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Die Generation Mauerfall

Ausstellung Die Generation Mauerfall

Als die DDR zugrunde ging, fing das Leben der Wendekinder erst an. Wie sehr sie die DDR-Geschichte wirklich geprägt hat und was aus ihren Wünschen und Vorstellungen geworden ist, verrät die Ausstellung „Wendekinder II – Eine Fortsetzung“ der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung in Potsdam, die am Mittwochabend eröffnet.

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Tim (25) aus Wittenberge und Karolin (26) aus einem Dorf in der Prignitz sind Teil der Ausstellung „Wendekinder II – Eine Fortsetzung.“

Quelle: Jens Oellermann/Achim Sommer

Potsdam. Als Karolin im Januar 1989 in der Prignitz zur Welt kam, gab es sie noch, die Mauer und die DDR. Dass sie damals in eine Zeit voller Umbruch hineingeboren wurde, bekam sie nach ihrer Schulzeit in Kunow (Prignitz) zu spüren. Karolins Jahrgang war der letzte, danach musste die Schule schließen. Die Geburtenrate knickte ein, viele Menschen zogen weg.

Martina Schellhorn von der Landeszentrale für Politische Bildung traf Karolin vor elf Jahren zum ersten Mal. Für ihre erste Ausstellung zum Thema „Wendekinder – Ansichten von Jugendlichen aus dem Land Brandenburg“ interviewte sie die Schülerin damals. In diesem Jahr gab es ein Wiedersehen für eine zweite Wendekinder-Ausstellung. Martina Schellhorn (60) hat zwölf Wendekinder erneut befragt und stellt deren Geschichten vom heutigen Mittwoch an in der Ausstellung „Wendekinder II – eine Fortsetzung“ in der Landeszentrale vor.

Starke Heimatverbundenheit

Karolin ist ihrer Heimat treu geblieben und arbeitet als Altenpflegehilfskraft im Senioren-Wohnpark Kyritz (Ostprignitz-Ruppin). Eigentlich wollte sie Tierpflegerin werden, doch das war in der Region nicht möglich. Weggehen kam für die 26-Jährige aber nicht infrage, also musste sie umsatteln. Mit der DDR fühlt sich die Schönhagenerin kaum verbunden, wie sie Martina Schellhorn 2004 im Gespräch erzählte. „Von meiner Oma weiß ich, dass es viel strenger war, auch zu Kindern war man strenger. Und meine Mutti sagt manchmal, dass die Mauer wieder aufgebaut werden sollte, nur viel höher“, sagte Karolin damals.

Die zwölf befragten Wendekinder hat Schellhorn auf jeweils drei Schautafeln porträtiert. „Die Optik soll an ein Familienfotoalbum erinnern“, erklärt die Ausstellungsmacherin. Auf der einen Seite zeigen mehrere analoge Fotos collagenartig zusammengewürfelt die Protagonisten vor etwa zehn Jahren, meist im Klassenzimmer. In der Mitte stehen Zitate der damaligen Schüler, ergänzt durch Kommentare und Mitschnitte aus den aktuellen Gesprächen. Halbporträts von Fotograf Jens Oellermann zeigen die Wendekinder, wie sie jetzt aussehen, fast in Lebensgröße in ihrem heutigen Wohnort.

Martina Schellhorn hat nicht nur die Ausstellung aufgebaut, sondern ist auch Autorin der Begleitpublikation

Martina Schellhorn hat nicht nur die Ausstellung aufgebaut, sondern ist auch Autorin der Begleitpublikation.

Quelle: Luise Fröhlich

Große Überraschungen

„An ihrem Aussehen ist die Veränderung natürlich am deutlichsten zu erkennen“, so Schellhorn. Was beruflich und privat aus ihnen geworden ist, war auch für sie eine große Überraschung: „Genau dort wollen wir die Besucher abholen.“ Das Konzept funktioniert, denn die Vorher-Nachher-Fotos ziehen sofort den Blick auf sich. Aber auch die einzelnen Geschichten dahinter interessieren. Die Gleichaltrigen hatten teils ähnliche, teils aber auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen, je nachdem, wo sie aufwuchsen oder wie sie die Schule meisterten. Manche sind geblieben, andere haben schnellstmöglich das Weite gesucht.

Es sind Geschichten, die verschiedener nicht sein könnten. Sascha zum Beispiel, der eigentlich Kfz-Mechaniker werden und in Berlin leben wollte, ist jetzt Dauercamper im Grünen am Rande der Hauptstadt und arbeitet als Informatiker. Anna, 1989 in der Prignitz geboren, wurde mit 17 ungeplant schwanger und musste schneller erwachsen werden, als es ihr lieb war. Tim aus Wittenberge (Prignitz) erfüllte sich nach dem Abitur seinen Wunsch, in Berlin zu leben und zu reisen – eine Möglichkeit, die seinen Eltern verbaut war.

DDR spielt keine große Rolle

Die DDR kennen die Wendekinder nur noch aus Erzählungen. „Für mich ist es wichtig zu wissen, wo ich herkomme. Andererseits sage ich mir, dass es viel wichtiger ist, wo ich jetzt bin, weil ich nicht gestern lebe, ich lebe ja heute“, sagte Paula damals, im Alter von 15 Jahren. Für ihre Mutter sei es auch jetzt noch der Wahnsinn, dass sich ihre Tochter für Praktika in Paris oder New York bewirbt. Die DDR-Geschichte spielt im Leben der Wendekinder kaum mehr eine Rolle. „Sie haben ganz andere Probleme“, sagt Schellhorn.

Unsicherheit in Politikfragen gehörten zum Beispiel vor zehn Jahren dazu. Bei Probewahlen im Politikunterricht hat Sascha seinen Stimmzettel aus Unsicherheit, wen er wählen sollte, ungültig gemacht. Das hat sich mittlerweile geändert, auch weil er die Auswirkungen politischer Entscheidungen im Berufsleben direkt spürt.

Chronik des Projekts

2004 befragte Martina Schellhorn erstmals 16 Jugendliche aus drei verschiedenen Regionen Brandenburgs über Themen wie Heimat, Familie und Beruf.

fiel bewusst auf ländliche Regionen in der Prignitz, wie Wittenberge, im Gegensatz zur aufstrebenden Großstadt Potsdam.

Aus Schellhorns Porträts und den Fotos von Achim Sommer entstand zuerst die Publikation „Wendekinder – Ansichten von Jugendlichen im Land Brandenburg.“





nach 25 Jahren Wiedervereinigung erhält neben der Ausstellung ebenfalls eine Begleitpublikation.


Die Ausstellung „Wendekinder II – Eine Fortsetzung“ wird in der Landeszentrale für Politische Bildung in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17) gezeigt. Sie ist von Montag bis Mittwoch von 9 – 18 Uhr und Donnerstag und Freitag von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Sie geht bis April 2016.

 

Von Luise Fröhlich

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