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Die Dame und die Dämonen

Kleist-Museum Die Dame und die Dämonen

Seit einem halben Jahr führt Hannah Lotte Lund das Kleist-Museum in Frankfurt (Oder), auch das Verhältnis von Kleist zu Goethe wird dort derzeit beleuchtet. Die Dauerausstellung wiederum wagt einen kühnen Ansatz, sie trennt Werk und Biografie des großen Sohnes aus Brandenburg. Das Konzept geht auf. Die Frage bleibt: Warum ist Kleist in Brandenburg kein Abi-Thema?

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Hannah Lotte Lund, Museums-Direktorin, mischt Witz ins akademische Wissen: Kleists Helden Prinz von Homburg hat sie auch als Playmobilfigur.

Quelle: Museum

Frankfurt (Oder). Warum hat eigentlich noch keine dieser hoch nervösen, gut gebauten Serien aus den USA den Brandenburger Kleist als Titelhelden oder Coverboy entdeckt? Er hat Sätze hinterlassen, die sprengen mit ihrer Wucht, Gewalt und Menschenkenntnis jedes „Breaking Bad“ und „Game Of Thrones“. Als er 34 Jahre alt gewesen ist, hat er sich mit seiner Verlobten am Berliner Wannsee erschossen. Und vorher in bester Laune einen Kaffee bestellt. Im Fernsehen brächte Kleist, veranlagt zwischen Poesie und Poltergeist, beste Quoten. Doch hat er auch noch Leser?

Hannah Lotte Lund will diese Frage klären. Sie, 45 Jahre alt, ist seit August 2016 Direktorin am Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) – in diesem Amt könnte man Schwermut oder Weltabkehr vermutet, denn Heinrich von Kleist (1777-1811) war Meister der Zerrissenheit. Er zerbrach an der Verachtung für den Drill und an der Liebe für das In-die-Wolken-Gucken.

Die neue Chefin aber neigt der hellen Seite zu, Kleists Dämonen sind der promovierten Dame – rein persönlich – fremd. Ihr Umgang mit dem Helden zeigt sich zuweilen spielerisch, da reicht ein Blick auf ihren Bildschirmschoner: Dort steht der Prinz von Homburg als Playmobilfigur, einer der großen Träumer aus Kleists Werk. Doch nur für einige Sekunden, dann erscheint auf dem Display Kleists Handschrift. „Sie war überraschend gleichmäßig für diesen unsteten Charakter“, sagt Lund. Vor ihrem Dienstantritt in Frankfurt hat sie sich wissenschaftlich viel mit dieser Handschrift beschäftigt. Gerade sieht man den berühmten Satz aus Kleists Abschiedsbrief an seine Schwester: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“

Geboren in Frankfurt (Oder), Selbstmord in Berlin

Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder) geboren, er brachte sich am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee in Berlin um.

Zu den Werken von Kleist zählen die Dramen „Der zerbrochne Krug“, „Prinz Friedrich von Homburg“ sowie die Erzählung „Michael Kohlhaas“.

Das Kleist-Museum in Frankfurt (Oder), Faberstraße 6-7, hat Di bis So 10-18 Uhr geöffnet. Die Sonderausstellung „Vernetzte Köpfe. Gleim-Goethe-Kleist“ ist bis
19. März zu sehen.

Derzeit pendelt Hannah Lotte Lund zwischen Berlin und Frankfurt, bald will sie mit ihrer Familie ein Quartier im Frankfurter Umland suchen. Sie nennt den Zug zwischen den beiden Städten „Kleist-Express“, weil er Frankfurt, die Heimat des Dichters an der Oder, mit dem Grab am Kleinen Wannsee in Berlin verbindet. Lund mischt gerne den Witz ins akademische Wissen.

Trampeln, Lachen, Handyklingeln im Foyer – gerade sind 60 Schüler aus Hamburg ins Kleist-Museum gekommen, das seit Herbst 2013 über einen in seiner Strenge spektakulären, 5,6 Millionen Euro teuren Anbau verfügt. Die Elftklässler bereiten sich aufs Abitur vor, denn in Hamburg ist Kleist ein Thema bei der Abschlussprüfung. In Brandenburg hingegen nicht. Warum? Es gibt kaum einen berühmteren, wirkungsmächtigeren, aufregenderen Sohn der Mark. Hannah Lotte Lund möchte Kleist ins Brandenburger Abitur heben, und reist in dieser Frage bald nach Potsdam ins Bildungsministerium. Eine letzte Anfrage aus dem Jahr 2012 wurde negativ beantwortet. „Es wäre die Chance, im Kleist-Museum noch mehr Schüler aus Brandenburg zu begrüßen“, sagt sie. Nein, jetzt kein Pfeffer, keine Polemik zu diesem Thema. Das würde die Verhandlungen erschweren.

Die Besucherzahlen sind gestiegen, seit der Anbau eröffnet wurde: 2013 kamen 9721 Besucher ins Frankfurter Haus, 2014 aber, im ersten kompletten Jahr mit Erweiterung, waren es 12 688. Vorne liegt das Kleistjahr 2011: Präzise 200 Jahre nach Kleists Tod besuchten 18 774 Menschen das Museum.

Aktuell zeigt das Haus neben der engagierten, kühnen Dauerausstellung, die gekonnt Leben und Werk des Dichters separat behandelt, die neue Schau „Vernetzte Köpfe“. Es geht um Kleist, Goethe und den Dichter, Aufklärer und Sammler Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Sie waren Zeitgenossen, verbrachten lange Stunden mit Briefeschreiben, Kontaktpflege und dem, was man heute „Netzwerken“ nennt: Sie knüpften nützliche Kontakte. Der Künstler Stephan Klenner-Otto, 57 Jahre alt, hat die Köpfe des unmittelbaren Umfeldes dieser Drei gezeichnet, er hält sich an die seriöse Grafik, rutscht aber gerne, mit Respekt, für Millimeter in die Ironie.

Zum Netzwerk von Kleist zählten neben Größen wie Jean Paul, E.T.A. Hoffmann oder Immanuel Kant auch Clemens Brentano, der zu den Mitarbeitern von Kleist „Berliner Abendblättern“ gehörte. Ein kleiner Text unter den Bildern erzählt Verbindungen und Berührungspunkte zwischen den drei Leitsternen Kleist, Goethe und Gleim. Das Verhältnis zwischen Kleist und Goethe gilt als brisant, auch wenn es in dieser Schau nicht explizit zum Ausdruck kommt: Goethe inszenierte die Uraufführung von Kleists „Der zerbrochne Krug“, sie war ein Reinfall, weil Goethe das Stück nach den „Konventionen der Zeit“ gezeigt hat, wie Hannah Lotte Lund es formuliert – Goethe hat den Einakter brav in drei Akte gepackt, wie damals üblich, und das Tempo arg gedrosselt. Die Fassung wirkte „wie in Zeitlupe“, glaubt Lund. Das war kein böser Wille, sondern galt als Zeitgeist. Kleists Karriere aber hat unter dem Misserfolg gelitten.

Nein, die Direktorin hat nichts gegen Goethe, sie schätze auch Schiller, „beide haben beschrieben, wie der Mensch im Idealfall sein soll.“ Sie holt Luft, und dann der Zusatz, fast klingt er nach Liebe: „Heinrich von Kleist aber sagt uns, wie der Mensch tatsächlich ist.“

Von Lars Grote

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