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Buchmesse ist so politisch, wie lange nicht

Boykott staatlicher Verlage Buchmesse ist so politisch, wie lange nicht

Die Frankfurter Buchmesse, zu der noch bis Sonntag rund 300 000 Besucher erwartet werden, steht unter dem Label der bedrohten Meinungsfreiheit. Das passt nicht allen teilnehmenden Ländern. Die staatlichen Verlage boykottieren deshalb die größte Bücherschau der Welt. Ihre Ausstellungsstände blieben in diesem Jahr leer.

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Aus Protest gegen die Einladung von Salman Rushdie zur Frankfurter Buchmesse sind die staatlichen Verlage des Iran sind in diesem Jahr nicht erschienen.

Quelle: Foto: imago

Frankfurt am Main. „Mach was Buntes“ steht in großen rosafarbenen Lettern über einem Stand in der Halle 3. Besucher der Frankfurter Buchmesse angeln in einem Glücksspielautomaten nach gehäkelten Kühen, die „Wollowbies“ heißen. Dahinter stapeln sich Bücher über Handarbeit, Backen und Geschenkverpackung. Die Buchmesse will mit den Kunsthandwerkern eine neue Zielgruppe gewinnen. Längst führen Crafter die Bestsellerlisten im Sachbuchbereich an, seit diesem Jahr bietet ihnen die Messe gemeinsam mit der Website Dawanda eine große Plattform.

Parallel stricken Autoren ein literarisches Gewand des Widerstandes gegen staatliche Bevormundung. Salman Rushdie sagte in seiner Eröffnungsrede: Wer die Meinungsfreiheit beschneide, greife die menschliche Natur an. Als der Iran 1989 die Fatwa gegen den Autor der angeblich blasphemischen „Satanischen Verse“ verhängte, lud die Frankfurter Buchmesse das Land als Strafe zwei Jahre lang aus. Nun sagten die staatlichen Verlage als Protest gegen die Rede Salman Rushdies selbst die Teilnahme am weltweit größten Branchentreffen ab. Der große leere Stand in der Halle 4 wird von einem Absperrband abgezäunt wie der Ort eines Verbrechens - ein trauriger Anblick. Drum herum ducken sich einzelne iranische Verleger in ihre Standkabinen wie die Mitglieder eines Geheimbundes. Auch Mahmoud Reza Bahmanpour vom unabhängigen Verlag Nazar Art Publications ist trotz des staatlichen Boykotts angereist. Er sagt: „Es gab keine offizielle Verhaltensansage, also haben wir ein Dilemma. Frankfurt ist sehr wichtig für uns, aber wir wollen auch kein Risiko eingehen.“ Also habe man den eigenen Stand lieber nicht aufgebaut, sondern treffe sich an anderen Orten mit Kollegen.

Die Buchmesse, zu der noch bis Sonntag rund 300 000 Besucher erwartet werden, steht unter dem Label der bedrohten Meinungsfreiheit. „Hier finden Sie alles, was nicht gegen das Grundgesetz verstößt. Tabubrüche muss man aushalten können“, sagte Messedirektor Juergen Boos programmatisch bei einer Diskussionsveranstaltung.

Drängte sich in den Vorjahren die Digitalisierung in den Vordergrund, zeigt sich die Buchmesse jetzt politischer denn je. Die Überwindung von Grenzen steht beim neuen Diskussionsformat „Weltempfang“ im Fokus. Eine ägyptische Autorin beklagt, dass die Bibliotheken in ihrem Land geschlossen sind, der deutsch-bulgarische Schriftsteller Ilija Trojanow erklärt das Verhältnis von politischer Gewalt und Literatur. Symbolhaft ist der Weltempfang gegenüber den Übersetzerständen angesiedelt. Das Autorenforum „Frankfurt Undercover“ dreht sich um Extremismus. Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, sprach am Freitag mit iranischen Schriftstellern über „Die Stimmen des Schweigens“. Es ist eine treffende Metapher für den Zwiespalt von Künstlern, denen ihr Land absurde Regeln diktiert, wovon auch der Regisseur Jafar Panahi in seinem preisgekrönten Film „Taxi Teheran“ (2015) berichtete. Zur Flüchtlingsdebatte sagte Kermani, seit seiner Kindheit als Sohn iranischer Einwanderer in Siegen in den Siebziger Jahren habe sich viel getan: „Damals war es noch üblich, reine Ausländerklassen zu bilden. Heute sind junge Menschen viel aufgeschlossener. Sie haben kein Problem damit, einen türkischen Popstar anzuhimmeln. Und in der Mehrheit bekennen sie sich zu ihrem gastfreundlichen Land. Das halte ich für einen Riesenerfolg.“ Kermani forderte die Abkehr vom Dublinabkommen, das Flüchtlinge zwinge, auf illegale Weise einzureisen.

