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10:35 05.08.2016
Kurator der Stadtgalerie Werder Frank W. Weber (58) vor einem vergrößerten Ausschnitt der Havel im Ausstellungsraum im Kunst-Geschoss. Quelle: Julian Stähle
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Potsdam/Werder

Er besitzt ein Faible für ausufernde Maße. Der Künstler Götz Lemberg liebt nach eigener Aussage die Größe. „Größe verstellt die Proportionen“, so Lemberg. Verändert hat Lemberg das Größenverhältnis in seinem jüngsten Foto-Projekt „H_V_L-Cuts“, Havel-Schnitte. In seinen Fotografien porträtiert Lemberg 178 Kilometer der Havel. Bei der Havelreise teilte er Kilometer für Kilometer die Wasserstraße in fotografische Abschnitte. Herausgekommen ist ein detailreiches Porträt eines „sehr besonderen Flusses“, so Lemberg. Die Besonderheit: er wechselte die Perspektive und machte den „Fluss zum Hauptspieler“. „Sonst schaut man meist auf den Fluss“, sagt Lemberg.

Unterschiedliche Schwerpunkte

Seit Donnerstag sind die Aufnahmen an sechs verschiedenen Standorten in der Mark zu sehen. Jede Galerie verfolgt dabei einen anderen Schwerpunkt. In der Kirche von Petzow zeigt der Künstler einzig die Landschaft entlang der Havel, in Caputh widmet er sich den Übergängen von der reinen Natur hin zur Besiedlung.

Zur Eröffnungsveranstaltung lobte Schirmherr Martin Gorholt (SPD), Staatssekretär für Wissenschaft, Forschung und Kultur, die Bilder als reizvoll, die dazu anregen, genauer hinzuschauen. Götz Lembergs Bildschnitte zeigen drei verschiedene Motive, den Himmel, den Horizont, das Wasser. In seinem Atelier setzte er die Bilder jedoch anders zusammen. Lemberg arrangierte Himmel- und Wasseransichten um den Horizontverlauf, die eigentlich kilometerweit voneinander entfernt liegen. Allein der Horizontverlauf verläuft chronologisch – ein dennoch stimmiges Werk. Auf diese Weise suggerieren sie nur einen durchgehenden Verlauf, ein illusorisches Panorama.

Im Kunst-Geschoss der Stadtgalerie Werder/Havel ist Lembergs Werk in Gänze zu sehen. Eine Bildstrecke zeigt alle 178 Bildelemente der Havel – von Potsdam bis hoch zur Mündung in die Elbe. Dem Betrachter eröffnet sich in Werder eine etwa zehn Meter lange Panoramaansicht der Havel. Eine zusammenhängende, gleichzeitig aber unterbrochene Ansicht. „Es ist sehr detailgenau“, sagt der Kurator der Stadtgalerie Werder, Frank W. Weber.

Die Potsdamer Ausstellung spiegelt Stadt

Ein ganz anderes Bild zeichnet sich in der Potsdamer Ausstellung im Kunsthaus des Kunstvereins Potsdam ab. Diese Ablichtungen zeigen die Koexistenz der Gegenwart mit der Vergangenheit. Besonders deutlich wird dies durch die Architektur. Ein Bild zeigt unverkennbar die Potsdamer Mitte: das 70er-Jahre Hotel Mercure neben der Nikolaikirche aus dem Jahr 1837 mit ihrer markanten Tambourkuppel. Zwischen den Aufnahmen von Hauswänden, Hofeinfahrten und Baukränen findet man trotz aller Urbanität eine reine Naturaufnahme.

Der Künstler Götz Lemberg im Kunsthaus Potsdam. Quelle: Friedrich Bungert

Eine Hecke als Grundstücksbegrenzung – direkt neben einem mit Pflanzen bemalten Transformatorenhäuschen. Ein weiterer Blickfang in Potsdam ist ein zweiteiliges Bild mit großflächigen vierfarbigen Kreisen, die über das Bild hinaus zu ragen scheinen. Dieser Bildausschnitt, so scheint es, zeigt nichts von der Havel oder ihrer Landschaft. Unweigerlich lässt dieses Foto den Beobachter einen Schritt zurücktreten. Die satten, auffallenden Farben springen gewissermaßen aus dem Bild heraus und schmettern dem Betrachter die Wörter ’Werbung’ und ’Discounter’ förmlich entgegen. Sie stehen im krassen Gegensatz zu den übrigen Bildern im Raum, zeigen dennoch die Vielfalt der Wasserstraße. „Die Havel“, so der Fotograf Lemberg, „besteht nicht nur aus einer Farbe“.

Potsdam und Werder könnten nicht unterschiedlicher sein

Die Ausstellungsstücke in der Landeshauptstadt unterscheiden sich maßgeblich von der Galerie in Werder. Während die erste Ausstellung die Charakteristika einer Stadt mit Straßenzügen und architektonischen Umbrüchen symbolisiert, fließt die Havel ganz gemächlich durch die Sammlung im Kunst-Geschoss Werder.

Die geografischen Lagen beider Städte wird in den ausgewählten Bildern widergespiegelt. Bei näherer Betrachtung erscheinen alle Bildschnipsel wie ein Wimmelbild – hier eine Welle, dort ein Radfahrer, Teile eines Baukrans oder ein halbes Bootsheck. Eine besondere Herausforderung stellen die Übergänge zwischen den einzelnen Bildelementen dar. Trotz der Distanz, die zwischen den jeweiligen Aufnahmen steht, die Bilder wurden nicht nur weit von einander entfernt aufgenommen, sondern auch zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, versucht der Betrachter, eine Verbindung zwischen den Abbildungen herzustellen.

Unverkennbar ist auf diesem Bild die Landeshauptstadt zu sehen. Quelle: Julian Stähle

Eine Gemeinsamkeit, die von allen Haveldarstellungen geteilt wird, ist die fehlende Ortsbeschreibung. Götz Lemberg hat sie bewusst weggelassen. „Ich wollte mehr als einen Ort abbilden“, sagt er. Darüber hinaus sollen die Galeriebesucher den Ort nicht sofort erkennen, sondern die Landschaft erst ein wenig absuchen. Werder-Kurator Weber fügt hinzu, dass in der Realität schließlich auch keine Schilder stünden.

Von Lisa Neumann

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