat: VEB Leuchtenbau Dresden. „Die habe ich bei unseren Hausmeistern gefunden und gesagt: Die will ich.“ Nadolni sagt’s stolz wie ein Kind, das im Sperrmüll einen Schatz ergattert hat.

Wem die DDR nicht mehr zu sagen hat als Plattenbau, Stasi und Pittiplatsch, dem sei ein Besuch bei der Kulturwissenschaftlerin und Soziologin in Beeskow empfohlen. Nadolni entdeckt Charme und Erkenntnis, wo andere bloß Ödnis sehen. Seit Januar leitet sie das Kultur-, Bildungs- und Ausstellungszentrum Burg Beeskow. Damit ist die gerade mal 36-Jährige Chefin von drei darin zusammengefassten Einrichtungen – von der Burg, dem Kunstarchiv Beeskow und dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt (). Zuvor betreute sie im Berliner Museum der Dinge den Sammlungsbereich zur Alltagskultur der DDR.

Kunstwissenschaftlerin und Soziologin Florentine Nadolni

Kunstwissenschaftlerin und Soziologin Florentine Nadolni.

Quelle: Landkreis Oder-Spree

Nadolni – dunkle Haare, klare Kante, Ponyschnitt, die Kleidung ganz im Schwarz – hat an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) studiert. In ihrer Master-Arbeit untersuchte sie die „Städtische Identität im ostdeutschen Schrumpfungskontext“ und recherchierte in Eisenhüttenstadt, der ersten Planstadt der DDR, die nach der Wende massiv unter dem Wegzug ihrer Bevölkerung litt. Damals sei bei manchen Bewohnern „eine Art Depression entstanden, wenn sie fühlten, dass sie übrig geblieben sind“. Sie sagt’s und schränkt gleich ein, die Befragung, auf die sie sich in ihrer Arbeit bezog, sei ja einige Jahre her, vielleicht habe sich das Gefühl gewandelt. Nadolni will den Menschen gerecht werden – und ihrer Geschichte.

Im Kunstarchiv in Beeskow lagern 23 000 Exponate

Im Kunstarchiv in Beeskow lagern 23 000 Exponate.

Quelle: DPA

In Eisenhüttenstadt besuchte Nadolni im Studium immer wieder das Dok-Zentrum Alltagskultur der DDR, jetzt leitet sie das zuletzt existenzbedrohte Museum, das ihr „sehr am Herzen liegt“. Durch die Vereinigung mit den anderen beiden Einrichtungen scheint es finanziell gerettet. Allerdings steht dem Depot des Hauses der zehnte Notumzug bevor. Die Bedingungen, unter denen tausende Sammlungsgegenstände untergebracht sind, seien „prekär“. Nadolni nestelt an ihrem Ärmel, sie berlinert leicht, sagt „Jelände“ und „Jebäude“. Sie klingt mitfühlend, als spreche sie über einen lieben Bekannten, dessen Gesundheit gefährdet ist. Die Feuchtigkeit zerstöre das Papier der gelagerten Zeitschriften, aber auch Textil und Möbel. Nadolni würde am liebsten die Eisenhüttenstädter Sammlungsstücke und auch die Objekte des Kunstarchivs Beeskow in Schaudepots lagern und präsentieren.

Auch ein Symbol der DDR

Auch ein Symbol der DDR: Moped vom Typ „Schwalbe“.

Quelle: dpa

So sollen Besucher möglichst viele Facetten von Kultur und Kunst der DDR entdecken können. „Es ist kaum möglich, eine Kultur auszustellen“, sagt Nadolni. Andere Ausstellungen, die weniger auf die Details des Alltags in der DDR achten, versuchen es trotzdem. Sie stellen ein Glas Nudossi neben ein FDJ-Hemd in die Vitrine und behaupten, so war die DDR. Nadolni will sich davon auch weiterhin abheben. Das auf Touristen-Abfertigung geeichte DDR-Museum in Berlin beschreibt sie wie einen Jäger, der seine Beute ausstopft, „wie ein totes Tier – erlegt und ausgestellt“.

