Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Zeiten des Aufruhrs
Nachrichten Kultur Zeiten des Aufruhrs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:02 08.07.2018
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius Quelle: Jürgen Bauer
Potsdam

Sein extra für diesen Anlass verfasstes Antikriegsgedicht gegen Vietnam hat Friedrich Christian Delius gar nicht vorgelesen. Für Schlagzeilen haben andere gesorgt 1966 auf der legendären Tagung der Gruppe 47 in Princeton. Allen voran Peter Handke, der seinen älteren Kollegen die „Beschreibungsimpotenz“ ihrer „ganz dummen und läppischen Prosa“ vorwarf. Der Aufenthalt in New York neigt sich schon dem Ende zu. Am letzten Abend aber lässt sich Delius von zwei Freunden dazu überreden, ein Jazz-Konzert von Albert Ayler in Slugs‘ Saloon in der Lower East Side zu besuchen. Er durchlebt dabei den Ritus einer Initiation.

Der Freejazz als Lebensgefühl

In seiner klingenden, gerade mal knapp 100 Seiten langen Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“ erinnert sich der 75-jährige Friedrich Christian Delius jetzt noch einmal an das Konzert, dessen „Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule“ ihm am Anfang noch Unbehagen bereitet. Nur irgendwie aushalten, sagt er sich bei diesem „Zirkusgetöse“, wie er es nennt, um sich vor den Freunden keine Blöße zu geben und als Provinzler zu gelten.

Mit der Zeit aber nimmt der Freejazz ihn gefangen. Seine Gedanken driften ab. Er erinnert sich an die schwarzhaarige Mitschülerin, deren Blicke nur dem Trompeter der Schulband galten. Um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, fing er als junger Spund mit dem Schreiben an. Natürlich auch, um sich vom Vater und all den anderen alten Männern abzugrenzen, die, ohne es zu wollen, in ihm die „Gegenkräfte“ weckten und zum Schriftsteller werden ließen.

Bleierne Nachkriegszeit

In einer fiebernden Sprache, die den Synkopen des Freejazz nachempfunden zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin- und herstolpert, erzählt der 1943 geborene Friedrich Christian Delius vom Gefühl der Nachkriegszeit, das er als junger Mann als bleiern empfunden hat. Bedrückende Jahre, in denen die alten Männer immer noch an der Macht waren. „Dabei waren es doch die Väter, die so gut wie alles falsch gemacht hatten, und wir waren gezwungen und hatten das Glück, neue Wege zu gehen.“

Im Verhältnis zum eigenen Vater spiegelt sich das wider. Explizit in der Szene, in welcher ihn der alte Herr nachts stellt, weil er zu spät nach Hause gekommen ist und so das in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht habe. Verzweifelt wirft der Vater seinem Sohn ein Kissen hinterher. Wegen so einer Lappalie. Dass er da schon schwer krank ist und nur noch zehn Monate zu leben hat, weil sich seine Leber nie mehr von den Strapazen des Kriegs erholen sollte, wusste der junge Delius damals nicht.

Schreiben als Waffe

Die Schreibmaschine wird ihm in dieser Entwicklungsphase zu einer Waffe, um „das schwache, schwankende Ich zu verteidigen“ und zu stabilisieren.

Es ist schon beeindruckend mit wie wenigen Wortes Delius es schafft, das Lebensgefühl des Aufbruchs wieder erstehen zu lassen. Der Jazz des Saxophonisten Albert Ayler liefert den Soundtrack dazu. Bei den freien Takten und Disharmonien erst wird dem als Sohn eines Pfarrers aufgewachsenen Delius klar, was seinen eigenen Gedichten fehlt: „es waren die schrägen Töne, es war das Wilde, das Freche“. Die Erzählung lässt sich so nicht nur als späte Versöhnung mit dem Vater lesen, sondern auch als eine Poetologie der frühen Jahre.

Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit. Rowohlt Berlin, 96 Seiten, 16 Euro.

Von Welf Grombacher

Juli Zehs Erfolgsroman „Unterleuten“ wird an mehreren Orten in Brandenburg verfilmt. Regie führt ein gebürtiger Potsdamer.

11.07.2018

Seit vier Jahren schreibt die Ukrainerin Tanja Maljartschuk erst in deutscher Sprache. Jetzt kann sich die Autorin über eine der renommiertesten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum freuen.

08.07.2018

Vier kleine Drachen, ein eingefrorener Schatz und ein Drachenpapa mit heißem Herzen – das sind die Zutaten des “Kinderspiels des Jahres 2018“.

08.07.2018