Glaubt man den zahlreichen Veranstaltungen auf der Buchmesse, ließe sich die Flüchtlingskrise allein anhand von Lesezirkeln, Bibliothekszugängen und Bildungsangeboten meistern. Frankfurt setzte ein Zeichen und schickte Flüchtlinge kostenlos und mit muttersprachlichen Paten auf die Messe.

Der Streich des Sascha Lobo

Am „Spiegel“-Stand lüftete Digitalpionier Sascha Lobo am Freitag ein Geheimnis: In der ersten Ausgabe des neuen „Literaturspiegel“ hatte er im September eine Fake-Rezension veröffentlicht. Der von ihm gepriesene Roman „Cybris“ über die digitale Welt existiert gar nicht, auch die Autorin Carol Felt ist eine Erfindung.

Mit dem „Spiegel“-Literaturkritiker Volker Weidermann hatte Lobo auch ein Diskussionsvideo zum Roman gedreht. Mit der Aktion parodiert das Duo die Mechanismen der Literaturkritik – viele Twitterer hatten schon vorab Zweifel an der Echtheit des Romans angemeldet.

Das Branchentreffen belegt Rushdies These, dass die Sehnsucht nach Freiheit und Fiktionen die Kulturen vereint. 66 Prozent der Aussteller kommen aus dem Ausland. Ein neues Messekonzept trägt der Internationalisierung der Buchwelt Rechnung: Die englischsprachigen Verlage, die bislang in der weit entfernten Halle 8 ein Ghettodasein fristeten, zogen in die Halle 6 um - eine längst überfällige Öffnung. Auch krisengeschüttelte Länder wie Syrien oder Griechenland haben Stände.

Der Auftritt des Gastlandes - Indonesien - fiel in diesem Jahr weniger anschaulich als in den Vorjahren aus. Auf einer „Insel der Gewürze“ können Besucher weißen Ingwer und Curryblätter zwischen den Fingern verreiben. Jenseits von Exotik erfährt man wenig über ein Land, dessen Jugend immerhin weltweit Spitzenreiter bei der Nutzung sozialer Medien ist. 1000 Verlage hat Indonesien, von deren veröffentlichten Werken bislang nur 267 ins Englische übersetzt wurden, heißt es im Pressetext.

Die Selbstmitleidsphase einer im Wandel begriffenen Buchwelt scheint zumindest auf der Messe überwunden. Auch deutsche Autoren und Verlage haben ein alternatives Thema als die Angst vor Amazon gefunden und berufen sich wieder auf die gesellschaftsverändernde Kraft von Literatur. Das lässt sich auch an den Nominierungen zum diesjährigen Buchpreis ablesen: Politische Themen überwogen. Im Gewinnerroman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ lässt der Autor Frank Witzel den jungen Helden mit Hilfe der Phantasie zu sich selbst finden. Schöner kann man die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität nicht beschreiben. Im ARD-Gespräch berichtete der Autor auf der Messe: „Viele junge Leser sagen mir, sie würden sich selbst in meinem Buch wiederkennen. Auch wenn sie zur Zeit der RAF noch gar nicht auf der Welt waren.“ Beim Lesen lösen sich scheinbar unüberwindbare Grenzen eben plötzlich auf.

Von Nina May

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