Die gebürtige Pankowerin erzählt mit aufgerissenen Augen von Utopie und Baukunst. „Man kann sich auch am Anblick von bestimmten, in typisierter Bauweise errichteten Plattenbauten wie etwa Schwimmhallen oder Schulgebäuden aus der DDR erfreuen“, sagt Nadolni, „und traurig sein, wenn sie abgerissen werden.“ Als sie von der „historisierenden Fassade“ spricht, die sich die Planer für den Neubau des Berliner Stadtschlosses wünschen, kippt sie ihren Kopf als Was-soll-das-Geste nach vorne.

Trotz Sanierung können die Kunstbestände begutachtet werden

Florentine Nadolni leitet seit dem 2. Januar das Bildungs-, Kultur- und Ausstellungszentrum Burg Beeskow. Ihre Hauptaufgaben sieht sie darin, die Außenwirkung des Dok-Zentrums und der Burg Beeskow zu stärken. Außerdem geht es ihr darum, die Bedingungen zur Lagerung der Sammlungsgegenstände zu verbessern.

Die Burg Beeskow wird zwar noch saniert, das dortige Regionalmuseum ist aber trotzdem dienstags bis sonntags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Im Bergfried der Burg Beeskow gibt es außerdem vom 8. April bis 10. September die Erlebnisausstellung „Handwerk – Werke der Hand“ zu sehen, mit interaktiven Modulen und Mitmach-Spielen.

Die Burg kooperiert außerdem mit der Kunsthochschule Weißensee. Studenten von dort führen in Beeskow Workshops und Symposien durch, das nächste Mal sind es angehende Designer, die am 24.April ab 14 Uhr unter dem Titel „Zwischen Metropole und Peripherie“ im Gutshof Sauen treffen. Es geht auch darum, eine neue Erzählform für das Regionalmuseum Beeskow zu finden. Anmeldung unter 03366/352701

Die Burg Beeskow dient auch als Veranstaltungsort, zum Beispiel für die Walpurgisnacht am 30. April und den August über für die Oper-Oder-Spree. Weitere Informationen und Ticket-Reservierung gibt es auf www.burg-beeskow.de

Werke aus dem Kunstarchiv Beeskow gibt es bis zum 7. Mai unter dem Titel „Schlaglichter“ im Dokumentationszentrum Eisenhüttenstadt zu sehen. Es liegt in der Erich-Weinert-Allee 3 und ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Kombitickets für „Schlaglichter“ und die Dauerausstellung zur DDR-Alltagskultur kosten vier Euro. Das Kunstarchiv Beeskow ist am 14. Mai um 11 Uhr in einer öffentlichen Führung zu besichtigen. Anmeldung unter 03366-352701, der Eintritt kostet 5 Euro. Im Kunstarchiv lagern rund 23.000 Objekte, die vor der Wende den Parteien, Massenorganisationen und Staatsorganen der DDR gehörten. Viele Werke entstanden im Auftrag, andere wurden angekauft oder sind Schenkungen.

Fragen nach ihrer neuen Rolle als Führungskraft beantwortet sie mit einem Wort: „Respekt“. Vor der Aufgabe an sich, vor der Erfahrung und Offenheit der Mitarbeiter und vor der Zahl von bis zu zwölf wechselnden Sonderausstellungen, die bislang jährlich auf der Burg Beeskow zu sehen waren. „Doing Leitung“ – das sei ihre Art, Chefin zu sein, eben ein Lernprozess.

Es ist Abend geworden, dabei wollte Nadolni noch durchs Gebäude führen. Die Burg wird saniert. Andere Chefs hätten sich längst einen Generalschlüssel gezogen oder einen Mitarbeiter verdonnert, länger zu bleiben. Nadolni bietet an, im Dunkeln wenigstens über die Baustelle zu schlendern. Gesagt, getan, am Ende die Frage, was sie wohl am meisten für die neue Aufgabe qualifiziere. Verschämter Verweis darauf, doch lieber die anderen zu fragen. Dann doch noch ein Satz: „Ich habe eine große Begeisterungsfähigkeit.“

Von Maurice Wojach

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